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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur Vom Sohn eines armen Seifenmachers zum Millionär09.01.2012

Vom Sohn eines armen Seifenmachers zum Millionär

KURSIV U18: Ernst-Christian Demisch: Benjamin Franklin. Von einem, der auszog, die Welt zu verändern.

Der Waldorfschul-Lehrer Ernst-Christian Demisch hat sich in seinem Buch dem amerikanischen Verfassungsvater Benjamin Franklin gewidmet. Mit seinem Buch will er vor allem Jugendliche auf die Geschichte Nordamerikas neugierig machen.

Von Sandra Pfister

Der Erfinder, Entdecker und Politiker Benjamin Franklin auf einem Ölgemälde aus dem Jahr 1762 von Mason Chamberlin. (AP Archiv)
Der Erfinder, Entdecker und Politiker Benjamin Franklin auf einem Ölgemälde aus dem Jahr 1762 von Mason Chamberlin. (AP Archiv)

Benjamin Franklin, Sohn eines Bostoner Kerzenziehers mit 16 Kindern, hätte vielleicht auch ohne die amerikanische Unabhängigkeit seinen Platz in den Geschichtsbüchern gefunden: als Erfinder des Blitzableiters und der Gleitsichtbrille. Denn Franklin war ein wissenschaftliches Naturtalent - und einer, der sich beharrlich mit Wissen voll saugte wie ein Schwamm, obwohl er nur zwei Jahre die Schule besucht hatte. Berühmt aber wurde Franklin, weil er die amerikanische Verfassung mitschrieb - zumindest korrigierte er den Entwurf Thomas Jeffersons um ein paar entscheidende Punkte. Mindestens genau so bedeutsam aber ist, dass die amerikanischen Kolonien sich ohne ihn vielleicht nie vom Mutterland gelöst hätten. Denn Franklin hatte als jahrelanger Botschafter der nordamerikanischen Kolonien in Paris die wesentliche Achse im Bündnis gegen Großbritannien geschmiedet. Ein trockener Stoff - der nach langweiligen Geschichtsstunden klingt. Genau darauf hatte der Waldorfschul-Lehrer Ernst-Christian Demisch keine Lust mehr und er versuchte es besser: "Von einem der auszog die Welt zu verändern", nannte er den Untertitel seiner Benjamin-Franklin-Biografie. Geschrieben hat er sie für Jugendliche. Um bei ihnen das Interesse zu wecken, dickt der Autor Franklins Geschichte mit etwas an, das Jugendliche mehr interessieren dürfte: dem Franklin-Starkult in Paris.


In Benjamin Franklin sahen die Franzosen den Botschafter eines neuen Zeitalters - nicht ahnend, dass der Freiheitsfunke schon dreizehn Jahre später in ihrem eigenen Land aufflammen würde.

Die Damen der Pariser Salons scheinen ihre Haarpracht Franklins Pelzmütze nachempfunden zu haben, sein Gesicht prangte offenbar auf allen möglichen Accessoires wie Tellern, Vasen oder Uhren. Das verdankt er der zeitgenössischen Begeisterung für Naturwissenschaftler - Franklin war in Frankreich für seinen Blitzableiter berühmt und galt als Vorbote einer neuen Ära der Freiheit. Wie Franklin aber von einem königstreuen Briten zu einem glühenden Anhänger der Unabhängigkeit mutierte, das versteht nur, wer die Umstände der amerikanisch-britischen Zerrüttung begreift. Er schreibt:

Zu dieser Zeit galt in der neuen Regierung unter George III. derjenige Minister als erfolgreich, der die besten Vorschläge machen konnte, um die amerikanischen Kolonien auszubeuten. Und eben jetzt war der Gedanke aktuell, die riesigen Kriegsschulden über eine neue Steuer nur für die amerikanischen Kolonisten zu begleichen. Eine solche Stempelsteuer bedeutete ja für die Amerikaner, dass das Papier und die Stempel für jedes Dokument extra von einem englischen Beamten erworben werden mussten. Franklins Empörung gegen diese Sondersteuer für die Kolonisten war grenzenlos.

Massenproteste, Tea-Party, Trennung vom Mutterland - man weiß, was jetzt folgt. Demisch beschreibt es, aber meist nur als blasse Folie, auf der dann Franklins Wirken verständlich werden soll. Damit verschenkt er viele zündende Funken, die von der packenden Vorgeschichte der USA auf das manchmal doch recht entrückt wirkende Leben eines Politikers hätten überspringen können. Gründervater - Naturwissenschaftler - das alles hätte schon gereicht für den Platz im amerikanischen Olymp. Doch dass Franklins Konterfei es auf die 100-Dollar-Note geschafft hat, das verdankt er auch dem Umstand, dass er für die US-Amerikaner einen ganz frühen Selfmade-Man verkörpert - einen für deutsche Schüler erst mal fremdartigen, uramerikanischen Mythos.

So wird noch in den USA Benjamin Franklins Leben, besonders durch Lektüren in den Schulen und in zahllosen Schulheften, als Beispiel für den american dream ausführlich und reich bebildert dargestellt.

Vom Sohn eines armen Seifenmachers zum Millionär - der Weg führt über eine Buchdruckerlehre beim älteren Bruder.

Damals dauerte eine Lehrzeit üblicherweise sieben Jahre. Für den jetzt erst Zwölfjährigen hatte der Vater auf James' Verlangen eine Lehrzeit von neun Jahren vereinbart. Benjamin sollte bis zu seinem einundzwanzigsten Lebensjahr ohne Lohn in der Werkstatt arbeiten.

Mit 17 verkracht er sich mit seinem Bruder, macht sich auf Umwegen selbstständig - und schließlich mit allerhand Druckereifilialen das große Geld. Mit 42 Jahren kann er sich leisten, voll in die Politik einzusteigen - was damals noch unbezahlt war. Was dann kommt, wissen wir: der ganz große politische Wurf. Botschafter in England und Frankreich, Mitautor der amerikanischen Verfassung - die Bewunderung des Autors für diesen zweifelsohne großartigen Politiker ist deutlich zu spüren. Größtenteils mag sie gerechtfertigt sein, an der ein oder anderen Stelle täte mehr Distanz gut. So wurde Franklin erst auf den allerletzten Metern seines Lebens zu einem Gegner der Sklaverei; jahrelang hatte er eigene Sklaven gehalten oder ihre Haltung toleriert. Im Buch ist dazu nur lapidar zu lesen:

( ... ) mit seiner ganzen Herzenskraft und dem Gewicht seiner politischen Autorität kämpfte er unablässig für die Abschaffung der Sklaverei.

Abgesehen von dieser temporären Heldenverklärung ist die Biografie handwerklich gut gemacht und eine kurzweilige Lektüre. Aber: nur für sehr belesene Jugendliche. Für alle anderen ist das Buch teilweise harte Kost.

Was musste dem Schicksal nun einfallen, damit der zu Großem Berufene den nächsten notwendigen Schritt tat? Einen Schritt, der darin bestand, das Erreichte schon nach kurzer Zeit wieder zu verlassen, um seinen Horizont ganz entschieden zu erweitern.

Immer wieder blitzt der Lehrer im Autor hervor: Denn ähnlich manirierte Sätze sind nicht selten bei ihm zu finden So verwendet Demisch Wörter wie "impulsieren" und beginnt Sätze mit "obgleich" - in seinem Alltag als Lehrer muss er es definitiv mit sehr toleranten Teenagern zu tun haben. Jugendliche, die darüber hinweg sehen können, vermittelt das Buch das spannende Leben eines frühen amerikanischen Selfmade-Man und Diplomaten der ersten Stunde.


Ernst-Christian Demisch
Benjamin Franklin.
Von einem, der auszog, die Welt zu verändern. Verlag Freies Geistesleben,
181 Seiten, 15,90 Euro
ISBN: 978-3-772-51728-0

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