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StartseiteKalenderblattVor 125 Jahren: Zar Alexander II. schreibt seinen "Ohrfeigenbrief" an Wilhelm I.15.08.2004

Vor 125 Jahren: Zar Alexander II. schreibt seinen "Ohrfeigenbrief" an Wilhelm I.

Alexander II., Zar von Russland, setzte sich am 15. August 1879 in Zarskoe Selo an seinen Schreibtisch, spitzte die Feder und schrieb einen Brief an seinen Onkel Wilhelm. Der war damals 82 Jahre alt und Kaiser von Deutschland. Der Neffe begann seinen Brief:

Von Jens Brüning

Fjodor J. Aleksejew: Ansicht des Moskauer Kreml und der Steinbrücke Anfang 19. Jahrhundert (Staatliches kulturhistorisches Museum "Moskauer Kreml")
Fjodor J. Aleksejew: Ansicht des Moskauer Kreml und der Steinbrücke Anfang 19. Jahrhundert (Staatliches kulturhistorisches Museum "Moskauer Kreml")

Cher Oncle et Ami.

Was dann folgte, ist unter der Bezeichnung "Ohrfeigenbrief" in die Geschichtsschreibung eingegangen. Zar Alexander zeigte sich enttäuscht über Reichskanzler Otto von Bismarck. Der hatte während des Berliner Kongresses im Jahre 1878 seine Versprechungen wahr gemacht, als "ehrlicher Makler" zwischen den im russisch-türkischen Krieg verstrickten europäischen Großmächten zu agieren. Alexander II. fand das angesichts des russischen Stillhaltens im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 empörend.

Ist es eines wahren Staatsmannes würdig, einen persönlichen Streit ins Gewicht fallen zu lassen, wenn es sich um das Interesse zweier großer Staaten handelt, die geschaffen sind, im guten Einverständnis zu leben, und von denen der eine dem anderen im Jahre 1870 Dienste geleistet hat, die Sie nach Ihrem eigenen Ausdruck niemals vergessen zu wollen erklärt haben?

Alexander wollte eine Gegengabe, und er stand unter dem Druck seines Außenministers Alexandr Michailowitsch Fürst Gortschakow. Der sah in den Verträgen des Berliner Kongresses eine Niederlage seiner Politik. Gortschakow verlegte Truppen an die deutsch-russische Grenze und beobachtete mit Argwohn Bismarcks Schutzzollpolitik auf Agrarerzeugnisse aus Russland und das Embargo aufgrund einer in Russland ausgebrochenen Viehseuche. Bismarck hatte zudem im Frühjahr 1879 eine Pressekampagne gegen Fürst Gortschakow eingeleitet. Auf ihrem Höhepunkt schrieb der deutsche Reichskanzler über seinen russischen Kollegen:

Gortschakow ist eine Kalamität für Russland und für dessen Freunde; der beste Wille der letzteren reicht nicht hin, um die Folgen seiner Torheiten gut zu machen.

Aus alledem zog Alexander II. in seinem "Ohrfeigenbrief" den Schluss:

Die Lage wird zu ernst, als dass ich Ihnen meine Befürchtungen verbergen dürfte, deren Folgen verhängnisvoll für unsere beiden Länder werden können.

Bismarck hatte diese Wendung vorausgesehen. Vier Tage, bevor Alexander seinen Brief schrieb, stellte er im Rückblick auf den Berliner Kongress und die daraus sich entwickelnden Querelen fest:

Wir haben uns auf die ganze orientalische Frage nur aus Gefälligkeit für Russland eingelassen.

Kaiser Wilhelm war in einer Zwickmühle. Er hielt ein Bündnis mit Österreich-Ungarn für illoyal gegenüber Russland. Er wollte eine laue Antwort auf den "Ohrfeigenbrief", die keinen Zweifel an der alten Freundschaft erkennen lassen dürfe. Und er kündigte einen Besuch bei seinem Neffen an, eine Gutwettergeste, die Bismarck nicht gut heißen konnte.

Kaiser Alexander hat schon immer weniger Zurückhaltung in der Geltendmachung des Anspruches auf Dank gehabt als Eure Majestät. Schon bald nach dem Kriege sagte mir Seine Majestät persönlich in Berlin: "Ihre Regierung ist mir Dank schuldig, und sie könnte ihn mir durch die Abtretung von Nordschleswig bestätigen."

Alexander stellte sich also ein Geben und Nehmen vor, während Bismarck auf die ideellen Aspekte von Politik abhob, wenn er versuchte, zwischen den Großmächten Europas ein labiles Gleichgewicht herzustellen, ganz nach der Maxime:

Versuche zu Dreien zu sein, solange die Welt durch das unsichere Gleichgewicht von fünf Großmächten regiert wird.

Im September 1879 traf Wilhelm I. seinen Neffen Alexander und fasste das ausgiebige Gespräch so zusammen:

Wenn ich also, wie er aus meiner Antwort ersehen habe, in dem Brief etwas Verletzendes gefunden hätte, so treffe ihn allein die Schuld und sehe er ein, dass ich ihn habe missverstehen können. Das tue ihm sehr leid und wünsche er nun, ... ihn ungeschrieben anzusehen. Von einer Drohung sei er so entfernt wie von irgend Etwas gewesen.

Der besonders fordernde Ton des "Ohrfeigenbriefes" bewirkte also genau das Gegenteil dessen, was beabsichtigt war. Otto von Bismarck war auch nach dem Rückzug des Zaren noch nicht besänftigt.

Die russischen Heere bleiben an unserer Grenze, und der Einfluss unserer Feinde auf den Kaiser Alexander bleibt derselbe.

Zum Selbstschutz schmiedete Bismarck anschließend einen deutsch-österreichischen Zweibund. Damit gab es erneut ein mitteleuropäisches Machtzentrum, und Russland kehrte reumütig zur Politik des schon 1873 geschlossenen Dreikaiserabkommens zurück, mit Rücksicht auf die Großmacht England geschah das jedoch im Geheimen.

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