60 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel, die David Ben Gurion in Tel Aviv verlas, gibt es eine ganze Reihe von Publikationen über den Judenstaat, der als Vision begann. Wir stellen zwei Arbeiten vor. Mit Igal Avidan sucht ein junger Israeli, der seit 1989 in Berlin lebt, seine Heimat zu verstehen. "Israel - Ein Staat sucht sich selbst" nennt Avidan, der 1962 geborene Korrespondent des "Jerusalem Report", seinen Strauß von etwa 80 Interviews, die er zu einer Analyse der gegenwärtigen Problemfelder in Israel verdichtet. Michael Borgstede,
"1976 geboren in Thüne in Niedersachsen, das muss Ihnen nichts sagen."
der Cembalist und Korrespondent von "Cicero", des "Rheinischen Merkurs" und anderer deutscher Publikationen ist vor fünf Jahren nach Israel gegangen. Der Liebe wegen kam der Niedersachse, geboren 1976 in der Kleinstadt Thüne, nach Tel Aviv, wo er heute mit seiner israelischen Frau und einer Tochter lebt. "Leben in Israel - Alltag im Ausnahmezustand" heißt der fein lektorierte Band. Borgstedes Blick auf Israel ist sanft, doch nicht unkritisch. Versöhnlich ist sein Ton, emphatisch das Gefühl den Porträtierten gegenüber, während der Israeli Avidan den Finger auf die Wunde legen will und seine Recherchen zuweilen stärker aufputzt, als ihnen förderlich ist. Beide Reportageanalysen bilden die israelische Wirklichkeit mit unterschiedlichen Schlagschatten und bisher unbekannten Facetten ab.
"Elijahu kam 1920 aus Galizien und hat das Land seitdem nie wieder verlassen, weil es das Gelobte Land ist und weil er als Jude nirgend woanders sein muss als in Israel."
Mit dem 101-jährigen Elijahu Amitzur eröffnet Michael Borgestede den Gang durch sein kleines Kabinett. In sieben Bildern beleuchtet er verschiedene Protagonisten der israelischen Gesellschaft. Der selbstverständlichen Aufopferung des ergrauten Zionisten folgt die frech-fröhliche Einfalt eines jüdischen Siedlers aus den USA.
"Jake Bernson kommt aus Israel aus zwei Gründen (…) Araber verdreschen und eine Israelin heiraten (…) im mittleren Westen aufgewachsen (…) als Jude (…) schrecklich (…) Jake ist ein überzeugter Zionist (…) das seine dazu beitragen. Er weiß, dass das die Ideologie von gestern ist, darum lacht er und trinkt er sehr viel. Er ist ein bisschen naiv, aber nicht unsympathisch."
Borgstede lässt die Widersprüche ganz gelassen stehen. Man folgt ihm bei der Arbeit und nimmt seine Verblüffung wahr, wenn er zum Beispiel mit Natasha spricht, einer verführten jungen Frau, die es nach Israel verschlagen hat.
"Einer nicht-jüdischen Ukrainerin, die mit falschen Versprechungen von einer kriminellen Bande nach Israel gelockt wurde. Es wurde ihr gesagt, hier würde sie als Haushälterin arbeiten und dafür tausend Dollar im Monat bekommen. Letztlich landete sie gar nicht in Tel Aviv sondern mitten in der Wüste im Sinai. Und wurde von Beduinen über die Grenze geschmuggelt und gleich zum ersten Mal vergewaltigt, eine Gruppenvergewaltigung, wurde dann in Israel verkauft und musste dann arbeiten und irgendwann hat dann einer ihrer Kunden ihr geholfen und sie hat sich an eine israelische Hilfsorganisation gewandt. Eine tragische Geschichte. Es ist auch erst seit einigen Jahren, dass in Israel diese Frauen in Israel überhaupt ein Chance haben, weil die Polizei lange wegschaute und den Zuhältern als Informanten dafür ihre Freiheit ließ, das ist mittlerweile vorbei, aber beeindruckend war, wie sich diese Frau doch ihren Stolz und ihre persönliche Ehre bewahren konnte."
Auch wenn Borgstede später die Friktionen der verschiedenen Kulturen in Israel beschreibt, so bleibt sein Blick doch frei für ihre Eigenheiten. Nur so lässt sich die Konfrontation der orthodoxen Hügeljugend, so nennen sich die radikalen Siedler, die biblische Stätten im Westjordanland durch neue Wehrdörfer absichern wollen, mit ihrem Rabbiner verstehen. Durch die Räumung der jüdischen Siedlungen im Gazastreifen sei die religiöse Bindung der jungen Extremisten an den Staat gebrochen worden, klagt der Rabbiner und befürchtet einen Bürgerkrieg. Mit einfachen Fragen erschließt Michael Borgstede eine komplexe Wirklichkeit, wobei die familiale Grundierung des Reporters für ein intimes Detailwissen sorgt. Dies kommt dem Text zugute. Sein Fazit:
"Lange Jahre hat man in Israel behauptet, der Staat sei ein Schmelztiegel, man nahm also Juden aus aller Welt, aus Marokko, Irak, Deutschland, der Sowjetunion und Amerika nach einigen Jahren sollten dann israelische Juden draus geworden sein. Das hat auf eine gewisse Art und Weise funktioniert und dann auch wieder nicht. Der ehemalige Knesseth Abgeordnete Abraham Burg hat einmal von der Mosaik Gesellschaft gesprochen. Das scheint mir das treffendere Bild. Es ist tatsächlich so, dass eigentlich jedes Teil der israelischen Gesellschaft seine kulturelle Identität bewahrt hat und zunehmend bewahren möchte, zusammen ergeben sie ein Bild, das ist Israel, das ist sehr bunt, das ist nicht immer sehr harmonisch, aber zusammen in dieser sich reibenden Form eigentlich auch ur-israelisch."
Diese Zwischentöne setzen den Judenstaat in ein spannendes Licht. Die Mosaikgesellschaft unterliegt einer Dynamik, die für deutsche Fragen höchst aktuelle Antworten birgt, angefangen bei ihrer Integrationsfähigkeit, hatte die jüdischen Gesellschaft, mit einer Bevölkerungszahl von etwa 6 Millionen zwischen 1989 und 2002 doch 900.000 russische Einwanderer aufgenommen und war nicht daran zerbrochen.
Während es Michael Borgstede also mit vielen Zwischentönen um das Wie des Miteinanders geht, reist sein Kollege Avidan zu den Rändern des Konflikts. Er folgt der Schildbürgerlogik des israelischen Dorfes Katzir, das sich gegen den Zuzug einer Familie von israelischen Arabern wehrt, beschreibt die Schikanen der israelischen Bürokratie Überlebenden des Dritten Reiches gegenüber und geht Aktionen radikaler Russen nach, die sich im Judenstaat als Neonazis profilieren. Auch wenn der Lektor des Herbig Verlages - so vorhanden - Redundanzen liebt und Igal Avidan drastische Vergleiche, der Gründungsakt von 1948 wird bei ihm zum "Kaiserschnitt", so finden sich in seinem Text wenig bekannte historische Ereignisse, etwa die Protestaktion linker Aktivisten der sozialistischen Matzpen, die drei Monate nach dem Ende des Sechs-Tage-Krieges im September 1967 vor den Folgen einer dauerhaften israelischen Besatzung des Westjordanlandes warnt. Und auch in seiner Arbeit stößt man auf Orthodoxe mit Schattierungen wie die Politologin Greenfield die zum Hassobjekt ihrer Glaubensgenossen geworden ist, weil sie nach dem Mord an Jitzhak Rabin das hermetische Weltbild ihrer Freunde kritisierte. Igal Avidan sprach mit Bürgerrechtlern, Friedensaktivisten, Offizieren und einfachen Leuten, das ist die Stärke seines Buches. Verbissen, wie zwei wütende Schlangen seien Israelis und Palästinenser, derlei Aphorismen sind seine Schwäche. Wer nach den Wurzeln gegenwärtiger Konfliktfelder im Nahen Osten sucht, der findet sie bei Igal Avidan, wer den Alltag der israelischen Mosaikgesellschaft im Ausnahmezustand verstehen will, der wird bei Michael Borgstede vergnügt versorgt
Igal Avidan: Israel - Ein Staat sucht sich selbst
Verlag Diederichs, München
214 Seiten, 19,95 Euro
Michael Borgstede: Leben in Israel
Herbig Verlag, München
19,90 Euro
"1976 geboren in Thüne in Niedersachsen, das muss Ihnen nichts sagen."
der Cembalist und Korrespondent von "Cicero", des "Rheinischen Merkurs" und anderer deutscher Publikationen ist vor fünf Jahren nach Israel gegangen. Der Liebe wegen kam der Niedersachse, geboren 1976 in der Kleinstadt Thüne, nach Tel Aviv, wo er heute mit seiner israelischen Frau und einer Tochter lebt. "Leben in Israel - Alltag im Ausnahmezustand" heißt der fein lektorierte Band. Borgstedes Blick auf Israel ist sanft, doch nicht unkritisch. Versöhnlich ist sein Ton, emphatisch das Gefühl den Porträtierten gegenüber, während der Israeli Avidan den Finger auf die Wunde legen will und seine Recherchen zuweilen stärker aufputzt, als ihnen förderlich ist. Beide Reportageanalysen bilden die israelische Wirklichkeit mit unterschiedlichen Schlagschatten und bisher unbekannten Facetten ab.
"Elijahu kam 1920 aus Galizien und hat das Land seitdem nie wieder verlassen, weil es das Gelobte Land ist und weil er als Jude nirgend woanders sein muss als in Israel."
Mit dem 101-jährigen Elijahu Amitzur eröffnet Michael Borgestede den Gang durch sein kleines Kabinett. In sieben Bildern beleuchtet er verschiedene Protagonisten der israelischen Gesellschaft. Der selbstverständlichen Aufopferung des ergrauten Zionisten folgt die frech-fröhliche Einfalt eines jüdischen Siedlers aus den USA.
"Jake Bernson kommt aus Israel aus zwei Gründen (…) Araber verdreschen und eine Israelin heiraten (…) im mittleren Westen aufgewachsen (…) als Jude (…) schrecklich (…) Jake ist ein überzeugter Zionist (…) das seine dazu beitragen. Er weiß, dass das die Ideologie von gestern ist, darum lacht er und trinkt er sehr viel. Er ist ein bisschen naiv, aber nicht unsympathisch."
Borgstede lässt die Widersprüche ganz gelassen stehen. Man folgt ihm bei der Arbeit und nimmt seine Verblüffung wahr, wenn er zum Beispiel mit Natasha spricht, einer verführten jungen Frau, die es nach Israel verschlagen hat.
"Einer nicht-jüdischen Ukrainerin, die mit falschen Versprechungen von einer kriminellen Bande nach Israel gelockt wurde. Es wurde ihr gesagt, hier würde sie als Haushälterin arbeiten und dafür tausend Dollar im Monat bekommen. Letztlich landete sie gar nicht in Tel Aviv sondern mitten in der Wüste im Sinai. Und wurde von Beduinen über die Grenze geschmuggelt und gleich zum ersten Mal vergewaltigt, eine Gruppenvergewaltigung, wurde dann in Israel verkauft und musste dann arbeiten und irgendwann hat dann einer ihrer Kunden ihr geholfen und sie hat sich an eine israelische Hilfsorganisation gewandt. Eine tragische Geschichte. Es ist auch erst seit einigen Jahren, dass in Israel diese Frauen in Israel überhaupt ein Chance haben, weil die Polizei lange wegschaute und den Zuhältern als Informanten dafür ihre Freiheit ließ, das ist mittlerweile vorbei, aber beeindruckend war, wie sich diese Frau doch ihren Stolz und ihre persönliche Ehre bewahren konnte."
Auch wenn Borgstede später die Friktionen der verschiedenen Kulturen in Israel beschreibt, so bleibt sein Blick doch frei für ihre Eigenheiten. Nur so lässt sich die Konfrontation der orthodoxen Hügeljugend, so nennen sich die radikalen Siedler, die biblische Stätten im Westjordanland durch neue Wehrdörfer absichern wollen, mit ihrem Rabbiner verstehen. Durch die Räumung der jüdischen Siedlungen im Gazastreifen sei die religiöse Bindung der jungen Extremisten an den Staat gebrochen worden, klagt der Rabbiner und befürchtet einen Bürgerkrieg. Mit einfachen Fragen erschließt Michael Borgstede eine komplexe Wirklichkeit, wobei die familiale Grundierung des Reporters für ein intimes Detailwissen sorgt. Dies kommt dem Text zugute. Sein Fazit:
"Lange Jahre hat man in Israel behauptet, der Staat sei ein Schmelztiegel, man nahm also Juden aus aller Welt, aus Marokko, Irak, Deutschland, der Sowjetunion und Amerika nach einigen Jahren sollten dann israelische Juden draus geworden sein. Das hat auf eine gewisse Art und Weise funktioniert und dann auch wieder nicht. Der ehemalige Knesseth Abgeordnete Abraham Burg hat einmal von der Mosaik Gesellschaft gesprochen. Das scheint mir das treffendere Bild. Es ist tatsächlich so, dass eigentlich jedes Teil der israelischen Gesellschaft seine kulturelle Identität bewahrt hat und zunehmend bewahren möchte, zusammen ergeben sie ein Bild, das ist Israel, das ist sehr bunt, das ist nicht immer sehr harmonisch, aber zusammen in dieser sich reibenden Form eigentlich auch ur-israelisch."
Diese Zwischentöne setzen den Judenstaat in ein spannendes Licht. Die Mosaikgesellschaft unterliegt einer Dynamik, die für deutsche Fragen höchst aktuelle Antworten birgt, angefangen bei ihrer Integrationsfähigkeit, hatte die jüdischen Gesellschaft, mit einer Bevölkerungszahl von etwa 6 Millionen zwischen 1989 und 2002 doch 900.000 russische Einwanderer aufgenommen und war nicht daran zerbrochen.
Während es Michael Borgstede also mit vielen Zwischentönen um das Wie des Miteinanders geht, reist sein Kollege Avidan zu den Rändern des Konflikts. Er folgt der Schildbürgerlogik des israelischen Dorfes Katzir, das sich gegen den Zuzug einer Familie von israelischen Arabern wehrt, beschreibt die Schikanen der israelischen Bürokratie Überlebenden des Dritten Reiches gegenüber und geht Aktionen radikaler Russen nach, die sich im Judenstaat als Neonazis profilieren. Auch wenn der Lektor des Herbig Verlages - so vorhanden - Redundanzen liebt und Igal Avidan drastische Vergleiche, der Gründungsakt von 1948 wird bei ihm zum "Kaiserschnitt", so finden sich in seinem Text wenig bekannte historische Ereignisse, etwa die Protestaktion linker Aktivisten der sozialistischen Matzpen, die drei Monate nach dem Ende des Sechs-Tage-Krieges im September 1967 vor den Folgen einer dauerhaften israelischen Besatzung des Westjordanlandes warnt. Und auch in seiner Arbeit stößt man auf Orthodoxe mit Schattierungen wie die Politologin Greenfield die zum Hassobjekt ihrer Glaubensgenossen geworden ist, weil sie nach dem Mord an Jitzhak Rabin das hermetische Weltbild ihrer Freunde kritisierte. Igal Avidan sprach mit Bürgerrechtlern, Friedensaktivisten, Offizieren und einfachen Leuten, das ist die Stärke seines Buches. Verbissen, wie zwei wütende Schlangen seien Israelis und Palästinenser, derlei Aphorismen sind seine Schwäche. Wer nach den Wurzeln gegenwärtiger Konfliktfelder im Nahen Osten sucht, der findet sie bei Igal Avidan, wer den Alltag der israelischen Mosaikgesellschaft im Ausnahmezustand verstehen will, der wird bei Michael Borgstede vergnügt versorgt
Igal Avidan: Israel - Ein Staat sucht sich selbst
Verlag Diederichs, München
214 Seiten, 19,95 Euro
Michael Borgstede: Leben in Israel
Herbig Verlag, München
19,90 Euro