"Bradley Manning, the US Army private who was charged with leaking massive amounts of classified material to the website WikiLeaks, entered guilty pleas today…"
Bradley Manning: ein vertrauter Name in den amerikanischen Fernsehnachrichten. Der junge Gefreite der US-Armee gab geheime Regierungsdokumente an die Enthüllungsplattform WikiLeaks weiter; jetzt droht ihm lebenslange Haft wegen Landesverrat. Manning ist derzeit der wohl bekannteste Denunziant Amerikas. Und damit jemand, der Meinungen polarisiert, sagt Olaf Stieglitz, Nordamerika-Historiker an der Universität zu Köln:
"Für ganz viele Menschen ist Bradley Manning ein Held, ein Whistleblower, der die gefährlichen, die gewalttätigen, die problematischen Aspekte des US-amerikanischen Kriegs im Irak und in Afghanistan offen gelegt hat. Für die US-Regierung und für viele patriotisch gesinnte Amerikaner ist Bradley Manning genau das Gegenteil, nämlich ein Landesverräter."
Olaf Stieglitz hat ein Buch über die Geschichte der Denunziation in den USA geschrieben. "Undercover" ist ein wissenschaftliches Werk, das sich spannend wie ein Agentenkrimi liest und außerdem brandaktuell ist.
Dabei geht es nicht nur um das Phänomen der Denunziation, sondern um die Figur des Denunzianten selbst.
Und die hat die Menschen seit jeher fasziniert - in Gestalt des Spions und des Spitzels, des Verräters und des Zuträgers, des Agenten und des V-Manns. Die Reaktionen auf den Denunzianten schwanken zwischen Empörung und Verlockung, Abscheu und Bewunderung.
Olaf Stieglitz: "Ich fand diese Debatten unglaublich interessant, weil sie deutlich gemacht haben, wie uneinheitlich, wie ambivalent, wie perspektivgebunden die Figur des Denunzianten ist, wie sie umkämpft ist, wie sie politisch aufgeladen wird."
Den Beginn der Denunziation im modernen Sinne datiert der Autor auf die 1870er- und 1880er-Jahre, als sich in den USA private Detekteien wie die legendäre Pinkerton-Agentur in Chicago sowie halboffizielle Polizeitruppen herausbildeten. Ein erster Höhepunkt kam mit dem Ersten Weltkrieg.
Für Stieglitz steht festbetont: Denunziation ist der Kitt, der Gesellschaften im Krieg zusammenhält.
In Kriegszeiten (und nicht nur dann) herrschen auch Demokratien nicht immer ganz geräuschlos und gewaltfrei, zumal wenn sie beim Regieren von patriotisch gesinnten Bürgerinnen und Bürgern unterstützt werden. Sie sind es oftmals, die das Führen bereitwillig in ihre Hände nehmen.
Und so waren es auch die eifrigen Bürger, die – angestachelt von der Regierungspropaganda – gegen Einwanderer aus den europäischen Mittelmächten Stimmung machten. Vor allem Deutsch-Amerikaner wurden zur Zielscheibe der Feindseligkeit.
Ein ausführliches Kapitel widmet Stieglitz auch den 50er- und 60er-Jahren, der Zeit des Red Scare, der Kommunistenangst. Damals überzogen der berüchtigte Senator Joseph McCarthy und der langjährige FBI-Chef J. Edgar Hoover das Land mit einer Stimmung - geprägt von Hysterie, Misstrauen und Verrat.
"We ask every citizen to immediately report any information regarding espionage, sabotage or un-American activities to the Federal Bureau of Investigation."
Das ist FBI-Chef Hoover, im Originalton aus den 50er-Jahren. Er fordert die Bürger auf, verdächtige Mitmenschen wegen unamerikanischer Umtriebe zu denunzieren.
Höhepunkt der Hexenjagd war das Todesurteil gegen Ethel und Julius Rosenberg. Das Ehepaar wurde 1953 wegen Rüstungsspionage für die Sowjetunion hingerichtet.
Das Bild der heilen amerikanischen Mittelklassefamilie sei zum Fokus von Hoovers Argumentation geworden, schreibt der Autor:
Die Konstruktion eines Zusammenhangs zwischen amerikanischem Familienideal, politischer Stabilität und kommunistisch gesteuerter Subversion nahm eine prominente Stellung ein. Sie verband sich ferner mit einem immer wiederkehrenden Hinweis auf das christliche Fundament amerikanischer Werte.
Frauen spielen eine zentrale Rolle in der Geschichte der Denunziation in den USA, ebenso wie in deren kultureller Verarbeitung. Da ist zum Beispiel die Doppelagentin Elizabeth Bentley, genannt Red Spy Queen, die Königin der roten Spione. Sie war nach ihrer eigenen Enttarnung an der Verhaftung zahlreicher sowjetischer Agenten beteiligt. Und natürlich: Linda Tripp. Jene vermeintliche mütterliche Freundin der Praktikantin Monika Lewinsky, die mit den Anklägern von Präsident Bill Clinton zusammenarbeitete.
Tatsächlich werde Denunziation oft als ein weibliches Phänomen gesehen, sagt Stieglitz. Das liege daran,
"… dass in der traditionellen, überkommenen Vorstellung dem Weiblichen keine öffentliche Rolle zugesprochen worden ist, und dass die Macht von Frauen sehr oft daraufhin bezogen wurde, dass sie aus einer an den Rand gedrängten, in die private Sphäre zurückgedrängten Position heraus sprechen mussten. Ihre einzige Waffe war die Denunziation."
Empirisch lasse sich das nicht belegen, sagt der Autor.
"Undercover": Das Buch analysiert ferner Denunziation im Umfeld der Black Panther Party, der afroamerikanischen Selbstschutzbewegung in den 1960er und 70er-Jahren. Es beschreibt Bespitzelungen in Gefängnissen und in der Arbeiterbewegung und widmet sich schließlich den Debatten um Patriotismus und Verrat nach den Terroranschlägen von 9/11.
In seiner historischen Tour de Force betrachtet der Autor auch die Rolle der Denunziation in der amerikanischen Populärkultur: auf Plakaten und in Kinofilmen, im Fernsehen und heute vor allem: im Internet:
"Das Internet stellt Möglichkeiten zur Verfügung, das Denunziatorische sehr viel schneller, sehr viel umfangreicher und sehr viel mehr Menschen zur Verfügung zu stellen. Ich glaube, dass soziale Medien wie Twitter, wie Facebook noch mal ganz andere Formen des Redens über sich und über andere sowohl in einem privaten als auch in einem politischen Sinne möglich machen werden."
Olaf Stieglitz hat ein Buch geschrieben, das aufklärt und im besten Sinne unterhält. Ein Buch über die Natur des Spitzels, über soziale Reflexe und politisches Kalkül. Ein Buch, das nachdenklich macht – und dem viele Leser zu wünschen sind.
Olaf Stieglitz: Undercover. Die Kultur der Denunziation in den USA
Campus Verlag, 395 Seiten, 34,90 Euro
ISBN: 978-3-593-39845-7
Bradley Manning: ein vertrauter Name in den amerikanischen Fernsehnachrichten. Der junge Gefreite der US-Armee gab geheime Regierungsdokumente an die Enthüllungsplattform WikiLeaks weiter; jetzt droht ihm lebenslange Haft wegen Landesverrat. Manning ist derzeit der wohl bekannteste Denunziant Amerikas. Und damit jemand, der Meinungen polarisiert, sagt Olaf Stieglitz, Nordamerika-Historiker an der Universität zu Köln:
"Für ganz viele Menschen ist Bradley Manning ein Held, ein Whistleblower, der die gefährlichen, die gewalttätigen, die problematischen Aspekte des US-amerikanischen Kriegs im Irak und in Afghanistan offen gelegt hat. Für die US-Regierung und für viele patriotisch gesinnte Amerikaner ist Bradley Manning genau das Gegenteil, nämlich ein Landesverräter."
Olaf Stieglitz hat ein Buch über die Geschichte der Denunziation in den USA geschrieben. "Undercover" ist ein wissenschaftliches Werk, das sich spannend wie ein Agentenkrimi liest und außerdem brandaktuell ist.
Dabei geht es nicht nur um das Phänomen der Denunziation, sondern um die Figur des Denunzianten selbst.
Und die hat die Menschen seit jeher fasziniert - in Gestalt des Spions und des Spitzels, des Verräters und des Zuträgers, des Agenten und des V-Manns. Die Reaktionen auf den Denunzianten schwanken zwischen Empörung und Verlockung, Abscheu und Bewunderung.
Olaf Stieglitz: "Ich fand diese Debatten unglaublich interessant, weil sie deutlich gemacht haben, wie uneinheitlich, wie ambivalent, wie perspektivgebunden die Figur des Denunzianten ist, wie sie umkämpft ist, wie sie politisch aufgeladen wird."
Den Beginn der Denunziation im modernen Sinne datiert der Autor auf die 1870er- und 1880er-Jahre, als sich in den USA private Detekteien wie die legendäre Pinkerton-Agentur in Chicago sowie halboffizielle Polizeitruppen herausbildeten. Ein erster Höhepunkt kam mit dem Ersten Weltkrieg.
Für Stieglitz steht festbetont: Denunziation ist der Kitt, der Gesellschaften im Krieg zusammenhält.
In Kriegszeiten (und nicht nur dann) herrschen auch Demokratien nicht immer ganz geräuschlos und gewaltfrei, zumal wenn sie beim Regieren von patriotisch gesinnten Bürgerinnen und Bürgern unterstützt werden. Sie sind es oftmals, die das Führen bereitwillig in ihre Hände nehmen.
Und so waren es auch die eifrigen Bürger, die – angestachelt von der Regierungspropaganda – gegen Einwanderer aus den europäischen Mittelmächten Stimmung machten. Vor allem Deutsch-Amerikaner wurden zur Zielscheibe der Feindseligkeit.
Ein ausführliches Kapitel widmet Stieglitz auch den 50er- und 60er-Jahren, der Zeit des Red Scare, der Kommunistenangst. Damals überzogen der berüchtigte Senator Joseph McCarthy und der langjährige FBI-Chef J. Edgar Hoover das Land mit einer Stimmung - geprägt von Hysterie, Misstrauen und Verrat.
"We ask every citizen to immediately report any information regarding espionage, sabotage or un-American activities to the Federal Bureau of Investigation."
Das ist FBI-Chef Hoover, im Originalton aus den 50er-Jahren. Er fordert die Bürger auf, verdächtige Mitmenschen wegen unamerikanischer Umtriebe zu denunzieren.
Höhepunkt der Hexenjagd war das Todesurteil gegen Ethel und Julius Rosenberg. Das Ehepaar wurde 1953 wegen Rüstungsspionage für die Sowjetunion hingerichtet.
Das Bild der heilen amerikanischen Mittelklassefamilie sei zum Fokus von Hoovers Argumentation geworden, schreibt der Autor:
Die Konstruktion eines Zusammenhangs zwischen amerikanischem Familienideal, politischer Stabilität und kommunistisch gesteuerter Subversion nahm eine prominente Stellung ein. Sie verband sich ferner mit einem immer wiederkehrenden Hinweis auf das christliche Fundament amerikanischer Werte.
Frauen spielen eine zentrale Rolle in der Geschichte der Denunziation in den USA, ebenso wie in deren kultureller Verarbeitung. Da ist zum Beispiel die Doppelagentin Elizabeth Bentley, genannt Red Spy Queen, die Königin der roten Spione. Sie war nach ihrer eigenen Enttarnung an der Verhaftung zahlreicher sowjetischer Agenten beteiligt. Und natürlich: Linda Tripp. Jene vermeintliche mütterliche Freundin der Praktikantin Monika Lewinsky, die mit den Anklägern von Präsident Bill Clinton zusammenarbeitete.
Tatsächlich werde Denunziation oft als ein weibliches Phänomen gesehen, sagt Stieglitz. Das liege daran,
"… dass in der traditionellen, überkommenen Vorstellung dem Weiblichen keine öffentliche Rolle zugesprochen worden ist, und dass die Macht von Frauen sehr oft daraufhin bezogen wurde, dass sie aus einer an den Rand gedrängten, in die private Sphäre zurückgedrängten Position heraus sprechen mussten. Ihre einzige Waffe war die Denunziation."
Empirisch lasse sich das nicht belegen, sagt der Autor.
"Undercover": Das Buch analysiert ferner Denunziation im Umfeld der Black Panther Party, der afroamerikanischen Selbstschutzbewegung in den 1960er und 70er-Jahren. Es beschreibt Bespitzelungen in Gefängnissen und in der Arbeiterbewegung und widmet sich schließlich den Debatten um Patriotismus und Verrat nach den Terroranschlägen von 9/11.
In seiner historischen Tour de Force betrachtet der Autor auch die Rolle der Denunziation in der amerikanischen Populärkultur: auf Plakaten und in Kinofilmen, im Fernsehen und heute vor allem: im Internet:
"Das Internet stellt Möglichkeiten zur Verfügung, das Denunziatorische sehr viel schneller, sehr viel umfangreicher und sehr viel mehr Menschen zur Verfügung zu stellen. Ich glaube, dass soziale Medien wie Twitter, wie Facebook noch mal ganz andere Formen des Redens über sich und über andere sowohl in einem privaten als auch in einem politischen Sinne möglich machen werden."
Olaf Stieglitz hat ein Buch geschrieben, das aufklärt und im besten Sinne unterhält. Ein Buch über die Natur des Spitzels, über soziale Reflexe und politisches Kalkül. Ein Buch, das nachdenklich macht – und dem viele Leser zu wünschen sind.
Olaf Stieglitz: Undercover. Die Kultur der Denunziation in den USA
Campus Verlag, 395 Seiten, 34,90 Euro
ISBN: 978-3-593-39845-7