Archiv

Vom Skandal zum Klassiker

Am 3.November 1965 wurde im Londoner Royal Court Theatre das Theaterstück "Saved" von Edward Bond uraufgeführt - und löste einen der großen Theaterskandale des 20. Jahrhunderts aus. Ein Theaterklassiker war geboren, das Stück wirkte weit über die Grenzen des englischen Theaters hinaus und der Skandalerfolg leitete das Ende der britischen Theaterzensur ein.

Von Matthias Thibaut | 03.11.2005

Seit 1737 mussten Englands Theater neue Stücke dem Lord Chamberlain zur Zensur vorlegen, einem Mitglied des königlichen Haushalts, und daran hatte sich auch 1965 nichts geändert. Aber als das Londoner Royal Court Theatre das Stück "Saved" von dem jungen Autor Edward Bond bei der Zensur einreichte, war der Zensor überfordert. Das Stück war in seinen Charakterisierungen, in seiner Sprache, in seiner unterschwelligen und offenen Gewalt so außergewöhnlich, dass Zensor Sir John Johnston gar nicht wusste, wo er die Schere ansetzen sollte.

chon auf dem Papier sah es nach einem so schlimmen Stück aus, es war unmöglich bestimmte Schnitte vorzuschlagen. Das Theater wurde informiert, dass eine Lizenz unmöglich war, erinnerte sich Zensor Sir John später. Allerdings hatte er nicht mit der Entschlossenheit von Edward Bond gerechnet.

In seinem Tagebuch, erzählte Bond, habe er damals geschrieben, "ich tue alles, um meine Stücke auf die Bühne zu bringen - aber ich ändere kein Komma, wenn es der Lord Chamberlain verlangt.

Ich sah das Skript mit diesen blauen Anmerkungen des Zensors, buchstäblich blaue Striche und eine kleine Stimme in meinem Kopf sagte: Er oder ich.

Und so war es. "Saved" wurde als private Clubvorstellung einer eilends gegründeten English Stage Society aufgeführt - for Members only. Das war das Hintertürchen, dass die schrulligen Gesetze der Krone der Redefreiheit offen ließen. Aber dann flogen doch die Fäuste an jenem Abend des 3. November 1965. Ein Polizist erstattete Anzeige. Theaterzuschauer taten sich zusammen, um gegen den, wie Zeitungen schrieben, "obszönen Dreck" zu protestieren. Es kam zum Prozess, das Recht solcher zensurfreier Clubaufführungen wurde angefochten, und es war diese Entwicklung, die schließlich zur Abschaffung der Zensur führte.

Bühnenstar Laurence Olivier, damals künstlerischer Direktor des neuen Nationaltheaters, kam Bond mit einem Fachgutachten zu Hilfe:

"Saved ist kein Stück für Kinder sondern für Erwachsene und die Erwachsenen des Landes sollten den Mut haben, es sich anzusehen".

Es geht um eine Gruppe junger Leute in der sozialen, ökonomischen, auch sexuellen Trostlosigkeit der Südlondoner Arbeiterklasse, eine realistische Milieustudie in der von John Osborne und dem Royal Court begründeten Tradition. In der vierten Szene sitzen Len, Pam, die Eltern Harry und Mary, die seit Jahren nicht mehr miteinander sprechen, im Wohnzimmer, während Pams Baby die ganze Szene hindurch schreit - unentwegt und für viele Zuschauer fast unerträglich. Doch den Skandal löste die sechste Szene aus, in der Pams Freunde, orientierungslose, unterschwellig aggressive, indifferente Jugendliche, im Park erst anfangen, den Kinderwagen des Babies hin und herzuschubsen und das Kind dann, in einer Orgie sinnloser und unverstandener Gewalt, schließlich steinigen, darunter auch der Vater des Kindes, Fred.

Diese Steinigung, schrieb Bond, der Saved eine Komödie nannte, sei eigentlich ein typisch englisches Understatement:

"Verglichen mit der strategischen Bombardierung deutscher Städte ist dies eine geringfügige Greueltat. Verglichen mit der geistigen und emotionellen Aushungerung der meisten unserer Kinder sind die Konsequenzen belanglos".

Mit seinem Slang, den kurzen Dialogen, den naturalistischen Personenporträts war dieses Porträt einer Unterschicht, die zuvor kaum auf die Bühne gebracht wurde, ein internationaler Erfolg - auch in Deutschland. In Köln wurde "Gerettet" im Ruhrpottdialekt aufgeführt, in München ersetzte das Bayerische den Londoner Slang. Franz Xaver Kroetz gehörte zu denen, die von Bond stark beeinflusst wurden.

Gerettet heißt das Stück, weil die Hauptfigur, Pams Freund Len, in diesem düsteren Milieu den kleinen Funken von Menschlichkeit und Optimismus ausströmt, der für Bond die Grundlage gesellschaftlicher Moral ist:

"Wie die meisten Menschen macht mich die Erfahrung zum Pessimisten, die Natur aber zum Optimisten, Ich werde meiner Natur treu bleiben. Denn oft ist es falsch, aus der Erfahrung zu lernen".