Archiv


Von der Leitfigur zur Unperson

75 Jahre nach seinem Tod erscheint der russische Schriftsteller Maxim Gorki als umstrittene Figur voller Widersprüche. In Russland wurde er nach dem Zusammenbruch des Kommunismus für viele von der vergötterten Leitfigur der Sowjetzeit zur Unperson. In seiner Entwicklung verkörpert Gorki eine ganze historische Epoche: Vom weltberühmten, aus den Niederungen des russischen Volkes aufgestiegenen proletarischen Genie, dem "Sturmvogel der Revolution", dann radikalen Kritiker des leninschen Oktoberumsturzes avancierte er schließlich zum Begründer des Sozialistischen Realismus und Verherrlicher der Stalinzeit. In Gorkis Leben ist jedoch bis heute Vieles ungeklärt.

Von Karla Hielscher | 18.06.2011
    "Was heißt überhaupt 'Mensch' (...) Das ist etwas ganz Großes! Das ist etwas, worin alle Anfänge stecken und alle Enden ... Alles im Menschen, alles für den Menschen. Nur der Mensch allein existiert, alles übrige - ist das Werk seiner Hände und seines Gehirns! Der Mensch! Einfach großartig! So erhaben klingt das."

    Diese Worte aus Maxim Gorkis Stück "Nachtasyl" - hier in einer Aufführung des Ostberliner Maxim-Gorki-Theaters von 1961 - waren zu kommunistischen Zeiten eine viel zitierte Losung, und der weltberühmte russische Schriftsteller galt seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts auch als legendärer politischer Hoffnungsträger. Inzwischen ist sein Ruhm verblasst und seine Persönlichkeit ins Zwielicht geraten. Denn Gorkis widersprüchliche Gestalt verkörpert sowohl die religiös aufgeladene kommunistische Menschheitsutopie des 20. Jahrhunderts wie auch deren schreckliche historische Realisierung.

    1868 in Nishnij Nowgorod an der Wolga in der Familie eines Kleinhandwerkers geboren, war Gorki - "der Bittere", wie er sich als Schriftsteller nannte - aus den Niederungen des russischen Volkes aufgestiegen. Seine von Armut und Elend geprägte Kindheit und Jugend - schon der Zehnjährige musste sich allein und später in Wanderjahren quer durch Russland als Bäcker, Lastenträger und Hafenarbeiter schwer durchschlagen - hat er in seiner großartigen autobiografischen Romantrilogie "Meine Kindheit", "Unter fremden Menschen" und "Meine Universitäten" eindrücklich beschrieben.

    Schon seine ersten, von der Lektüre Nietzsches inspirierten Erzählungen über die freiheitsliebenden stolzen "Barfüßler", die rebellischen Außenseiter der Gesellschaft, begründeten seinen schnell wachsenden Ruhm in aller Welt.

    Als Teilnehmer der revolutionären Bewegung avancierte Gorki mit seinen pathosgeladenen heroisch-mythischen Poemen zum "Sturmvogel der Revolution". 1905 in Petersburg verhaftet, kam er durch einen weltweiten Proteststurm frei und lebte jahrelang als politischer Emigrant auf Capri. Obwohl er mit Lenin und den Bolschewiki zusammengearbeitet hatte, beurteilte er dessen Oktoberumsturz 1917 zunächst äußerst kritisch:

    "Lenin ... hält sich für berechtigt, mit dem russischen Volk ein grausames Experiment zu machen, das schon im Voraus zum Scheitern verurteilt ist."

    In den folgenden Jahren des Terrors und der Not engagiert sich Gorki unter Einsatz all seiner Kraft - mit Verlagsgründungen und kulturpolitischen Projekten - für die Bewahrung der russischen Kultur und rettet durch seine Autorität zahllose Intellektuelle vor Verfolgung oder Hungertod.

    1921 drängt Lenin den kranken Schriftsteller zum Verlassen Sowjetrusslands. Gorkis Haus im italienischen Sorrent wird zum viel besuchten Ziel von Künstlern aus Ost und West, und er wirkt als Mittler zwischen der neuen Sowjetintelligenz und der russischen Emigration. Später heiß umworben von der sowjetischen Parteiführung, wird seine Annäherung an den Sowjetstaat jedoch immer deutlicher:

    "Ich bin stolz auf den neuen Menschen, der jetzt dabei ist, einen neuen Staat zu bauen."

    Seit 1928 reist er immer wieder - umjubelt von den Massen - in die Sowjetunion, wird zur angebeteten Galionsfigur der Sowjetliteratur und zum Vater der verordneten Kunstdoktrin des Sozialistischen Realismus, als deren Muster Gorkis Roman "Die Mutter" gilt und die wesentlich auf seinem optimistischen Menschenbild mit der "revolutionären Romantik" basiert. In seiner Rede auf dem 1. Schriftstellerkongress von 1934 heißt es:

    "Der Sozialistische Realismus bejaht das Dasein als Handeln, als schöpferische Tätigkeit, deren Ziel die ständige Entwicklung der wertvollsten individuellen Fähigkeiten des Menschen für den Sieg über die Naturkräfte ist, für ein gesundes und langes Leben, für das große Glück, auf der Erde zu leben ..."

    In den letzten Jahren seines Lebens lässt sich Gorki, abgeschottet von der Realität in einer Moskauer Luxusvilla lebend, zur Leitfigur des Stalinismus instrumentalisieren und preist die Zwangskollektivierung, den Führerkult um Stalin und den Gulag. Gleichzeitig scheint es jedoch kein Zufall zu sein, dass Stalins Politik des ausufernden Terrors erst nach dem Tod des Schriftstellers einsetzte.

    In Maxim Gorkis Leben und Tod - er starb am 18. Juni 1936 - liegt noch Vieles im Dunkeln.