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Architektur. - Das Kolosseum zählt zu den berühmtesten Bauwerken des antiken Roms, gleichzeitig ist die riesige Arena eines der am stärksten belasteten in der Ewigen Stadt. Ein groß angelegtes Forschungsprojekt soll jetzt untersuchen, wie sehr der dicht vorbeiführende Autoverkehr dem Monument zusetzt, und wie sicher das Bauwerk nach etlichen Erdbeben und Abbruchversuchen in Mittelalter und Renaissance noch steht.

Von Thomas Migge | 12.10.2012

"Die realen Probleme des Kolosseums sind Umwelt- und statische Probleme. Ein Bauwerk von dieser Größe und dieser architektonischen Wichtigkeit muss besser geschützt werden."

Denn, erklärt Rosella Rea, Direktorin des Kolosseums, der Busverkehr in der direkten Nähe und die Luftverschmutzung setzen dem Bauwerk schwer zu: Die Oberfläche des antiken Marmors zerbröckelt und die rasenden städtischen und Reisebusse erzeugen Bodenvibrationen. In diesen Tagen wurde beschlossen, dass PKW und Reisebusse zukünftig nicht weiter als 15 Meter an das Kolosseum heranfahren dürfen, um weitere Schäden durch Erschütterungen zu verhindern.

"Jetzt werden wir das Bauwerk komplett untersuchen lassen, um endlich einmal genau zu wissen, wie sich Bodenvibrationen und die Umweltverschmutzung auf das Kolosseum auswirken."

Die Arenenellipse ist etwa 150 Meter breit, knapp 200 Meter lang und hat einen Umfang von 530 und eine Höhe von 50 Metern. Verschiedene Erdbeben setzten dem 80 n.Chr. errichteten Gebäude kräftig zu. Teile stürzten ein und wurden erst in den 30er-Jahren ersetzt. Um den aktuellen Zustand des Kolosseums komplett zu erfassen und anschliessend präzise Restaurierungsmassnahmen beschliessen zu können, machen sich nun Geologen, Ingenieure und Physiker verschiedener römischer Universitäten ans Werk. Rund drei Jahre wird dieses kolossale Untersuchungsprojekt dauern. Notwendig ist es nicht nur wegen der ständigen Bodenvibrationen und der Schäden durch die Luftverschmutzung geworden, sondern auch wegen der Schieflage des Bauwerks. Wie Geologen des Nationalen Wissenschaftsinstituts CNR mit Hilfe von Lasergeräten herausgefunden haben, ist der Südteil des Kolosseums 40 Zentimeter ins Erdreich abgerutscht. Eine Untersuchung des Kolosseums soll auch Auskunft darüber geben, mit welcher Geschwindigkeit der Südteil des Bauwerks ins Erdreich absinkt. Wie im Fall des bis vor einigen Jahren extrem schiefen Turms von Pisa kann man aber beim Kolosseum noch nicht von einer möglichen Einsturzgefahr sprechen. Barbara Nazzaro ist die für das Kolosseum zuständige Architektin:

"Statische Probleme werden auch durch den Umstand provoziert, dass das Gebäude nicht mehr komplett existiert. Das Fehlen ganzer Gebäudeteile setzt die Statik unter Druck. In welchem Ausmass ist unklar, deshalb die Generaluntersuchung. Hinzu kommt: das Kolosseum liegt auf einem, wir nennen ihn, Kringel. Das ist eine Art antikes Betongemisch, das elf bis 13 Meter ins Erdreich hinein reicht."

Dieser ellipsenförmige Ring mit einer vermuteten Breite von fünf Metern ist die Basis auf der die alten Römer die Arena errichteten. Geologen und Architekten befürchten, dass dieser Ring im Laufe der Zeit, vor allem aufgrund verschiedener Erdbeben im frühen Mittelalter mehrfach gebrochen ist. Laser- und Radaruntersuchungen sollen Auskunft darüber geben, ob und an welcher Stelle der Betonring gebrochen ist und ob sich dieser Umstand auf die Statik des Gebäudes auswirkt. Innen- und Aussenwände des Kolosseums werden in den nächsten Wochen mit Hunderten von hochsensiblen Vibrationssensoren ausgestattet. Sie sollen auch ermitteln, an welchen Tagen und zu welchen Uhrzeiten diese Vibrationen besonders stark sind. Zum Einsatz kommen Geräte wie sie auch schon vor Jahren bei der Ermittlung der Schieflage des Turms in Pisa genutzt wurden. Doch noch nie wurde Radar-, Laser- und Sensorentechnik an einem so grossen antiken Bauwerk eingesetzt.