Von Thüringen in die SowjetunionDie Verschleppung deutscher Raketenexperten

Übermorgen vor 75 Jahren mussten rund 150 Experten für Raketenwaffen die Reise von Bleicherode am Harz in die Sowjetunion antreten. Im Deutschen Reich hatten sie an der V2-Rakete gearbeitet, die zunächst in Peenemünde auf Usedom gebaut wurde, später im KZ Mittelbau-Dora in Thüringen.

Von Dirk Lorenzen | 20.10.2021

Modell des ersten künstlichen Satelliten Sputnik. Foto: NASA
Der erste Satellit Sputnik (hier das Bild eines Modells) wäre wohl auch ohne deutsche Experten 1957 ins All geflogen (NASA)
Der Projektleiter Wernher von Braun begab sich gezielt in amerikanische Gefangenschaft. US-Truppen transportierten aus den V2i-Werkstätten alles ab, was ihnen nützlich erschien.
Als die Sowjets Thüringen übernahmen, waren nicht mehr viele der alten Experten vor Ort. Doch Helmut Gröttrup, ehemals einer der engsten Mitarbeiter von Brauns, gelang es, erneut eine Raketenabteilung aufzubauen.
Helmut Gröttrup und sein Team waren ursprünglich Mitarbeiter Wernher von Brauns gewesen
Die in die Sowjetunion verschleppten Experten waren größtenteils Mitarbeiter des Physikers Wernher von Braun, der später in den USA tätig war (NASA)
Völlig unerwartet ließen die Sowjets die Experten mitsamt Familien und Ausrüstung von einem rauschenden Fest direkt nach Osten bringen. Dort arbeiteten sie zunächst weiter an ihren Raketen und führten Teststarts durch.
Später sollten die Ingenieure gezielt bestimmte Probleme lösen. Die deutsche Gruppe hatte aber niemals Einblick in die russischen Arbeitsergebnisse.
Generell wird die Bedeutung des exportierten Wissens sowohl für die Sowjetunion als auch für die USA überschätzt. In beiden Staaten fußt die Raumfahrtentwicklung letztlich nicht auf Peenemünder Kenntnissen – dafür war man dort beim Waffenbau gar nicht weit genug vorangekommen.
1953 wurden die verschleppten Experten wieder zurück nach Deutschland geschickt. Sputnik, den ersten Satelliten, starteten die Sowjets vier Jahre später.