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Vor 70 Jahren wurde der Deutsche Dienst der BBC gegründet

Vor seiner Abreise zur Münchner Konferenz über die Sudetenkrise hält der britische Premierminister Chamberlain eine Ansprache. Er betont Englands Friedenswillen. Die BBC sendet die Rede am 27. September 1938 zum ersten Mal auch in deutscher, französischer und italienischer Übersetzung. Dieses Datum gilt seitdem als der Beginn des Fremdsprachendienstes der BBC.

Von Bernhard Wittek | 20.09.2008

    "Hier ist England. Hier ist England. Zunächst die Nachrichten in Schlagzeilen."

    Nach Ausbruch des Krieges muss die Ansage aus London möglichst kurz und klar sein. Denn nach dem Verständnis der Naziführung ist das Abhören von Rundfunksendungen des Feindes ein Verbrechen, das streng bestraft wird - mit Zuchthaus oder Konzentrationslager. In einer Featuresendung der BBC lässt man da sogar die Berliner Schnauze Frau Wernicke eine Warnung herausschnattern:

    "Ne, ne! Da will ick nischt von wissen Kinder! Det Radio dreh ick nich an! Nischt zu machen...vielleicht drehste da'n bisschen zu weit und hasste nich jesehn biste'n Volksschädling."

    Die lange Phase britischer Niederlagen ist für die Nachrichtensendungen eine schwere Herausforderung. Hugh Carleton Greene, der jüngere Bruder des Schriftstellers Graham Greene, leitet den Deutschen Dienst seit Oktober 1940 und geht offensiv mit den schlechten Nachrichten um:

    "Man musste die Wahrheit sagen, das war nur vernünftig, die Wahrheit zu sagen, die Niederlagen nicht zu vertuschen, kleinere Erfolge nicht zu sehr aufzubauen. Denn wenn die Menschen in Deutschland lernten uns zu glauben in der Zeit der Niederlagen würden sie uns dann in der Zeit der Siege glauben und vielleicht könnten wir unseren Beitrag leisten auf diese Weise den Krieg etwas zu verkürzen."

    Rund 30 deutschsprachige Emigranten bilden die Redaktion des Deutschen Dienstes unter englischer Leitung. Zu ihr gehören außer Sprechern und Übersetzern auch Regisseure und Schauspieler. Mit Nachrichten, politischen Kommentaren, aber auch kabarettistischen Stücken versucht man der Angstpropaganda der Nazis zu entgegnen, so Hugh Greene:

    "Im Allgemeinen ist glaube ich der Humor eine viel wirksamere Waffe in der Propaganda als Angst."

    Der Deutsche Dienst entwickelt sich gerade in diesen ersten schwierigen Jahren zu einer echten Ideenwerkstatt. Das fängt bei den Nachrichtensendungen an. Für sie ist der Hamburger Jurist Carl Brinitzer zuständig. In den Nachrichten ersetzt er typisch deutsche Schachtelsätze durch kurze Aussagen, weil sie von den Störsendern der Nazis weniger leicht beschädigt werden können. Politisch kommentierend meldet sich als einziger Deutscher der Schriftsteller Thomas Mann zu Wort, mit seinen berühmten Aufrufen Deutsche Hörer:

    "Deutsche Hörer! Diesmal hört ihr meine eigene Stimme, es ist die Stimme eines Freundes, es ist eine warnende Stimme. Euch zu warnen ist der einzige Dienst, den ein Deutscher wie ich euch heute erweisen kann."

    Andere Mitarbeiter passen ihre vorhandenen Talente den neuen Aufgaben an. Der Literat Bruno Adler trifft in seinen Hörfolgen für die BBC nicht nur den frechen Ton der Berliner Kleinbürgerin Frau Wernicke, sondern ebenso gekonnt auch die Sprache von Kurt und Willi:
    "
    Willi: "Weißte Kürtchen, im Grunde deines Herzens bist du doch ein unverbesserlicher Spießbürger!"

    Kurt: "Spießbürger! Ja, damit tut ihr alles ab, was bei uns Deutschen noch übrig ist an Familiengefühl, Menschlichkeit und..."

    Willi: "...und trautes Heim und Glück im Winkel..."

    Kurt: "Ja allerdings! Auch Weihnachten ist für euch bloß noch eine Spießerangelegenheit, weil es ein Fest der Familie ist und der Menschenliebe. Na jetzt sind wir ja glücklich so weit, dass es so was nicht mehr gibt: Die Kinder stecken weiß Gott wo in der Fremde und die Frauen müssen sich in den Fabriken halb tot schuften.

    Willi: "Hah, reg dich mal bloß nicht auf Kurtchen....""

    Die Diskurse von Kurt und Willi sind mehr nach dem Geschmack anspruchsvoller Hörer, wie Hugh Carleton Greene zu berichten weiß:

    "Adenauer hat mir im Jahre 59 gesagt, das war während des Krieges seine Lieblingssendung, es war ein Gespräch zwischen einem Nazi-Propagandabeamten, Willi, und einem alten Schullehrer Kurt, anständig aber bisschen dumm, der während des Krieges viel gelernt hat."

    Wie bedeutend die Mitarbeit beim Deutschen Dienst der BBC auch in England eingeschätzt wird, zeigt sich an einigen Nachkriegskarrieren. Im Kabinett Wilson finden sich gleich zwei der Hörfunkkommentatoren als Minister wieder. Hugh Carleton Greene selbst baut ab 1945 den deutschen Rundfunk wieder auf. Nach dem Vorbild der BBC gründet er den Nordwestdeutschen Rundfunk mit Sitz in Hamburg. Drei Jahre später übergibt er die Leitung an den früheren preußischen Kultusminister Adolf Grimme. Greene kehrt nach England zurück und wird 1960 Generaldirektor der BBC.
    Nach Kriegsende wird der Deutsche Dienst der BBC zu einer Art Rundfunkschule für eine Gruppe junger Deutscher, die zur journalistischen Ausbildung nach London kommen. Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch des Kommunismus haben nach Ansicht der BBC viele der fremdsprachigen Dienste ihr Ziel erreicht: Nämlich der Demokratie zum Sieg zu verhelfen. Sie werden in den neunziger Jahren eingestellt - als letzter 1999 der Deutsche Dienst:

    "Das ist der Deutschen deutscheste Erfindung, der Völker blutigste Verbindung...verbunden durch den Stacheldraht türmt sich der Nazi-Leichenstaat."