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StartseiteKultur heute"Ein Versuch, die Grenze des Sagbaren zu verschieben"04.06.2018

Vogelschiss-Äußerung"Ein Versuch, die Grenze des Sagbaren zu verschieben"

Mit seiner "Vogelschiss"-Äußerung zur NS-Zeit sorgt der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland für Aufregung. Der Begriff sei ein Tabubruch, sagte Rhetorikprofessor Olaf Kramer im Dlf. Die Wortwahl habe das Ziel, den politischen Diskurs zu verändern. Das gelinge der AfD auch in anderen Bereichen.

Olaf Kramer im Gespräch mit Mascha Drost

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Alexander Gauland (AFD), Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag spricht auf dem Bundeskongress der Jungen Alternative (JA) für Deutschland in Seebach/Thüringen. (dpa-Bildfunk / Alexander Prautzsch)
Die Vogelschiss-Äußerung Gaulands füge sich in die bereits bekannte Kommunikationspraxis der AfD, so Olaf Kramer (dpa-Bildfunk / Alexander Prautzsch)
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Mascha Drost: Mit dem Wischtuch drüber und damit 12 Jahre deutscher Geschichte gleich mit? Verharmlosung mittels salopper Fäkalsprache: Ist das die neue rhetorische Strategie der AfD? Darüber habe ich vor der Sendung mit Olaf Kramer gesprochen, Rhetorikprofessor an der Universität Tübingen. Man kennt Äußerungen wie das "Mahnmal der Schande", oder "in Anatolien entsorgen". Wie passt diese neue Äußerung in diese Reihe der Provokationen - negieren statt skandalisieren?

Olaf Kramer: Im Grunde fügt sich diese Vogelschiss-Äußerung sehr in die Kommunikationspraxis der AfD, wie wir sie schon kennen. Es geht immer wieder darum, den politischen Diskurs zu verändern und bestimmte Begriffe neu zu etablieren und Sichtweisen damit zu verschieben, und das hat Gauland auch mit dieser Äußerung wieder versucht. Das ist, wenn man es rhetorisch anschaut, sehr raffiniert gemacht. Auf der einen Seite sind nämlich gleich zwei Bewegungen in dieser Äußerung zu erkennen. Das eine ist, er spricht über diese nationalsozialistische Schreckensherrschaft immer nur als zwölf Jahre, was sie wirklich als kurzen Zeitraum erscheinen lässt. Das ist die eine Bewegung, die da ist, und die andere Bewegung ist dann, diesen Begriff "Vogelschiss der Geschichte" einzuführen, der ein sehr starker Begriff ist und dadurch ein ganz anderes Licht auf den Nationalsozialismus wirft, als wir das üblicherweise gewohnt sind. Insofern gelingt es da wirklich, Diskurs zu verschieben und zu verändern und in eine bestimmte Richtung zu entwickeln.

"Raffiniert umgesetzt"

Drost: Aber sonst kannte man das ja ein bisschen anders. Da gab es eine Grenzüberschreitung, dann ein leichtes Zurückrudern, um so immer wieder die Grenze des Sagbaren zu verschieben. Wie ist das hier?

Kramer: Ich würde sagen, das ist genauso ein Versuch, die Grenze des Sagbaren zu verschieben, und raffiniert umgesetzt, denn es ist ja auch durchaus mit eingebaut gewesen in diese Rede eine Bewegung, in der gesagt wird, na ja, der Nationalsozialismus ist mit vielen Entwicklungen verbunden, die ich verurteile. Da ist die Entschuldigung schon irgendwo auch mit eingebaut. Und trotzdem gelingt es dann, über diese Vogelschiss-Formulierung ein sehr starkes Bild einzuführen, das im Gedächtnis bleibt und das einfach dann eine andere und veränderte Sichtweise auf den Nationalsozialismus hin etablieren soll. Wir sehen diesen üblichen Versuch, dass man versucht, die Grenze des Sagbaren irgendwie auszudehnen in eine bestimmte Richtung hinein.

"AfD ist auf Relativierung aus"

Drost: Wie passt denn eine so saloppe Ausdrucksweise überhaupt zu einem Mann wie Gauland, der sich ja auch immer sehr intellektuell gibt? Gibt er sich hier bewusst volksnah?

Kramer: Man hat versucht, einen sehr starken Begriff zu finden, und gerade dadurch, dass man nun so was sehr Saloppes hat. In dem Begriff selbst steckt ja auch ein Tabubruch. Das als Vogelschiss zu bezeichnen, passt eigentlich überhaupt nicht zu dem, was während des Nationalsozialismus Furchtbares passiert ist.

Drost: Entschuldigen Sie bitte! Hier muss ich noch mal einhaken, wenn wir jetzt schon ganz kleinlich Wortkritik üben. Heißt es nicht eigentlich Fliegenschiss? Ist das ein Lapsus?

Kramer: Es heißt Fliegenschiss. Ja, da haben Sie recht.

Drost: Was hat es denn überhaupt mit dieser Fixierung auf das Vokabular beziehungsweise diese Zeit des Nationalsozialismus auf sich?

Kramer: Ich denke, das geschieht in dieser Penetranz schon, weil man damit eine bestimmte Wählerklientel ansprechen möchte. Die AfD ist darauf aus, Relativierungen zu leisten von vielen politischen Grundüberzeugungen, die wir oder die ein Großteil von Menschen in dieser Republik teilen. Die Einschätzung in Bezug auf den Nationalsozialismus und die Verurteilung der dort geschehenen Verbrechen ist auch etwas, was eigentlich zu den Grundfesten dieser Republik gehört, und die sollen erschüttert werden durch diese Art Äußerungen. Es gibt eine bestimmte Klientel, die man damit erreichen kann. Insofern gibt es immer wieder diesen Versuch, Begriffe einzuführen oder umzudeuten, zu reaktivieren, die auch im Nationalsozialismus eine Rolle gespielt haben, und das ist in der AfD dann schon wirklich eine zentrale Linie, die man dort verfolgt.

"Diskursverschiebung kann gelingen"

Drost: Und hat man mit dieser Linie Erfolg?

Kramer: Ich würde sagen, schon. Was man zum Beispiel beobachten kann: Der Begriff "Volk" spielte im politischen Diskurs der Bundesrepublik eigentlich eine sehr untergeordnete Rolle. Wir haben uns eher als Nation verstanden oder von Bundesbürgern gesprochen und so weiter, sehr selten eigentlich vom deutschen Volk. Die AfD benutzt diesen Begriff sehr häufig und schätzt dieses Volksvokabular. Man merkt eine gewisse Entwicklung, dass auch andere Parteien diesen Begriff nun wieder etwas stärker benutzen. Insofern ist das schon ein Beispiel dafür, dass so eine Diskursverschiebung auch gelingen kann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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