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StartseiteKultur heuteVon Aufbruch keine Spur19.07.2011

Von Aufbruch keine Spur

Fadhel Jaibis "Amnesia" beim Festival D'Avignon

Für ein Theater mit politischem, sozialen Anspruch steht seit vielen Jahren das Festival von Avignon. Doch diesmal nimmt allein das Gastspiel "Yahia Yaïch - Amnesia" Bezug auf den arabischen Frühling und damit auf aktuelles Weltgeschehen.

Von Eberhard Spreng

Der Palais Papes in Avignon ist die Hauptkulisse des Theaterfestivals. (AP Archiv)
Der Palais Papes in Avignon ist die Hauptkulisse des Theaterfestivals. (AP Archiv)

Seit der Gründung des Festival d'Avignon durch den Theatermacher Jean Vilar am Ende der 40er-Jahre hat es sich quasi als höchste moralische Instanz Frankreichs und als der Hort verstanden, an dem das Land alljährlich für Europa den gesellschaftsphilosophischen Kompass eicht.

Die ersten Monate des Jahres 2011 hätten da eigentlich zu einem großen Aufbruch führen müssen: Fukushima fordert zu einer Neubestimmung des Umgangs mit Umwelt und Energie heraus; der arabische Frühling zur Revision des Verhältnisses zwischen Europa und der arabischen Welt. An der Puerta del Sol in Madrid und dem Syntagma Platz in Athen suchen Menschen nach Ansätzen einer neuen Gesellschaft jenseits hoffnungsloser Überschuldung und drohender ökonomischer Verknechtung.

Kein anderes Jahr hat in jüngster Zeit gleichermaßen zur Reflexion über einen nationalen, europäischen und internationalen "New Deal" geradezu herausgefordert. Aber Avignon, kurios genug, schweigt. Auch in der Eröffnungspressekonferenz ließ man die sonst übliche historische Standortbestimmung gänzlich aus. Nun gut, Theaterprogramme werden langfristig entworfen, aber spontan geplante Veranstaltungen könnten wie früher auch das Bühnenprogramm ergänzen. Aber da ist nur in Bezug auf den arabischen Frühling etwas zu sehen und zu hören: Ein kleines, dürr besetztes Gespräch in der Reihe "Théâtre des Idées" und das ohnehin in Europa herumtourende Gastspiel "Yahia Yaïch - Amnesia" des tunesischen Autoren-Regie-Duos Jalila Baccar und Fadhel Jaibi.

Ein arabischer Despot ist entmachtet und in eine Nervenheilanstalt eingeliefert worden. Regisseur Fadhel Jaibi zeigt einen Mann, den erst der Sturz in die Lage versetzt, die eigene Wirklichkeit zu begreifen.

"Diese Figur ist wie jeder seiner Art ein Autist. Er ist in seinem Palais eingeschlossen, Informationen von draußen werden ihm vorenthalten. Ein Graben tut sich auf zwischen ihm und seinem Volk. Nachdem es zum Sturz gekommen ist, reagiert er auf fast rührende Art naiv kindlich, wenn er sich fragt: Was habe ich denn gemacht? Ich glaube, die großen Tyrannen sind Kinder, die schlecht erzogen worden sind.""

Mit einer sehr formalisierten Theatersprache lässt Fadhel Jaibi schwarz-weiß gekleidete Figuren um den zentralen Yahia Yaïch kreisen: Choreografiertes Reinigungs- und Pflegepersonal etwa, die in Bewegungsklischees über die leere Bühne huschen, zuvor Gestalten, die zu gewehrsalvenartiger Perkussion von konvulsivischen Zuckungen ergriffen wurden und schließlich ein ironisch devotes Happy-Birthday intonieren.

Volk ist bei Jaibi nur eine Randerscheinung, Opfer von Manipulation. Das Interesse von Baccar und Jaibi gilt der privaten Innenschau eines verstörten Politikergehirns; sie zeigen dabei viel Verständnis für den autistischen Egomanen. Das mag in der Situation Tunesiens vor der Revolution noch einigermaßen gewagt gewesen sein, hilft aber nicht beim Verstehen der plötzlichen Jasminrevolution.

Ergiebiger war das Gespräch mit Jalila Baccar und dem französischen Islamkenner Gilles Kepel: Die Theatermacherin, die man als künftige tunesische Kulturministerin ins Spiel gebracht hatte, sieht vorerst die Gefahr der Islamisierung, Übergriffe der Salafisten auf öffentliche Veranstaltungen und glaubt das Land in der Folge dieser Ereignisse in einer Debatte um Begrifflichkeiten:

"Wo ist die Grenze der Kunst und des freien Ausdrucks und wo die Freiheit der Religion? Muss Kunst an der Grenze der Religion stehen bleiben? Aber die große Frage ist: Wo fängt Religion überhaupt an? Eine Riesendebatte! Natürlich gibt es das politische Problem aber eben auch ein wichtige Kulturdebatte, die das neue Gesicht Tunesiens bestimmen wird."

Gilles Kepel öffnete den Horizont für die gesamte arabische Welt und konstatierte von Marokko bis zum Irak jeweils unterschiedliche Machtverhältnisse und mögliche Revolutionen.

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