Freitag, 07. Oktober 2022

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Vierkanthöfe in Österreich
Neue Ideen für alte Bauernhöfe

Sie ähneln der Bauart von Klöstern und Stiften in Niederösterreich. Die Vierkant- und Vierseithöfe prägen mit ihren charakteristischen Bauformen das Bild der Landschaft. Früher waren sie Mittelpunkt der Vieh- und Ackerlandwirtschaft, heute erhalten viele Bauern die Höfe mit alternativen Nutzungsideen.

Von Lothar Bodingbauer | 11.05.2014

    Eine Bäuerin melkt eine Kuh im Stall.
    Eine Bäuerin melkt eine Kuh im Stall. (dpa / picture-alliance / Wolfram Steinberg)
    Wer eine Reise nach Niederösterreich unternimmt, wird im Westen dieses Bundeslandes die vielen Bauernhöfe bemerken, die eine ganz besondere Form haben. In Österreich lernen das die Kinder in der Grundschule: die Hofformen der Bauernhöfe. Da gibt es jene, die an den Ecken offen sind, und bei denen die Tore diese offenen Ecken verbinden, die heißen Vierseithöfe.
    Und es gibt die Vierkanthöfe, ziemlich quadratisch, bei denen liegen die Tore in der Mitte der Mauern vier Seiten. Vierkanthöfe sind die "bäuerlichen Burgen" der Region im westlichen Niederösterreich, nördlich der Alpen, in der Mitte Österreichs. Sie sehen ähnlich aus, wie die Bauten der Stifte und Klöster in der Region und sind für Vorbeikommende ein typisches Bild in der Landschaft - die man übrigens auch leicht über die Satellitenbilder von Google erkunden kann.
    Überall findet man sie dort, die Vierkanthöfe, die meisten von ihnen sind nach wie vor in Betrieb, auch wenn die Erhaltung schwierig werden kann, wenn die Bauern älter werden, keine Nachfolger haben, und überhaupt, wenn sich die Umstände des Lebens ändern. Lothar Bodingbauer nimmt uns mit ins österreichische "Mostviertel", wo er mit einem Heimatforscher die Vierkanthöfe der Region besucht hat.
    Beim Moar in der Hilm, das ist der Hausname. Moa, von Meier, lateinisch Major, der Oberste, der Erste und Hilm von mittelhochdeutsch Hülve - die feuchte Zone. Es ist der größte Hof in St. Valentin, er liegt am Bach, mitten in der Stadt, am Hauptplatz, und so ist auch immer etwas los hier an der Tür.
    Zuckerrüben und Kartoffeln baut Robert Schafelner in den umliegenden Feldern an. Die Zufahrt mitten im Ortsgebiet macht dem Bauern keine große Freude, er musste die Tore in seinem Vierkanthof vergrößern, damit die mittlerweile sehr großen Traktoren herein- und hinauskommen. - Von den fünf Kindern haben fast alle studiert. Der jüngste Sohn wohnt im Haus.
    Heimo Cerny nickt, der Heimatforscher aus dem nahegelegenen Amstetten. Er ist bei diesem Rundgang mit dabei, befindet sich auf Fact-Finding Mission - schaut nach, ob sich seit der Veröffentlichung seines Buches über Vierkanthöfe der Region vor ein paar Jahren wieder etwas verändert hat.
    "Bis zu der Zeit, in der die Bauern von der Grundherrschaft befreit wurden. Um 1850 war das. Mit der sogenannten Grundentlastung wurde der Bauer freier Unternehmer."
    Der Bau der Westbahn brachte zahlreiche brennende Höfe mit sich
    In diese Zeit fällt auch der Bau der Westbahn - ursprünglich genannt Kaiserin-Elisabeth-Bahn. Die Arbeiter der Baustelle fanden auch auf den Höfen entlang der Eisenbahntrasse Unterkunft. Und da anfänglich die Vierkanter mit Stroh gedeckt waren, und die Lokomotiven mit Kohle geheizt wurden, steckten die Funken viele Höfe in Brand. Die Bahngesellschaft bot an, die Feuerversicherung zu bezahlen, wenn die Bauern ihre Gebäude mit Dachziegel deckten - was auch geschah.
    Anders als heute, wo viele Fenster an den Innenseiten der Höfe wieder vergrößert werden. Die Häuser stehen hier in einer Gegend mit viel Lehm, was auch die Grundlage für den Ziegel der Bauten war. Das Know-How kam durch italienische Wanderarbeiter, die nach dem Bau der Westbahn dort keine Arbeit mehr fanden.
    Und plötzlich glaubt man hunderte Kilometer weiter südlich zu sein. Oleander steht an weißgetünchten Mauern, durch die Geschlossenheit des Innenhofes und die in der Sonne schlafenden Katzen entsteht eine heimelige, warme Atmosphäre.
    Immer wieder werden hier auch Dorffeste abgehalten, im Winter ein Weihnachtsmarkt, im Sommer ein Jazzfestival. Viel Platz gibt es hier für neue Ideen, nachdem keine Nutztiere mehr gehalten werden, wegen der Luftqualität im Stadtgebiet.
    Drinnen im Haus: ein kleiner Bauernmarkt, den Christiane Pfaffenlehner betreibt. Da kommen aber schon die Kunden herein, aus ist es mit dem Plaudern. Längere Gespräche finden üblicherweise in der Stube statt, in der Menschakammer, der Gesindestube.
    Speck, Most, Apfelsaft und Schnaps
    Und während der Hofverkauf weitergeht, machen wir einen kleinen Sprung, 15 km, weiter nach Strengberg. Ebenfalls an der Eisenbahn, aber die befindet sich mittlerweile unten in einem Tunnel. Oben beim Römerweg verlief früher der Limes, der römische Grenzwall.
    Karl Wagner vulgo Wastlbauer. Dieser Hausname kommt von einem seiner Vorfahren, der Sebastian hieß und damals bei den Bauernaufständen ein Aufmüpfiger war. Angeblich wurde dem eine Hand abgehackt. Und Karl Wagner lebt auch alleine hier - mit seiner Mutter.
    "Schweine gibt es nicht mehr, Speck macht er aber trotzdem noch, jede Menge, und Most, Apfelsaft, und Schnaps - ländliche Produkte, die er am Hof und auf den Märkten bis nach Wien hin verkauft."
    Der Wastlbauer lacht, wenn man ihn fragt, ob der Hof den heutigen Produktionsbedürfnissen entspricht.
    Aber es ist halt einmal so. Der Hof ist nun mal da, und das ist auch gut. Wie überall in der Gegend. Wie das Streuobst unter den Bäumen auf den Wiesen ziehen sich die Vierkanthöfe durch das ganze Mostviertel. Ein Sprung nach Wien, zu Martin Heintl, an die Universität, Institut für Geografie und Regionalforschung.
    Gemeinsam mit seinen Studenten hat Martin Heintel 200 Vierkanthöfe alleine im Gemeindegebiet der Stadt Haag im Mostviertel katalogisiert.
    Jede Generation ist üblicherweise für eine große Baustelle zuständig, so heißt es. Das kann natürlich auch ein Umbau weg vom landwirtschaftlichen Betrieb sein. Das ist die zweite Gruppe. Wohnungen, Tourismus, Handwerk und Büros.
    "Die dritte Gruppe sind jene Höfe, die sich landwirtschaftlich spezialisiert haben. Streuobst, Ackerbau, Schnapsbrennen, Säfte, Speck - oft auch mit Ab-Hof Verkauf, Direktvermarktung, Internet, und der Verkauf am Markt in den Städten."
    Und beim Wastlbauer brummt jedenfalls das Geschäft. Gottseidank. Er hat noch keinen Nachfolger und er arbeitet hart und viel auf seinem Hof in den hügeligen Wiesen oben am Strengberg.