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Von wegen "Ni-Ni-Generation"

Zur Ni-Ni-Generation - also die Weder-Noch-Generation - zählen spanische Jugendliche, die weder arbeiten noch studieren wollen und stattdessen ihren Eltern auf der Tasche liegen. Geprägt hat dieses Bild ein Fernsehsender. Die Realität sieht ganz anders aus.

Von Hans-Günter Kellner | 13.09.2010

    20 Jugendliche, alles junge Männer, stehen in der großen Werkshalle des staatlichen Ausbildungszentrums Rául Vázquez in Madrid im Halbkreis um ein Auto. Die Motorhaube ist geöffnet, Meister José Luis Benítez erklärt den angehenden KFZ-Mechanikern die Funktionsweise der elektronischen Motorkontrolle. Im hinteren Teil der Halle lärmt machen die Karosseriebauer Lärm. Der Ausbilder sagt:

    "Nein, das ist nicht mein Wagen. Das ist ein Auto der Werkstatt. Aber ich traue ihnen, ich bin ja ihr Lehrer, und wir hatten auch schon mein Auto hier in der Halle. Sie sind schon ganz gut und bringen auch ihre eigenen Wagen mit. Das machen wir im zweiten Ausbildungsjahr immer so."

    Die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen in Spanien boomt. 280.000 Jugendliche haben sich in diesem Jahr in staatlichen und privaten Ausbildungszentren eingeschrieben, 10.000 mehr als im vergangenen Jahr, 60.000 mehr als vor drei Jahren. José Luis Benítez kennt diesen Trend schon lange, auch in seinem Zentrum wurden in diesem Jahr wieder 80 zusätzliche Plätze geschaffen:

    "Mit dieser tiefgreifenden Krise in Spanien ist die Nachfrage hier stark gestiegen. Wir können gar nicht alle aufnehmen. Die staatlichen wie auch privaten Ausbildungswerkstätten sind überfüllt. Ganz im Gegenteil zu den letzten Jahren. Da gab es ausreichend Jobs. Wer keine Lust mehr auf die Schule hatte, fand leicht Arbeit für Unqualifizierte. So hatten wir auch weniger Auszubildende. Jetzt sind überall in Madrid die Ausbildungswerkstätten überfüllt."

    Denn bis vor zwei Jahren, vor Ausbruch der Wirtschaftskrise , war es selbst ohne Schulabschluss kein Problem einen Job zu finden. Als Lagerarbeiter oder an der Supermarktkasse kamen auch Ungelernte schnell auf einen Monatslohn von 1.000 Euro, was immerhin dem spanischen Durchschnittseinkommen entspricht. Das erklärt auch die hohe Quote von Schulabbrechern der vergangenen Jahre von fast 30 Prozent. Auch der 19-jährige Raúl Barrante, im zweiten Ausbildungsjahr zum KFZ-Mechaniker, kennt solche Fälle:

    "Ja, die Leute haben sogar in den Autowerkstätten Jobs bekommen - ohne jeden Abschluss! Die wollten alle nur so schnell wie möglich Geld verdienen. Das hat sich geändert. Ohne Ausbildung läuft jetzt nichts mehr. Man muss sich auf den Hosenboden setzen, wenn man was werden möchte. Natürlich werden auch Fachkräfte entlassen, aber die Ungelernten sind die Ersten, die auf die Straße geschickt werden."

    Und somit erklärt der angehende KFZ-Mechaniker auch, wie es zur enormen Arbeitslosenquote unter Spaniens Jugendlichen von 40 Prozent kommen konnte. Sie ist doppelt so hoch wie die allgemeine Erwerbslosenquote in Spanien und die höchste in der Europäischen Union. Die Chancen auf Arbeit mit einer Berufsausbildung sind hingegen viel besser, sagt der 20-jährige Victor González, dessen Klasse sich gerade mit dem Karosseriebau beschäftigt. Aus seinen Praktika in den Betrieben weiß er, dass dort gut ausgebildete Leute gesucht werden. Er meint, eine Generation gut ausgebildeter Fachkräfte könnte Spanien aus der Krise führen:

    "Hoffen wir es. Jetzt haben wir eine gute Zeit, um etwas zu lernen. Es gibt ja keine Jobs, da kann man die Zeit gut nutzen, um sich fortzubilden. Danach möchte ich auf der Universität ein Ingenieurstudium beginnen. Mit einer Ausbildung kann ich dann am Wochenende mit Jobs in der Werkstatt mein Studium finanzieren. Es ist jetzt ja auch schlechte Zeiten, um die Eltern ständig um Geld zu bitten."

    Der Ansturm auf die Ausbildungszentren und Hochschulen, Jugendliche, die ihren Eltern nicht auf der Tasche liegen wollen - das passt alles nichts ins Bild, dass das viele spanische Medien von der Generation von Victor González und Raúl Barrante zeichnen. Sie verhöhnen sie als "Weder-Noch-Generation", eine Generation, die angeblich weder zur Schule gehen, noch arbeiten will. Auch KFZ-Meister Jose Luis Benítez will dieses Bild nicht bestätigen. Er hofft darauf, die praktische Berufsausbildung werde auch gegenüber dem Universitäts-Studium an Prestige gewinnen.

    "Es sind Zeiten zum Nachdenken. Nicht nur für die Auszubildenden oder für die Eltern, sondern für die ganze Gesellschaft. Wir müssen uns über die Bedeutung der Qualifizierung klar werden. Ohne solide ausgebildete Leute kommen wir nicht raus aus der Krise. Das große Problem in Spanien war immer, dass man allerhöchstens Wert auf die Hochschulausbildung gelegt hat. Aber wir brauchen auch gute Leute in der Produktion, die auch mal etwas reparieren können. Damit sich das Land weiterentwickelt."