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Volkssport abschreiben

Laut einer neuen Studie hat fast jeder vierte Student in einer wissenschaftlichen Arbeit plagiiert. Der Soziologe Ivar Krumpal hat in seiner Untersuchung eine neue Fragemethode angewendet, bei der Befragte ehrlicher antworten.

Ivar Krumpal im Gespräch mit Manfred Götzke |
    Manfred Götzke: Plagiate in der Wissenschaft. Wenn wir über sie sprechen, dann geht es so gut wie immer über fragwürdige Arbeiten von Freizeitwissenschaftlern, die als junge Familienväter und Abgeordnete Textübersichtsverlusten ausgesetzt sind. Oder jetzt über eine Frau mit wissenschaftlicher Vorbildfunktion. Annette Schawan. Natürlich ist es spektakulärer, die Arbeiten von prominenten Politikern schwarmintelligent zu untersuchen. Bleibt aber die Frage: Sind das krasse Einzelfälle? Oder ist das Abkupfern unter Studierenden Alltag? Genau diese Frage hat der Soziologe Ivar Krumpal von der Universität Leipzig untersucht und erstaunliche Antworten gefunden mit einer sehr gewitzten Fragetechnik. Bevor wir über diese Fragetechnik reden, erst mal zu den Ergebnissen, die Sie jetzt veröffentlicht haben. Fast 25 Prozent der Studierenden geben an, geben zu, dass sie schon einmal zumindest teilweise abgekupfert haben, fast zwei Prozent sagen, dass sie eine fremde Arbeit als ihre eigene ausgegeben haben. Herr Krumpal, hat Sie das überrascht?

    Ivar Krumpal: Ja, es hat mich schon ein bisschen überrascht, dass das doch so hoch ausfällt. Man ist als Dozent ja doch gutgläubig und hofft, dass man den Vertrauensvorschuss irgendwie auch zurückbekommt und – ja, war schon ein bisschen erschreckend.

    Götzke: Und enttäuschend für Sie persönlich?

    Krumpal: Ja natürlich, ja. Also man will ja auch kritisch denkende Leute ausbilden, die wissenschaftlich eigenständig arbeiten. Das ist ja faktisch auch eine zentrale Aufgabe einer Uni und es gibt halt doch einen Teil, der schon plagiiert hat.

    Götzke: Ja, ein ziemlich großer Teil. Nach dem Guttenberg-Skandal wurde von der Wissenschaftscommunity immer wieder erklärt, es handele sich bei diesen Plagiatsskandalen um krasse Einzelfälle. Das kann man jetzt, nach ihrer Studie, so nicht mehr sagen.

    Krumpal: Teils, teils. Also wie gesagt, die Rate für die Vollplagiate, die war ja tiefer, und das ist ja schon vergleichbar mit dem, was Guttenberg abgeliefert hat. Das war ja schon mehr als ein Teilplagiat. Aber auch die Teilplagiate sind eben – also ein schlechtes Ergebnis, ja.

    Götzke: Wie erklären Sie sich denn diesen lockeren Umgang mit wissenschaftlichen Grundgesetzen?

    Krumpal: Man kann es eventuell erklären durch Unkenntnis oder Unwissen, und ich denke, das ist auch ein Ausbildungsziel, eben in Einführungen ins wissenschaftliche Arbeiten zu zeigen, dass es eben, ja, nicht zum guten Ton gehört, dass man einfach abkupfert. Das kann einerseits eben mangelnde Ausbildung sein, am Anfang zumindest, aber sicher im fortgeschrittenen Stadium kann man das nicht mehr darauf zurückführen, da ist es eben klar und bewusst Betrug und unfaires Verhalten mit dem Ziel, sich halt einen Vorteil zu verschaffen.

    Götzke: Nun haben Sie diese Befragung vor dem Guttenberg-Skandal durchgeführt. Wie schätzen Sie das jetzt ein? Hat sich die Situation verändert, gibt es jetzt unter den Studierenden eine stärkere Sensibilisierung? Weiß man, dass es mehr ist als ein Fauxpas, abzuschreiben oder abzukupfern, ohne zu zitieren.

    Krumpal: Ich würde es mal persönlich sagen, ja, sicher. Es war ja auch ein Dauerthema, wochenlang, und ich hoffe natürlich auf positive Effekte, und dass das eben unterlassen werden sollte.

    Götzke: Bislang gab es zu dieser Frage keine wirklich validen Daten, denn bei solchen heiklen Themen sind die Menschen ja selten ehrlich, auch wenn man ihnen in Umfragen sagt, dass Anonymität auf jeden Fall gewährleistet ist. Wie haben Sie dieses Problem gelöst?

    Krumpal: Es war ein Experiment. Wir haben eben einen Teil der Studenten direkt befragt und einen anderen Teil mit einer Spezialmethode, wo wir sozusagen die heikle Frage nach den Plagiaten über eine andere, nicht heikle Frage zusammengestellt haben, deren Verteilung bekannt war, es war die Geburtstagsfrage der Mutter, und wir haben lediglich verlangt, dass die Gefragten sagen sollen, ob sie beide Fragen gleich, also beide mit Ja oder beide mit Nein beantworten oder ob sie beide Fragen verschieden beantworten würden. Und da wir eben diese Verteilung erhoben haben, also den Anteil der gleich beantworteten und den Anteil der verschieden beantworteten Fragen und noch die Verteilung der Geburtstagsfrage kannten, konnten wir über einfache Wahrscheinlichkeitsrechnung den Anteil schätzen derjenigen, die die Frage nach den Plagiaten bejaht haben.

    Götzke: Um das noch mal klarzustellen: Also, die Studierenden mussten nicht angeben, ob sie plagiiert haben oder nicht, sondern sie mussten nur sagen, haben wir beide, oder beantworten wir beide Fragen gleich oder beide Fragen unterschiedlich.

    Krumpal: Genau. Und wir konnten eben das dann schätzen.

    Götzke: Wie haben Sie denn festgestellt, dass dieses Ergebnis oder dass dieses Fragetechnik tatsächlich funktioniert?

    Krumpal: Ja, das ist natürlich eine Annahme, die der ganzen Studie zugrunde liegt. Wir nehmen halt an, dass es halt sehr heikel ist und dass die Befragten eben sozial erwünscht antworten und vorgeben, dass sie ehrlich sind. Und wir haben eben gesagt, die Methode, die halt einen höheren Anteil generiert an sozial unerwünschten Antworten, die validere Methode ist. Also selbstverständlich müsste man halt, um es ganz hart zu validieren, noch die wahren Werte kennen, die wir aber nicht kennen.

    Götzke: Das heißt, Sie haben diese neue Fragetechnik einer klassischen Fragetechnik gegenübergestellt und bei der klassischen haben weniger angegeben, dass sie plagiieren?

    Krumpal: Ja, deutlich weniger.

    Götzke: Diese Technik lässt sich ja auch bei anderen heiklen Fragestellungen anwenden. Können wir damit vielleicht bald erfahren, welchen Umfang Rassismus in unserer Gesellschaft tatsächlich hat?

    Krumpal: Ja. Ich habe auch eine Studie gemacht zu Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in Deutschland. Das war eine deutschlandweite Befragung, wo wir eben eine ähnliche Methode angewendet haben. Und auch dort hat sich gezeigt, dass unter anonymen Bedingungen die Befragten eben viel mehr antisemitische und fremdenfeindliche Vorurteile eben offenbart haben. Also mehr sozial unerwünschte Antworten gegeben haben.

    Götzke: Ivar Krumpal hat eine Fragetechnik erfunden, bei der die Befragten ehrlicher antworten. Ja, und was dabei rauskommt, ist nicht immer schön. Vielen Dank!


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