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Vor 25 Jahren
Der letzte "Starfighter" hebt zu einem Übungsflug ab

Superschnell, wendig und mit hoher Steigleistung, aber nicht leicht zu fliegen – so charakterisierten Piloten den Starfighter F-104 G. Berüchtigt wurde der einstrahlige Jet durch eine Absturzserie Mitte der 1960er Jahre. 116 Piloten verunglückten tödlich. Am 22. Mai 1991 wurde der letzte Starfighter der Bundesluftwaffe ausgemustert.

Von Wolfgang Stenke | 22.05.2016

    Auf einem eisernen Ständer schwebt der ehemalige Marinejagdbomber Lockheed F-104G "Starfighter" über dem Eingangsbereich des Marinemuseums in Wilhelmshaven.
    Dieser ehemalige Lockheed F-104 G Starfighter landete nach seiner Dienstzeit im Marinemuseum in Wilhelmshaven (picture-alliance / dpa - Ingo Wagner)
    "Der Starfighter ist für den Flugzeugführer mehr als andere Flugzeuge eine ständige Herausforderung."
    Der Starfighter Lockheed F-104 G – das "G" steht hier für "Germany". Die Piloten nannten ihn "Gustav", manchmal hieß er auch "Witwenmacher" oder "fliegender Sarg".
    "Er wird immer mit Respekt behandelt werden. Wenn er das Mal nicht wurde, wurde es auch leicht kritisch."
    Der Jet mit den messerscharfen Stummelflügeln war ein hochkomplexes Gerät, das es auf doppelte Schallgeschwindigkeit brachte. Stückpreis: Rund acht Millionen DM. 936 dieser Düsenkampfflugzeuge schaffte die Bundesluftwaffe ab 1960 an, fast ein Drittel davon verlor sie durch Abstürze. 116 Piloten starben. Am 22. Mai 1991 wurde der letzte deutsche Starfighter auf dem Fliegerhorst Ingolstadt-Manching außer Dienst gestellt. Oberstleutnant Armin Ewert saß beim letzten Flug im Cockpit:
    "Es ist ein zwiespältiges Gefühl. Auf der einen Seite so wie jeder Flug auch, den man im Lauf der letzten 30 Jahre gemacht hat. Zum anderen natürlich etwas Besonderes, dass man jetzt ein Flugzeug fliegt, was einen mehr als das halbe Fliegerleben begleitet hat. Angst beim Einsteigen darf nicht dabei sein. Sie war auch nicht dabei."
    Die Luftwaffe hatte zu wenig trainierte Piloten und Techniker
    Mit der Ausmusterung des Starfighters endete das ehrgeizigste und riskanteste Rüstungsprojekt der neuen bundesdeutschen Streitkräfte. Schon Auswahl und Beschaffung der Maschine Ende der 1950er Jahre waren ein Politikum. Mit Lockheeds Starfighter konkurrierten der gleichfalls amerikanische Grumman Super Tiger und die französische Mirage III. Verteidigungsminister Strauß und Luftwaffeninspekteur Kammhuber bevorzugten das modernste und schnellste Flugzeug, eben den Starfighter. Er existierte allerdings bis dahin nur als Schönwetterjäger. Strauß und die militärische Führung aber wollten eine Mehrzweckwaffe, einsetzbar als Abfangjäger, Aufklärer und Jagdbomber - sowohl mit konventioneller wie mit atomarer Bestückung. Also eigentlich drei verschiedene Flugzeugtypen. Das erforderte grundlegende Veränderungen der Konstruktion und die Entwicklung gänzlich neuer Elektronik. – Johannes Steinhoff, auf dem Höhepunkt der Starfighter-Krise Inspekteur der Luftwaffe:
    "Der Hauptgrund dafür war, dass wir einen Sprung machen wollten von einer Generation von eigentlich schon veralteten amerikanischen Düsenflugzeugen in eine neue Generation hinein von komplexen, schnelleren Mach-2-Flugzeugen. Dabei haben wir uns leider etwas übernommen."
    Hinzu kam: Verteidigungsminister Strauß wollte den Aufbau einer deutschen Flugzeugindustrie. Nur die ersten 36 Maschinen wurden bei Lockheed in Kalifornien gebaut, den größten Teil des Riesenauftrages fertigten vier Arbeitsgemeinschaften, zu denen auch niederländische, belgische und italienische Firmen gehörten, in Lizenz. Das komplizierte dieses technisch höchst anspruchsvolle Projekt zusätzlich. Ständig wurden die Anforderungen verändert. Die hohen Stückzahlen überforderten die Bundesluftwaffe. Sie hatte zu wenig hinreichend trainierte Piloten und Techniker. 1965/66 stürzten insgesamt 48 Maschinen ab.
    "Ungefähr wie die erste Liebe, die man niemals im Leben mehr vergisst"
    Massenmedien und Opposition geißelten die Starfighter-Krise als einen der großen Beschaffungsskandale, von denen der Aufbau der Bundeswehr begleitet war. Auch das politische Kabarett nahm das Thema auf. – Das Düsseldorfer "Kom(m)ödchen" im April 1966:
    "Sie hatten also in letzter Zeit viel über größeren Starfighteranfall zu klagen?" – "Befall!" – "Befall!" - "Ja, aber klagen ist wirklich zu viel gesagt. Man hat sich halt daran gewöhnt. Raus aus den Wolken, rein in die Kartoffeln!" – "Sie meinen, es hat also auch seine Vorteile?" – "Ja, natürlich, sicher doch. Weil die Kartoffelkäfer es ja nicht aushalten."
    Durch Verbesserungen in Ausbildung und Technik konnten die Absturzzahlen reduziert werden. Doch noch in der ersten Hälfte der 80er Jahre verlor die Luftwaffe 49 Maschinen.
    Trotzdem empfanden viele der Piloten, die sich auf dem Fliegerhorst Manching versammelt hatten, Trennungsschmerzen, als der letzte der schnellen und äußerst wendigen Vögel endgültig ausgemustert wurde:
    "Für mich ist die F-104 einfach das Flugzeug, was am nächsten an meinem Herzen ist. Das ist so ungefähr wie die erste Liebe, die man niemals im Leben mehr vergisst."