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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Vom Absterben des Staates21.11.2005

Vom Absterben des Staates

Riccardo Bavaj: "Von links gegen Weimar"

Die Frage, wie und warum die Weimarer Republik zwischen den beiden Weltkriegen unterging, beschäftigt Historiker seit Jahrzehnten. Unbestritten ist, dass der rechte Antiparlamentarismus dabei eine hervorragende Rolle spielte. Weniger Einigkeit herrscht in der Frage, was linke und linksradikale Parteien und Gruppierungen zum Ende beigetragen haben. In dieser Frage, hat der knapp 30-jährige Historiker Riccardo Bavaj nun eine systematisch-analytische Gesamtschau vorgelegt.

Von Horst Meier

Paul von Hindenburg war seit 1925 Reichspräsident in der Weimarer Republik.  (AP Archiv)
Paul von Hindenburg war seit 1925 Reichspräsident in der Weimarer Republik. (AP Archiv)

Eine "systematisch-analytische Gesamtschau": Reicht das aus für ein ganzes Buch? Ist das eine organisierende Idee für 500 Druckseiten? Nein, das klingt eher nach einer großen Briefmarkensammlung. Und deshalb ist die Lektüre dieses Buches so unergiebig, so ermüdend – jedenfalls über weite Strecken.

Riccardo Bavajs Studie beginnt mit einer theoretischen Grundlegung, in der Rousseau mit seiner radikaldemokratischen Lehre von der unmittelbaren, unverfälschten Volkssouveränität als der Ahnherr antiparlamentarischen Denkens ausgemacht wird. Außerdem soll mit Hilfe einschlägiger Schriften von Marx belegt werden, dass seine revolutionäre Theorie, die naturgemäß auf den Bruch zusteuert, keine Ansätze für die Verfassung politischer Herrschaft biete. Und in der Tat: Die Utopie vom "Absterben des Staates" setzt keine Phantasie für ausklügelte Institutionen, Gewaltenteilung und dergleichen frei.

Das Grundmuster linker Parlamentarismuskritik skizziert der Autor so: Das Parlament, eine volksferne, von Parteibeamten und Staatsbürokraten dominierte Institution; eine verknöcherte, lebensfremde Veranstaltung bloß formaler Demokratie, die Herrschaft verschleiert. Kurzum: das Parlament müsse durch die "Diktatur des Proletariats" oder ein Rätesystem mit imperativem Mandat durch "echte" Volksherrschaft abgelöst werden. Aber diese ideengeschichtliche Grundlegung zählt gerade einmal dreißig, vierzig Seiten. Der Rest ist Lexikon und liest sich so, wie das Inhaltsverzeichnis vermuten lässt:

"KPD, Der Leninbund, Karl Korsch, Die Bremer und Hamburger Linksradikalen, Die Freie Arbeiter-Union, USPD, Sozialistische Arbeiterpartei, Internationaler Sozialistischer Kampfbund, Die Berliner Dada-Gruppe, Proletarisch-revolutionäres Theater, Agitprop und der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, Johannes R. Becher, Gustav Landauer, B. Travens "Ziegelbrenner", "Die Weltbühne", Kurt Hiller, Ernst Toller."

Das alles wird fleißig zusammengerecht und wartet hier und da mit interessanten Einzelheiten auf, hat allerdings insgesamt dürftigen Erkenntniswert. Dass etwa Linksradikale und Anarchosyndikalisten, dass Stalinisten und Anhänger des Rätesystems eine gemeinsame Schnittmenge antiparlamentarischer Ideen haben, diese Einsicht ist nicht gerade originell. Überraschend dagegen ist z.B. Bavajs Behandlung des Satirikers und Schriftstellers Kurt Tucholsky im Kapitel 'Linkssozialismus’. Zog der nicht gegen den Extremismus der obrigkeitsstaatlichen Weimarer Justiz zu Felde? Zählte nicht gerade Tucholsky zu den Republikanern, von denen diese schwindsüchtige Republik viel zu wenige hatte? Nun gut, ein Historiker des Jahrgangs 1976 darf auch Säulenheilige aus der Großvätergeneration nicht schonen, und so mag er denn auch "Tucho" vor das strenge Gericht des Antiextremismus ziehen. Aber dieser Prozess ist eine lahme Veranstaltung, das Belastungsmaterial läppisch. So werden dem Mann, der schrieb, dass Satire alles darf, "parlamentarismuskritische Invektiven" vorgehalten. Und der Vorwurf, T. habe 1927, zunehmend verbittert, "revolutionäre Gewalt" gerechtfertigt, ist keiner. Denn Tucholsky sah darin nicht zuletzt ein Mittel zur Verteidigung der Demokratie. Man braucht nur an 1933, an die erklärbare, aber doch erstaunliche kampflose Kapitulation der Arbeiterbewegung zu denken, um den Worten Tucholskys, die der Autor moniert, etwas abzugewinnen: "Das ist keine Politik, die nicht den Mut hat, frisch und frank zur Gewalt ... zu greifen."

Dass Tucholsky in Bavajs Arbeit fast zum Verfassungsfeind mutiert, hängt damit zusammen, dass der Autor einen unreflektierten Extremismusbegriff verwendet, der alles und jeden in einen Topf wirft: Individualisten und Anarchisten wie Erich Mühsam genauso wie den in militanten Phrasen schwelgenden Stalinisten Johannes R. Becher. Erich Mühsam habe mit seinen Pamphleten versucht, klagt der Autor, "das ohnehin fragile Fundament" der Republik zu "unterminieren". Solche häufig verwendeten Formulierungen erinnern an Dossiers des Verfassungsschutzes. Da wird die heterogene Weimarer Linke retrospektiv auf ihre Verfassungstreue überprüft und fällt durch - Jungsozialisten eingeschlossen.

Wo genau der "Rubikon" überschritten wird, wo die Grenzlinie verläuft zwischen der parlamentarismuskritischen und der antiparlamentarischen Polemik, wird nicht näher bestimmt. Klar ist nur, dass der Autor die Zerstörung der Republik "ganz wesentlich" in der Sphäre der geistigen Auseinandersetzung am Werke sieht: Daher spricht er von "republikgefährdende(r)" Invektive", von "Tyrannis des Wortes" oder bezeichnet "das Zeitklima der Extreme" als "schleichend-ätzendes Gift".

Der Autor, der der linken Intelligenz immerhin konzediert, sie sei "den Idealen der Aufklärung verpflichtet", behauptet, mit den Utopien einer gerechten, glückseligen Gesellschaft habe man "die Tür zur Barbarei" geöffnet. Das führt von bloßer Ideengeschichte zur Frage der Macht:

"Letztlich ist die Frage nach dem Einfluss der linksextremistischen Agitation auf die Öffentlichkeit der Weimarer Republik von großer, ja entscheidender Bedeutung."

Mit Ausnahme der KPD indes, der ein nicht näher bestimmter "wesentlicher Beitrag" zum Untergang Weimars attestiert wird, kommt der Autor nicht umhin, die weitgehende Einflusslosigkeit der von ihm porträtierten Personen und Zirkel, Parteien und Sekten festzustellen. Natürlich enthebt die politische Ohnmacht linke Intellektuelle nicht von ihrer Verantwortung. Doch wenn der Autor in knappen Anmerkungen auf das Schicksal seiner linken "Antiparlamentarier" hinweist - von Freikorpssoldaten erschlagen, ins Zuchthaus geworfen, von den Nazis ermordet, Suizid im Exil -, spätestens dann wird man jäh der damaligen Kräfteverhältnisse inne.

"Weimar ... wurde vornehmlich von rechts zerstört. Diese ebenso evidente wie fundamentale Tatsache sucht auch die ausführliche Darstellung der linksextremen Gedankenwelt nicht in Frage zu stellen. Vielmehr plädiert diese Arbeit dafür, dass die Extreme zueinander in Beziehung gesetzt und in ihrer fatalen Dialektik gesehen werden sollten."

Diese Art von Dialektik erschöpft sich freilich, schaut man näher hin, in dem Allgemeinplatz, dass linke Demokratieverächter den Nazis "letztlich" irgendwie in die Hände spielten. "Letztlich", ein Lieblingswort des Autors, das nicht selten dort auftaucht, wo präzise Argumentation und klare Aussagen fehlen. So entpuppt sich das, was die Verlagswerbung als "Gegenstück" zu Kurt Sontheimers Standardwerk über das antidemokratische Denken der Weimarer Rechten anpreist, als eine "Gesamtschau", die viel überblickt und wenig erklärt.


Horst Meier besprach: Von links gegen Weimar von Riccardo Bavaj, erschienen im Dietz Verlag. Das Buch hat 535 Seiten und kostet 38 Euro.

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