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Vor 100 Jahren
Deutschlands Gelehrte im Dienst der Propaganda

Heute vor 100 Jahren, kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs, begann die Sammlung von Unterschriften für den "Aufruf an die Kulturwelt". Zahlreiche Künstler und Gelehrte gaben ihren Namen für den ersten Sammelaufruf deutscher Intellektueller im sofort einsetzenden "Propagandakrieg der Geister".

Von Bernd Ulrich | 19.09.2014
    Die zeitgenössisch colorierte Fotografie aus der deutschen Propaganda zeigt eine deutsche Maschinengewehr-Kompanie (M.G.K.) beim Vormarsch an der lettischen Ostseeküste, aufgenommen 1917.
    Die zeitgenössisch colorierte Fotografie aus der deutschen Propaganda zeigt eine deutsche Maschinengewehr-Kompanie (dpa / picture alliance / Archiv Neumann)
    Am 19. September 1914, sieben Wochen nach Beginn des Ersten Weltkriegs, verließ ein Telegramm die Reichshauptstadt. Es war unterzeichnet vom Zweiten Berliner Bürgermeister Georg Reicke und richtete sich an prominente Schriftsteller, Künstler und Gelehrte:
    "Ihre Unterschrift dringend erwünscht für Protest deutscher Intellektueller in neutraler Presse gegen Auslandslügen. Eile geboten. - Bürgermeister Reicke Berlin."
    Initiiert durch den Übersetzer und Bühnenautor Ludwig Fulda und den Schriftsteller Hermann Sudermann, beide eher von liberaler Denkungsart, und mit tatkräftiger Unterstützung des Nachrichtenbüros des Reichsmarineamtes, das bereits vor dem Krieg die deutsche "Flottenpropaganda" angeleitet hatte, konnten innerhalb weniger Tage 93 Unterzeichner gewonnen werden. Darunter fanden sich Künstler wie Max Liebermann und Max Reinhardt, aber auch Wissenschaftler wie Wilhelm Röntgen oder Max Planck. Sie gaben ihre Namen für dieses "Manifest der 93", offiziell "Aufruf an die Kulturwelt" genannt. Ab dem 4. Oktober erschien er in deutschen Zeitungen, vor allem aber in zehn Übersetzungen in den neutralen Staaten. Die einleitende Passage des Aufrufs verdeutlichte den Anlass für dessen Abfassung:
    Verkünderin der Wahrheit

    "Wir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kultur erheben vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache zu beschmutzen trachten. Um so eifriger arbeitet man jetzt mit Entstellungen und Verdächtigungen. Gegen sie erheben wir laut unsere Stimme. Sie soll die Verkünderin der Wahrheit sein."
    Was sie verkündete, war denn auch die mit der so pathetischen wie biblisch inspirierten Sentenz "Es ist nicht wahr" eingeleitete Widerlegung angeblicher Propagandalügen. Eine Lüge sei schon der Vorwurf deutscher Kriegsschuld. Ja, deutsche Truppen wären zwar in das neutrale Belgien einmarschiert, aber Deutschland sei dabei lediglich dem von Belgien akzeptierten Einmarsch englischer und französischer Truppen zuvorgekommen. Im Übrigen sei es nicht wahr,

    "dass eines einzigen belgischen Bürgers Leben und Eigentum von unseren Soldaten angetastet worden ist, ohne dass die bitterste Notwehr es gebot;
    dass unsere Truppen brutal gegen (die belgische Stadt) Löwen gewütet haben;
    dass unsere Kriegsführung die Gesetze des Völkerrechts missachtet;
    dass der Kampf gegen unseren sogenannten Militarismus kein Kampf gegen unsere Kultur ist, wie unsere Feinde heuchlerisch vorgeben. Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt."
    Kritischen und informierten Beobachtern wie dem Journalisten und Publizisten Theodor Wolff war sofort klar, dass derlei Kundgebungen:

    "Nur das Gegenteil des beabsichtigten Zweckes erreichen, weil sie von Unkenntnis zeugen. Denn überflüssige Gewaltakte, sinnlose Erschießungen von Geiseln etc. sind vorgekommen und viel zu viele Dörfer sind eingeäschert worden."
    Krieg der Geister
    Der Aufruf entfaltete eine enorme Wirkung - wenngleich nicht die erhoffte. Vielmehr diente insbesondere der proklamierte Schulterschluss zwischen "deutschem Militarismus" und "deutscher Kultur" der eigentlich zu widerlegenden alliierten Propaganda als Steilvorlage. Schien doch dieser erste Sammelaufruf deutscher Intellektueller aufs Trefflichste zu belegen, was ihre gleichfalls im "Krieg der Geister" engagierten Kollegen auf französischer und britischer Seite nicht müde wurden zu wiederholen: Man führe in diesem Krieg, wie es der französische Philosoph Henri Bergson formuliert hatte, "einen Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei", in dem die Deutschen nurmehr als "Hunnen" und der Kaiser als "neuer Attila" vorkamen. Der englische Literaturnobelpreisträger Rudyard Kipling verglich gar bald darauf „den Deutschen" mit einem Tod bringenden Bakterium:
    "Wann immer der Deutsche eine geeignete Kultur bekommt, worin er gedeiht, dann bedeutet er Tod und Verlust für zivilisierte Menschen, genauso wie Bakterien irgendeiner Krankheit. Für uns ist der Deutsche wie Typhus oder Pest - Pestis Teutonicus, wenn Sie so wollen."
    Diesen Kontext einer europäischen Intellektuellen-Dämmerung gilt es zu berücksichtigen, wenn das "Manifest der 93" betrachtet wird. Das ändert indessen nichts an dessen staatsgläubiger Dummheit und Ignoranz. Albert Einstein fasste die Lage acht Monate nach Beginn des Krieges, im März 1915 in einem Brief an den französischen Schriftsteller Romain Rolland zusammen:
    "Sollen wirklich spätere Jahrhunderte unserm Europa nachrühmen, dass drei Jahrhunderte emsiger Kulturarbeit es nicht weiter gefördert hatten als vom religiösen Wahnsinn zum nationalen Wahnsinn? Sogar die Gelehrten der verschiedenen Länder gebärden sich, wie wenn ihnen vor acht Monaten das Großhirn amputiert worden wäre."