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Vom Weg einer großen Denkerin

"Man darf sich nicht ducken. Man muss sich wehren," dieser Leitspruch Hannah Arendts zeigte sich gerade im Denken die deutsch-jüdische Philosophin. Entschieden profilierte sie ihre politische Theorie und kommentierte gesellschaftliche Entwicklungen. Von dieser Entschiedenheit handelt auch eine Hannah Arendt Biographie, die der in diesem Jahr verstorbene Politikwissenschaftler Kurt Sontheimer hinterlassen hat.

Von Waltraut Meints | 14.11.2005
    "Man darf sich nicht ducken. Man muss sich wehren." Dieser Erziehungsimperativ ihrer Mutter Martha Cohn kann auch als Leitsatz für den Lebensweg Hannah Arendts genommen werden. Wie sehr ihr Begriff des Politischen die eigene, unmittelbare Erfahrung reflektiert zeigt der in diesem Jahr verstorbene Politikwissenschaftler Kurt Sontheimer in seinem posthum veröffentlichten Buch "Hannah Arendt. Der Weg einer großen Denkerin" auf eindrucksvolle Weise.

    Hannah Arendt, die 1906 in Hannover geboren wurde und in einem liberalen, jüdischen Elternhaus aufgewachsen ist, wusste schon sehr früh, was sie wollte. Im Interview mit Günter Gaus erklärte sie 1964, dass sie mit 14 Jahren beschlossen habe, entweder Philosophie zu studieren "oder ins Wasser (zu) gehen".
    Neben Philosophie studierte sie griechische Literatur und protestantische Theologie bei den bedeutendsten Denkern ihrer Zeit: bei Martin Heidegger, Rudolf Bultmann und Edmund Husserl. Mit 22 Jahren beendete sie ihr Studium mit einer Promotion über den "Liebesbegriff bei Augustin" in Heidelberg bei Karl Jaspers, mit dem sie auch eine lebenslange Freundschaft verband.

    Der um sich greifende Antisemitismus der Weimarer Republik, ihre beginnende Freundschaft mit dem Zionisten Kurt Blumenfeld und ihrem ehemaligen Kommilitonen Hans Jonas schärften ihr politisches Bewusstsein.

    "Das Problem, das politische Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten. Ich lebte in einem intellektuellen Milieu, ich kannte aber auch andere Menschen. Und ich konnte feststellen, dass unter den Intellektuellen die Gleichschaltung sozusagen die Regel war. Aber unter den anderen nicht. Und das hab ich nie vergessen."

    Enttäuscht über die Gleichschaltung ihrer intellektuellen Freunde, kehrte sich Arendt, so Sontheimer, von der abgehobenen und weltfernen akademischen Beschäftigung mit der Philosophie ab und verband ihre theoretischen Arbeiten mit den politischen Problemen ihrer Zeit.
    Ab 1933 lebte Hannah Arendt als Flüchtling in Paris. Es entstand ein neuer Freundeskreis, zu dem auch Walter Benjamin gehörte, durch den sie ihren späteren Mann Heinrich Blücher kennen lernte. Die Pariser Zeit, so zeigt Sontheimer, war kein Zwischenspiel im Entstehungsprozess ihres Werkes. Die Erfahrungen dieser Jahre hätten "ganz wesentlich zu ihrer politischen Bildung beigetragen, und dies in einem existentiellen Sinne, der über einen rein intellektuellen Dialog" hinausgegangen sei.

    1941 ging Hannah Arendt in die USA und entwickelte sich zu einer politischen Theoretikerin. Ihr erstes Buch "Die Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", mit dem sie über Nacht berühmt wurde, erschien 1951. Und zu Recht behandelt Kurt Sontheimer dieses Buch ausführlich.

    Er beschreibt, wie Arendt sich der fast unmöglichen Aufgabe stellte, das Unbegreifliche zu begreifen. Dabei zeigt er nicht nur, wie Hannah Arendt die geschichtlichen, gesellschaftlichen und politischen Prozesse, die der Vernichtung der europäischen Juden durch die Nazis vorangingen, analysiert, sondern auch wie sie das "Wesen" einer Herrschaftsform bestimmt, die aus sich heraus eine nie zuvor dagewesene Destruktivität freigesetzt hatte. Die Vernichtung der europäischen Juden, die Art und Weise der Tötung von Millionen von Menschen rühre an den Grundvoraussetzungen bisheriger Zivilisation.

    "Vorher hat man sich gesagt: Nun ja, man hat halt Feinde. Das ist doch ganz natürlich. Warum soll ein Volk keine Feinde haben? Aber dies ist ganz anders gewesen. Das war wirklich, als ob der Abgrund sich öffnet. Weil man die Vorstellung gehabt hat, alles andere hätte irgendwie noch einmal gut gemacht werden können, wie in der Politik ja alles einmal wieder gut gemacht werden kann. Dies nicht. Dies hätte nie geschehen dürfen. Ich meine die Fabrikation der Leichen und so weiter - ich brauche mich ja darauf nicht weiter einzulassen. Dies hätte nicht geschehen dürfen."

    Die Konzentrations- und Vernichtungslager begreift Hannah Arendt als "zentrale Institution" der nazistischen Herrschaft, bei denen es sich um den ungeheuerlichen Versuch handele, die menschliche Natur selbst zu transformieren. Der Terror - das Wesen totaler Herrschaft - zerstöre nicht nur den öffentlich-politischen und den privat-gesellschaftlichen Raum. Er zerstöre überhaupt den Raum zwischen Menschen, d.h. jede Beziehung zwischen ihnen und so schließlich sie selbst. Totale Herrschaft, so Arendts These, entziehe dem Denken die Realität, dem Handeln den Sinn und zerstöre so beides.

    Kurt Sontheimer hebt die grundlegende Bedeutung ihres ersten Buches hervor. "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" enthalte nicht nur die Gründzüge ihrer politischen Theorie, sondern sei der Ausgangspunkt ihres gesamten Werkes geworden. Gerade auch ihr zweites Buch, die "Vita Activa" aus dem Jahr 1958, müsse in engem Zusammenhang mit ihrer Theorie totaler Herrschaft verstanden werden.

    "In ihrem ersten Buch hatte sie zu zeigen versucht, wie die totalitäre Herrschaftsform möglich geworden war und welche Elemente dabei wirksam waren. Da sie nicht nur die Schrecken der totalen Herrschaft, sondern deren äußerste, unmenschliche Zuspitzung bei der Vernichtung der europäischen Juden als Zeitzeuge selbst erfahren hatte, ging es Arendt im darauffolgenden Buch darum, herauszuarbeiten, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, um eine humane Menschenwelt zu verwirklichen und dauerhaft zu gestalten."

    So widerspricht Kurt Sontheimer auch der weitverbreiteten Annahme, dass Arendts Begriff des Politischen und dessen Bedeutung allein in der systematischen Erneuerung des Aristotelischen Praxisbegriff liege. Arendt unterziehe gerade das traditionelle Verständnis von Politik, das von Platon und Aristoteles bis hin zu Karl Marx reiche, einer radikalen Kritik. Das Proprium des Politischen sei in dieser europäischen Tradition nicht verstanden worden.
    "Im Menschen, so führt sie aus, gäbe es nichts Politisches, das zu seinem Wesen gehöre, vielmehr sei das Politische etwas außerhalb des einzelnen Menschen, das dadurch entstehe, dass eine Pluralität von Menschen miteinander in Beziehung trete. So versteht Arendt Politik als etwas, das zwischen Menschen in ihrer Vielfalt und Verschiedenartigkeit sich ereignet, aber nicht im Menschen selber angelegt ist."

    Zwar betont Sontheimer, dass das, was Arendt unter Politik versteht, kaum etwas mit dem zu tun habe, worum es in der modernen Politik geht. Doch ihr Verständnis des Politischen sei keineswegs wirklichkeitsfremd, sondern eigne sich, um die politische Realität zu verändern und zu verbessern. Wie realitätsnah und aktuell Hannah Arendts politische Analysen sind, zeige sich auch in ihrer Forderung nach einem "Recht, Rechte zu haben". Sontheimer stellt heraus, dass Hannah Arendt die erste war, die das Thema der Flüchtlinge und die prekäre Lage von nationalen Minderheiten zu einem Gegenstand der politischen Wissenschaft gemacht hat:

    "Es waren die Flüchtlinge und die Staatenlosen sowie die nationalen Minderheiten, die im 20. Jahrhundert zum Treibsand des politischen Schicksals wurden. Ihre eigene Erfahrung als eine von den Deutschen verfolgte und vertriebene Jüdin hatte Arendts Sinne und Verstand für dieses neue politische Problem geschärft, das in der Gegenwart so außerordentliche Dimensionen angenommen hat."

    Für Kurt Sontheimer war Hannah Arendt unter den politischen Theoretikern des 20. Jahrhunderts nicht nur die originellste und interessanteste, sondern auch die Theoretikerin, die uns mit der Diagnose ihrer Zeit auch im 21. Jahrhundert noch lange begleiten wird.

    Waltraut Meints über Kurt Sontheimer: "Hannah Arendt. Der Weg einer großen Denkerin". Der Band ist im Piper Verlag in München erschienen. 304 Seiten, 19 Euro 90.