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Vom Feld in die Tüte

Die Zuckerrübe hat es in sich: Aus zehn Rüben kann etwa ein Kilogramm Zucker gewonnen werden. Doch das dauert seine Zeit: Von Feld geht es erst einmal zu einer Hexelanlage, dann wird aus den Rübenschnipseln Zuckersirup gekocht - und schließlich entsteht der weiße Zucker.

Von Almuth Knigge |
    Die Zuckerrübe - lateinisch Beta vulgaris altissma - aus der Familie der Fuchsschwanzgewächse - wegen der Blätter. Ein empfindliches Pflänzchen. Frost mag sie nicht, Licht will sie haben, guten Dünger - und Wasser, viel Wasser. Bis sie als weißes Kristall in den Kaffee kommt - das dauert. Und an aller Anfang steht - die Pille!

    "Das ist ein ganz kleines rundes Korn, meistens lila oder grün, so groß wie ein Streichholzkopf, wie das Rote am Streichholzkopf."

    Und weil sie so klein und rund und bunt ist - die Rübensaat - nennen die Landwirte sie eben Pille.

    Im Frühjahr - von März bis Mai - kommt die Pille in die Erde - jede einzeln, schön gleichmäßig in Reih und Glied - damit bei der Ernte im Herbst dann nichts schief geht, wenn Matthias Hahn sie dann mit seinem 32 Tonnen schweren Ernte-Monster wieder aus der Erde zieht:

    "Vorne ist ein Häcksler, der schlägt den Großteil vom Blatt ab, jetzt sehen wir das ganz genau, so die Scheiben, die wir sehen, das sind Nachköpfer, die drehen sich, so dahinter kommen die Rodeschare."

    490 PS fahren fast behutsam über die Fruchtreihen. Entblättern, köpfen - alles vollautomatisch. Über Siebträger und Walzen fallen die Rüben in den Bunker. 20 Tonnen schafft so eine Erntemaschine - dann ist sie voll. Matthias Hahn fährt die Rüben an den Feldrand:

    "Hier kommt jetzt noch ein Band, das das verlädt. Das Band reinigt die Rübe noch einmal, dafür ist das ganz gut, wenn sie da noch 14 Tage in der Mitte liegt, dann kann die Rübe abtrocknen, dann fällt der restliche Sand auch noch ab, der da noch dran ist, so, und dann kommen die relativ sauber in der Zuckerfabrik an."

    Hier wird der LKW erst einmal gewogen. Denn der Ertrag für den Landwirt errechnet sich aus Menge und Zuckergehalt der Rüben. Anbauexperte Erhard Ruhnow begleitet die Frucht quasi von der Saat bis zum Kristall:

    "Eingangswaage und zwei Ausgangswaagen, das geht alles vollautomatisch, er hat eine Chipkarte, die hält er da bloß ran, dann wird die Spedition registriert, der Anbauer und das Gewicht, und wenn er hier wieder rausfährt, dann wird das Leergewicht gezogen und dann wird er hier registriert."

    Dann geht es zur Rübenprobe - eine Art überdimensionaler Apfelstecher sticht einmal in den Rübenberg auf dem LKW:

    "Hier ist unsere Rübenprobenstrecke, hier ist die Bruttowaage, hier werden die Rüben gewaschen, dann ist hier ein Ausleseband, das nach Steinen schaut und nachköpft, und dann gehen die Rüben in diese Nettowaage und dann werden die in diese Breisäge geschickt, hier wird Brei gemacht mit der Säge."

    Der Brei fällt dann in kleine Becherchen, die werden von einem Magneten gerührt, bis eine Art Strohhalm kommt, den Brei ausschlürft und analysiert - auf Calcium, Natrium und natürlich den Zuckergehalt. 16 Prozent ist der Basiswert - in ganz guten Jahren liegt er auch schon mal über 20. Das heißt, aus zehn Rüben kann etwa ein Kilogramm Zucker gewonnen werden.

    25.000 Tonnen werden während der Kampagne täglich geliefert. Die Rüben werden in einer überdimensionalen Trommel gewaschen, die Kraut- und Erdreste werden entfernt - und alles wird weiterverwertet. Abfall gibt es nicht - selbst die Steine aus dem Acker werden noch zum Straßenbau verwendet.

    In der Fabrik werden die Rüben kleingeschnitten, in Streifen ungefähr wie Pommes frites, und danach werden die Rübenschnitzel ausgelaugt, das heißt, durch überbrühen mit heißem Wasser wird der Zucker-Rohsaft gewonnen. Die Schnitzel werden getrocknet und zu Futter weiterverarbeitet, der Saft wird noch mit Kalk gereinigt. Dann ist er hell und dünnflüssig - und wird eingedickt, indem durch Dampf Wasser entzogen wird. Übrig bleibt der Dicksaft, der rund 70 Prozent Zucker enthält. Der Dicksaft kommt in große Kochtöpfe und wird erhitzt. Wenn man selber Zucker in der Pfanne erhitzt, sieht es genauso braun und klebrig und "blubbrig" aus:

    "Und wenn Sie ganz genau hinschauen, dann sieht man auch an den Bullaugen dort so hellere Punkte in dem Saft, das ist nichts weiter als Kristall."

    Volker Hoffmann ist der Chef im Zuckerhaus:

    "Wir kochen hier unter Vakuum, das ist etwa hier: Vier Stunden und zehn Minuten dauert es, bis der Apparat mit 55 Tonnen fertig gekocht ist, dann wird er abgelassen und verrührt und den Zentrifugen zugeführt, und das können wir uns auch mal anschauen.

    Wir befinden uns jetzt an den Weißzuckerzentrifugen, der vorher gekochte Saft wurde dann noch etwa 30 Minuten verrührt und geht dann hier in diskontinuierlich arbeitende Zentrifugen, von denen wir vier Stück haben, da werden 1750 Kilogramm Saft eingefüllt mit einer Charge und das dauert dann circa 3,5 Minuten, bis der Sirup abgeschleudert ist beziehungsweise das Zuckerkristall durch die Rotationsgeschwindigkeit nach außen an die Trommel gedrückt. Und der Saft läuft in der Mitte runter, das heißt, also hier erfolgt ein regelrechter Wascheffekt, man trennt das Kristall vom Sirup ab."

    Der Sirup kommt dann noch mal in den Kocher und wird wieder gekocht - solange, bis man keinen Zucker mehr gewinnen kann. Dann heißt es Melasse - und daraus kann man Alkohol machen. Aber das ist eine andere Geschichte.