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Vom Untergang der DDR

Ilko-Sascha Kowalczuk: "Endspiel: Die Revolution von 1989 in der DDR", C.H. Beck Verlag, 580 Seiten

Ilko-Sascha Kowalczuk sitzt tagtäglich auf den Dokumenten, die das Wesen der DDR so präzise spiegeln wie keine anderen. Er arbeitet in der Birthler-Behörde, die das Schnüffel- und Unterdrückungserbe der Stasi verwaltet. Gestützt auf diese Aktenberge wie auf viele andere Quellen hat er nun einen Anlauf unternommen, zu beschreiben, was auch heute noch für viele unbegreiflich erscheint. Dass ein Regime, ein Staat, binnen kürzester Zeit kollabieren und verschwinden kann.

Von Henry Bernhard

Demonstranten stürmen am 15. Januar 1990 die Zentrale der Staatssicherheit der DDR in Berlin. (AP)
Demonstranten stürmen am 15. Januar 1990 die Zentrale der Staatssicherheit der DDR in Berlin. (AP)
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"Noch ein Buch über die Wende?" mag man sich fragen, wenn der ziegelsteindicke rote Band auf dem Tisch liegt. Noch einmal 600 Seiten über die Ausreisewelle, die Gründung des Neuen Forums, über Schabowskis Zettel und den Mauerfall? Was gibt es Neues, fragt man sich - und den Autor.

"Das Neue an sich ist der Versuch, das alles mal in einem Buch darzustellen. Also, diese umfangreiche Vorgeschichte, wo ich nicht nur außenpolitische Aspekte und Wirtschaftsaspekte untersuche und darstelle, sondern auch Alltagsaspekte bis hin zur Frage des Alkoholismus in dieser Gesellschaft, wo ich sehr breit darauf eingehe, wie sich die Jugend von dem System abwendete, was veränderte sich auf den Leinwänden, wie haben die Theater reagiert? Alles seit Mitte der 80er-Jahre. Was für eine Literatur existierte in der DDR? Dann natürlich Opposition und Kirche. Und ich glaube, das ist so der eine Punkt, was Neues, das einmal versucht zu haben in einem breiten gesellschaftlichen Panorama, ohne dass das dabei banal wird."

Und es ist ihm gelungen. Der Autor Ilko-Sascha Kowalczuk betrachtet die Wende 1989 und ihre Vorgeschichte mit neugierigem Blick aus vielfältigen Perspektiven: den dumpfen, grauen Alltag, die ideologische Bevormundung und Indoktrinierung, den Militär- und Überwachungsapparat, die grundlegenden ideologischen Denkmuster, die Außenpolitik der DDR und ihre Verortung im Ostblock. Kowalczuk schreibt kenntnisreich über die Misere der Wirtschaft, weiß aber auch die Rolle der Rockmusik in der späten DDR zu bewerten, kennt Texte, Personen, Gerüchte und Stimmungen, berichtet auch über die Rolle des Alkohols und die verarmte Sprache in der DDR. Dabei schreibt er lebendig und lebensnah.

Ein Buch gerade nicht für Wissenschaftler. Kowalczuks Ziel ist es, zu erklären, wie das scheinbar festzementierte System binnen weniger Monate zu Staub zerfallen konnte, wie die Lethargie einer Gesellschaft einer atemberaubenden Dynamik weichen konnte. Die Betrachtung des Ostblocks setzt Mitte der 80er-Jahre mit dem Machtantritt Michail Gorbatschows in Moskau ein. Dennoch ist für Kowalczuk die "große Politik" immer nur Bezugspunkt für die Bürger, die letztlich die DDR zum Fall gebracht hätten. So beschreibt er die unerträgliche Kälte, Langeweile und Dummheit, mit der die SED-Funktionäre die DDR-Bewohner nervten.

"Polizisten wie SED-Funktionäre waren lächerliche Figuren, vor denen vernünftige Menschen Angst hatten."

Der Kaiser war nackt. Auch das muss all denen noch einmal ins Gedächtnis gerufen werden, die lauthals seine neuen Kleider beklatschten und bejubelten. Wenn der Autor deutlich macht, dass die DDR voller angepasster Bürger war und die Opposition nur sehr wenige Menschen umfasste, so zeigt er aber auch, wie die letzten Jahre der DDR aus vielen Bürgern Citoyens machten, die immer häufiger ihre Bürgerrechte einforderten. Einzelne Beispiele von Courage und Selbstbewusstsein hebt er auf anrührende Weise hervor.

Die "Wende" ist für ihn klar eine Revolution, genauer, eine Bürgerrevolution. Auch sonst hält er mit seinen Urteilen nicht hinterm Berg.

"Die DDR war keine 'Nischengesellschaft', erst recht keine 'Fürsorgediktatur' oder gar 'Konsensdiktatur', allesamt Sprachschöpfungen und Definitionsversuche, die schön klingen, aber historische und empirische Leerformeln darstellen."

Bei solchen grundlegenden Fragen wüsste man es manchmal gern ein wenig genauer. An anderer Stelle aber ist der Autor sehr präzise, etwa, wenn er schlüssig begründet, warum der sich antifaschistisch definierende Staat unfähig war, auf Antisemitismus und Rassismus angemessen zu reagieren. Er zeigt stichhaltige Beispiele, wie wenig die NS-Zeit in der DDR aufgearbeitet wurde. Auch die Sozialpolitik, genau wie der Antifaschismus einer der legitimatorischen Grundpfeiler der SED-Diktatur, entlarvt Kowalczuk als hohle Phrase: Die Armut der Rentner, die unzureichende medizinische Versorgung und die verpestete Umwelt ließen die Menschen im Osten letztlich drei Jahre früher sterben als ihre Verwandten im Westen.

"Das Problem der Sozialpolitik war, dass sie ja von Honecker Anfang der 70er-Jahre als eine Legitimationsressource aufgebaut wurde. Das funktionierte auch eine Weile. Nur, dass das dann Anfang der 80er-Jahre auch aufgebraucht wurde. Man konnte auch nichts Neues mehr anbieten, weil es nicht mehr bezahlbar war. Und Menschen neigen nun mal dazu, wenn sie eine Weile etwas haben, dass sie dann nicht jeden Tag aufs Neue dankbar sind, dass sie jetzt Ehekredite kriegen oder das Brötchen nur fünf Pfennig kostet - das reicht ihnen dann halt nicht!"

Kowalczuk schreibt mit Witz und Ironie über die Spätphase eines Regimes, das er selbst mitunter als Realsatire erlebt hat. Er findet originelle Bilder. Etwa, wenn er Erich Honecker als völlig überforderten, kleingeistigen Mann charakterisiert:

"Er glaubte als Praktiker einen Dachstuhl zimmern zu können, unter dem sich all seine verbliebenen Schäfchen arkadisch wohlfühlen könnten. Dafür waren ihm fast alle Mittel recht."

Vieles von dem, was Kowalczuk über die DDR-Opposition schreibt, ist bekannt. Aber ihm gelingt es, knapp und anschaulich die Widersprüche und Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen, auch zwischen Berlin und der Provinz, herauszuarbeiten, ihre Leistungen und ihre Beschränkungen anzuerkennen. Geradezu absurd erscheint heute die damals verbittert geführte moralische Debatte, ob Oppositionelle mit Ausreisewilligen zusammenarbeiten dürften. Denn letztlich brachte erst der Dualismus "Massenflucht und Opposition" die Mauer zum Wanken.

Was positiv auffällt: Kowalczuk nennt immer Namen, nichts bleibt anonym, ein Beweis für Kenntnisreichtum und solide Recherche. Besonders plastisch schildert er den enormen Frust, der sich unter den DDR-Bürgern im Jahr 1989 breitmachte. Denn die DDR feierte sich im Jahr des Untergangs noch einmal selbst, mit einem monströsen Pfingsttreffen der FDJ, mit einer absurden Wahlfarce, die einer Viehzählung glich, mit den gespenstischen Feiern zum 40. Jahrestag der DDR im Oktober. Hinzu kam der offensichtliche Unwille der SED-Führung, auch nur die geringsten Reformen anzugehen. Statt dessen lobte Egon Krenz mit seinem Haifischlächeln das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Unter die Resignation mischte sich Angst vor der "chinesischen Lösung".

Es kam anders, wie wir wissen: Verdienst dieses Buches ist es, die vielen Handlungsstränge, Bedingungen und Hintergründe zusammenzuführen, die letztlich dazu führten, dass die Mauer, die noch 100 Jahre stehen sollte, fast über Nacht verschwand. "Endspiel" bringt keine bahnbrechenden Neuigkeiten, aber setzt kaleidoskopartig vieles zusammen, was zusammengehört.

Henry Bernhard war das über Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel: Die Revolution von 1989 in der DDR. Erschienen bei C.H. Beck. Das Buch hat 580 Seiten und kostet 24 Euro 90.

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