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Von der Sonne erhellt

Kometen gelten als Unglücksbringer, sie sind scheinbar unberechenbar und mit einem Zusammenstoß wäre alles vorbei. Deshalb sind sie auch Standard in der Weltuntergangsliteratur.

Von Burkhard Müller-Ullrich |
    Vor 180 Jahren schrieb Johann Nestroy seinen "Lumpazivagabundus" mit dem berühmten Kometenlied, dessen Refrain lautet: "Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang." Damals waren gerade mehrere Kometen im Anflug auf die Erde und es herrschte eine gewisse Unruhe in großen Teilen der Bevölkerung. Seither gehört die Kometenfurcht zum Goldstandard in der Weltuntergangsliteratur. Natürlich ist die Vorstellung, dass alles buchstäblich mit einem Schlag aus und vorbei sein könnte, und zwar für alle, nichts anderes als eine ins Große projizierte Lebensangst des Menschen schlechthin: Wir wissen, dass wir in jedem Augenblick tot umfallen können.

    Aber weshalb gelten gerade Kometen als Unglücksbringer, da doch das schiere Vorhandensein der Erde und unsere Existenz auf ihr deutlich beweisen, dass uns bis jetzt noch kein Komet Unglück gebracht hat? Es liegt zum einen an der scheinbaren Unberechenbarkeit der Schweifsterne. Seit der Antike haben die Astronomen nichts als Harmonie und Regelmäßigkeit in der Himmelssphäre entdeckt. Schon der griechische Begriff Kosmos bedeutet Ordnung. Bloß die Kometen stören die Ordnung; sie scheinen einfach quer durchs All zu rasen und sich den Gesetzen kreisförmiger Bewegung zu entziehen. Erst spät, Anfang des 18. Jahrhunderts, kam man dahinter, dass auch Kometen, bei denen es gar nicht so aussieht, periodisch wiederkehren können.

    Zum anderen liegt es auf der Hand, dass der sich anbahnende Schlamassel einer Großen Koalition ja von irgendetwas verursacht worden sein muss, und nachdem bereits Mitte Februar ein 50 Meter großer Asteroid namens 2012 DA14 knapp an der Erde vorbeischrammte, und wir das Zeichen nicht erkannten, ist es jetzt der Komet Ison mit seinem die Wissenschaftler überraschenden Helligkeitsausbruch, der uns nichts Gutes verheißt.

    Es werden dank immer besserer Suchtechnologie inzwischen gut zwei Dutzend neue Kometen pro Jahr entdeckt. Bei diesem Zuwachs von Anlässen wird es bald nicht mehr möglich sein, selbst für die Größeren das Medienfeuer des Grusels und der Hysterie zu entfachen. Deswegen kommt Ison besondere Bedeutung zu: Er ist einer der letzten, der für die galaktische Dimension unseres Schicksals steht beziehungsweise fliegt. Er erinnert noch an das Rätsel des Urknalls und die Entstehung der natürlichen Welt. Danach wird uns hauptsächlich unser eigener Weltraumschrott beschäftigen, der uns als Bedrohung um die Ohren saust. Der Film "Gravity" gibt einen Vorgeschmack davon.