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StartseiteKalenderblattDer Uhrmacher John Harrison24.03.2018

Vor 325 Jahren geborenDer Uhrmacher John Harrison

John Harrison löste ein Problem, das lange Zeit als unlösbar galt: Erst mit den von ihm gebauten Chronometern wurde es möglich, die genaue Position von Schiffen auf hoher See zu ermitteln. Trotzdem musste Harrison ohne absolvierte Uhrmacherlehre ein Leben lang um die verdiente Anerkennung kämpfen.

Von Irene Meichsner

Schwarz-weiß-Zeichnung des Englischen Uhrmachers John Harrison (imago /  Heinz Dieter Falkenstein)
Der Englische Schreiner und Uhrmacher John Harrison lebte von 1693 bis 1776 (imago / Heinz Dieter Falkenstein)
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Unter Uhrmachern gilt John Harrison heute noch als der Meister. Ohne höhere Schulbildung und ohne jemals eine Lehre als Uhrmacher absolviert zu haben, löste der Sohn eines Tischlers eines der größten Probleme seiner Zeit. Erst mit Harrisons Präzisionsuhren wurde es möglich, die genaue Position von Schiffen auf hoher See zu ermitteln. Davor waren Tausende von Seeleuten elend zugrunde gegangen, weil sich die geographische Länge, auf der man sich befand, nicht sicher bestimmen ließ.

"Seite für Seite berichtet diese elende Geschichte von Schrecken und Qual, vom Tod durch Skorbut und Verdursten, von Gespenstern in der Takelage, von Riffen, die Schiffswände durchbohrten, von den Leichen der Ertrunkenen an den Stränden", sagt die amerikanische Schriftstellerin Dava Sobel, die John Harrison, am 24. März 1693 bei Wakefield in Yorkshire geboren, mit ihrem Bestseller "Längengrad" ein literarisches Denkmal setzte.

"Seine erste Pendeluhr baute Harrison 1713, als er knapp 20 war. Warum er das tat und wieso er ohne Uhrmacherlehre ein so hervorragendes Ergebnis erzielte, bleibt ein Rätsel. Einer Legende zufolge soll er während einer Kinderkrankheit dem Ticken einer Taschenuhr gelauscht haben, die auf seinem Kopfkissen lag. Doch wo sollte der Knabe einen solchen Gegenstand herbekommen haben?"

Erster Entwurf seiner Präzisionsuhr 1730

1714 hatte das britische Parlament ein Preisgeld von umgerechnet mehreren Millionen Euro für ein praktikables Verfahren zur Bestimmung der geographischen Länge auf See ausgelobt. 1730 präsentierte Harrison einen ersten Entwurf. Im Prinzip war die Lösung simpel: Man musste nur zu einem bestimmten Zeitpunkt wissen, wie spät es an einem anderen Ort auf der Erde war. Dann konnte man anhand des Zeitunterschieds berechnen, um wie viele Längengrade man sich zum Beispiel vom Heimathafen entfernt hatte.

Aber: "Selbst an Land gingen damalige Uhren 15 Minuten am Tag nach. Um die geographische Länge zu bestimmen, durften es nur zwei Sekunden sein!"

Harrisons Schiffsuhren, die auch dem Wellengang, den Temperaturschwankungen und der salzhaltigen Luft auf hoher See trotzen mussten, waren unfassbar komplizierte Gebilde. Er war ein Perfektionist. Allein für die "H3", das dritte seiner vier Modelle, ließ er sich 19 Jahre Zeit. Aber er hatte sein Auskommen, weil ihm die Längengrad-Kommission nach anfänglicher Skepsis hohe Entwicklungskosten zahlte.

Harrisons ärgster Feind

Ausgerechnet an der "H4", Harrisons nur noch taschenuhrgroßem Glanzstück, entzündete sich der Streit. Obwohl sie auf einer monatelangen Testfahrt nach Jamaika hin und zurück nur eine Gangabweichung von knapp zwei Minuten, auf der Hinfahrt sogar nur fünf Sekunden gezeigt hatte, hieß es 1762 im Abschlussbericht der Kommission: "Die mit der Uhr gemachten Experimente reichen nicht aus, um auf See die Länge zu bestimmen."

Nevil Maskelyne, seit 1765 britischer Hofastronom, wurde Harrisons ärgster Feind. Er gehörte zu einer mächtigen Fraktion, die den Längengrad an Hand der "Monddistanzen", das heißt: anhand des Winkelabstands des Mondes zu hellen Fixsternen bestimmen wollte. Erst wurde Harrison eine zweite Testfahrt abverlangt. Dann wurden seine vier Uhren samt aller Konstruktionspläne beschlagnahmt.

Von der "H4" sollte er aus dem Gedächtnis zwei Kopien anfertigen, um jeden Zufall auszuschließen. Als er die erste Kopie endlich fertig hatte, war er 79 Jahre alt - und sein Sohn William wandte sich mit einem flehenden Bittbrief direkt an den König.

Späte Genugtuung

"Diese Leute sind grausam behandelt worden", soll Georg III. gemurmelt haben, als William ihm die ganze Geschichte erzählte. Und: "Bei Gott, Harrison, ich werde dafür sorgen, dass Ihr zu Eurem Recht kommt."

Tatsächlich wurde Harrison daraufhin noch einmal eine hohe Summe zugesprochen, so dass er am Ende fast das volle Preisgeld erhalten hatte. 1776 starb er in London an seinem 83. Geburtstag. Vorher war ihm noch eine späte Genugtuung widerfahren. Der berühmte Seefahrer James Cook hatte sich hellauf begeistert über einen Chronometer geäußert, der nach dem Muster der "H4" angefertigt worden war. Mit Hilfe dieser Uhr stellte Cook die erste - außerordentlich präzise - Karte der Südseeinseln her.

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