Donnerstag, 19. Mai 2022

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Vor 50 Jahren
Das Russell-Tribunal zum Vietnamkrieg wird eröffnet

Am 2. Mai 1967 nahm das Russell-Tribunal seine Arbeit auf: Schriftsteller, Philosophen, Wissenschaftler und Aktivisten wollten die amerikanischen Kriegsverbrechen in Vietnam sichtbar machen. Das Tribunal wurde zum Vorbild der späteren UN-Kriegsverbrecherprozesse in Den Haag.

Von Otto Langels | 02.05.2017

Der Friedensaktivist Betrand Russell 1966 auf einer Pressekonferenz in London - er war kurz darauf die treibende Kraft hinter dem gleichnamigen Tribunal
Der Friedensaktivist Betrand Russell 1966 auf einer Pressekonferenz in London - er war die treibende Kraft hinter dem gleichnamigen Tribunal (picture alliance / dpa / UPI)
"I wish rather to explain briefly, why I took the step of calling to such a war crime tribunal."
Der damals 94-jährige Lord Bertrand Russell trat im November 1966 in London vor die Presse, um die Einberufung eines Tribunals zum Vietnamkrieg zu begründen. Prominente Bürgerrechtler, Wissenschaftler und Schriftsteller sollten die "Wahrheit über Vietnam" herausfinden, so der weltweit bekannte Philosoph und Friedensaktivist.
Nach dem Vorbild der Nürnberger Prozesse gegen NS-Täter sollten die Mitglieder des Russell-Tribunals Vorwürfen zu amerikanischen Kriegsverbrechen in Vietnam nachgehen. Allerdings fehlte den Teilnehmern eine offizielle Legitimation, ihnen blieben nur der öffentliche Druck und das moralische Urteil.
"Wer klagt an? Wir? Wir, das Russell-Tribunal?" Fragte der österreichische Schriftsteller Günter Anders, Mitglied des Tribunals.
"Das Anklagen überlassen wir den Amerikanern selbst"
"Wir haben das nicht nötig. Wir sammeln, überprüfen und publizieren die Unterlagen. Das Anklagen überlassen wir den Amerikanern selbst. Denn es gibt keine Anklage, die furchtbarer wäre als jener amtliche amerikanische Bericht über die Tonnen von Bomben, mit denen die Armee Johnsons Vietnam auszurotten bzw. die Freiheit der freien Welt zu retten versucht hat."
Die US-Regierung lehnte jedoch nicht nur jede Mitarbeit an dem Tribunal ab, sie versuchte auch, Bertrand Russell und andere Mitglieder zu diskreditieren. Zwar konnten die Amerikaner die Durchführung nicht verhindern, aber nach einem Veto des französischen Präsidenten Charles de Gaulle fand die erste Sitzungsperiode nicht wie geplant in Paris, sondern in Stockholm statt.
Dort nahm das Russell-Tribunal am 2. Mai 1967 seine Arbeit auf. Eine zweite Sitzungsperiode folgte Ende 1967 im dänischen Roskilde. Mitglieder waren unter anderen die Schriftsteller James Baldwin, Simone de Beauvoir und Peter Weiss, der Philosoph Jean-Paul Sartre, der Historiker Isaac Deutscher, der Jurist Lelio Basso und der Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth. Den Vorsitz übernahm der jugoslawische Historiker Vladimir Didijer:
"I understand that here in the hall are two witnesses from Vietnam …"
Zeuge: "Ich stand sofort in Flammen"
Vor dem Tribunal traten zahlreiche Zeugen auf: Experten, die in Vietnam die Folgen von US-Bombardements dokumentiert hatten, sowie zivile Kriegsopfer, darunter der Reisbauer Hoang Tan Hung:
"Hinter mir hörte ich eine gewaltige Explosion, ich stand sofort in Flammen. Die Hitze war unerträglich. Schreiend irrte ich umher, dann sank ich zu Boden und verlor das Bewusstsein."
Hoang entblößte anschließend seinen Oberkörper und zeigte die durch eine Phosphorbombe erlittenen Verletzungen: schwerste Verbrennungen auf dem Rücken, das linke äußere Ohr verstümmelt.
Die Lehrerin Ngo Thi Nga berichtete über einen Bombenangriff auf die Dorfschule mit 15 Kindern.
"Die Kinder weinten und schrien: Mademoiselle! Papa! Mama! Rette uns, rette uns!
Zwei Jungen, sechs und neun Jahre alt, erlagen ihren Verletzungen. Einen nach Stockholm gekommenen Mitschüler zogen Begleiter vor dem Tribunal aus, um seinen verbrannten Körper zu zeigen; eine verstörende Szene.
Die USA für schuldig befunden
Zum Abschluss der Sitzungsperiode erklärte Jean-Paul Sartre am 10. Mai 1967 im Namen aller Mitglieder:
"Wir befinden die Regierung und die bewaffneten Streitkräfte der Vereinigten Staaten für schuldig, vorsätzlich, systematisch und großflächig zivile Ziele bombardiert zu haben, ganze Dörfer, Dämme, Schulen, Kirchen, Pagoden, historische und Kultur-Denkmäler."
Das Tribunal hatte keinen unmittelbaren Einfluss auf das Kriegsgeschehen in Vietnam, zumal Kritiker dem Gremium ein einseitiges, plakatives Vorgehen vorwarfen. Gleichwohl entwickelte sich die internationale Initiative zu einer moralischen Instanz im Kampf um die Einhaltung der Menschenrechte und zu einem Vorbild für das spätere UN-Kriegsverbrechertribunal.