Freitag, 02. Dezember 2022

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Vor 75 Jahren starb Clara Arnheim
Die Frau am Meer

Trotz aller Widerstände im reaktionären Kaiserreich wurde die 1865 geborene Clara Arnheim erfolgreiche Malerin. Mit anderen Frauen gründete sie eine Künstlerinnenvereinigung, die 1933 von den Nazis verboten wurden. Clara Arnheim erhielt wie viele andere jüdische Kollegen ein Arbeitsverbot. 1942 wurde sie im KZ Theresienstadt ermordet.

Von Anette Schneider | 28.08.2017

    Leuchtturm von Hiddensee
    Der Leuchtturm von Hiddensee - ein Motiv der impressionistischen Malerin Clara Arnheim (1865-1942) (picture alliance / dpa / Foto: Jens Büttner)
    Vor einer weißgekalkten Mauer hockt ein Fischer im Gras und flickt ein Netz. Im Hintergrund sieht man das leuchtend blaue Meer und weitere Männer bei der mühsamen Arbeit des Netzeflickens.
    Knapp ein Meter hoch und 64 Zentimeter breit ist das Ölbild der Landschaftsmalerin Clara Arnheim, die 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde und danach völlig in Vergessenheit geriet. Das Bild gehört zu etwa 120 Arbeiten, die in den letzten Jahren wieder entdeckt wurden und entstand vermutlich 1905 auf Hiddensee, wo die Malerin regelmäßig die Sommermonate verbrachte:
    "Ihr Herz ist an der Seeküste, beim Fischvolk. Sie weiß Bewegungen und Stimmungen zu spiegeln, huldigt wie Gerhard Hauptmann einem Naturalismus, der sich auch mit der Romantik verschwistern kann", schrieb die Zeitschrift "Moderne Kunst" 1912 über Clara Arnheim, über deren Leben heute kaum noch etwas bekannt ist.

    Geboren wurde die Tochter des jüdischen Arztes Adolf Arnheim und seiner Frau Friederike 1865 in Berlin. Mit drei Geschwistern wuchs sie in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Früh entwickelte sie eine Leidenschaft für das Zeichnen und Malen und wusste: Sie wollte nicht heiraten, sie wollte Künstlerin werden! Im reaktionären Kaiserreich war das ein Affront, denn Frauen war das Studium verboten, so die Kunsthistorikerin Friederike Weimar.
    Als Malweib diffamiert
    "Es gibt noch bis in die späten 20er Jahre ... pseudo-wissenschaftliche Texte, ... die sagen: Frauen ... können nur nachahmen, können aber selbst gar nicht kreativ sein." Gegen den Willen von Familie und Gesellschaft nahm Clara Arnheim in Berlin Privatunterricht und zog danach - wie Käthe Kollwitz, Paula Modersohn-Becker und viele andere - nach Paris. Dort entdeckte sie die Vielfalt des Impressionismus. Mit einer lichten, hellen Farbpalette kehrte sie zurück nach Berlin, richtete sich ein Atelier ein und - wurde als "Malweib" diffamiert.
    So trat sie um 1904 mehreren Künstlerinnen-Vereinigungen bei, für die sie auch Ausstellungen organisierte. Und jeden Sommer verbrachte sie mehrere Monate auf der Ostseeinsel Hiddensee, wo der Großteil ihres Werks entstand. Vor allem aber traf sie dort auf Gleichgesinnte aus dem ganzen Land, und, so Friederike Weimar: "Bürgerstöchter leben in einer permanenten Überwachung in der Zeit, weil immer über ihre Sittlichkeit, über ihren Ruf gewacht werden muss. Für viele Frauen bedeutete das einfach eine riesige Freiheit woanders hinzugehen."

    Mit Staffelei und Malutensilien unter dem Arm zogen die Frauen in die Natur: Clara Arnheim fing in Aquarellen die helle, flirrende Hitze des Sommers ein. In anderen zerlegte sie Küste, Meer und Himmel in abstrakte Farbflächen. Und in ihren Ölbildern zeigte sie immer wieder die schwere Arbeit der Fischer.
    1920 gründete sie mit ihrer Berliner Kollegin Henni Lehmann den "Hiddensoer Künstlerinnenbund" - den einzigen Zusammenschluss von Malerinnen außerhalb von Großstädten.
    Ein ergiebiges Frauennetzwerk
    In einer alten Scheune, die bis heute als kultureller Treffpunkt existiert, trafen sich die etwa 20 Mitglieder und organisierten Ausstellungen. Dazu Friederike Weimar: "Das macht einfach Mut und stärkt ... Man sieht, man ist nicht vollkommen verrückt in seiner eigenen Idee, Künstlerin werden zu wollen. ... So ein Frauennetzwerk dann zu haben, wo eine der anderen einen Tipp gibt, das ist ja Gold wert in der Zeit!"

    1933 war es damit vorbei. Die Nationalsozialisten lösten den Verein auf. Clara Arnheim erhielt mit anderen jüdischen Kolleginnen Reise-, Arbeits- und Ausstellungsverbot. Sie musste ihr Atelier auflösen, lebte in einer Dachkammer ihres einstigen Elternhauses und tauschte vermutlich heimlich ihre Bilder gegen Nahrungsmittel.

    In ihrem Buch "Künstlerinnen in Theresienstadt" schreibt Ilka Wonschik: "Die Rassegesetze und die Arisierung machten es für sie ... fast unmöglich, wirtschaftlich zu überleben. Ihres Vermögens beraubt, war sie nicht selten auf die Hilfe anderer angewiesen, wie zum Beispiel von Frau Schwartz, ihrer Vermieterin auf Hiddensee."
    "Berlin, 28.6.42
    Liebe Frau Schwartz!
    Sie wundern sich gewiss, dass ich erst heute für das Päckchen danke.
    Man will jetzt die Alten von hier entfernen. In diesem Falle war es ein Glück, dass ich
    krank war. So konnte mein Doktor mir nach bestem Gewissen ein Attest ausstellen,
    dass ich nicht transportfähig bin, und ein Transport ging ohne mich ab."
    Elf Tage später wurde Clara Arnheim nach Theresienstadt deportiert. Am 28. August 1942 wurde sie dort ermordet. Danach wurde sie vergessen.