Montag, 22. April 2024

Archiv

Vor 75 Jahren Uraufführung von "Arsen und Spitzenhäubchen"
Feuerwerk des schwarzen Humors

Zwei alte, reizende Damen entpuppen sich in dem Theaterstück "Arsen und Spitzenhäubchen" als zwei Serienmörderinnen und schocken damit ihren nichts ahnenden Neffen. Die Komödie von Joseph Kesselring mit schwarzem Humor, unterhaltsamen Gruselfaktor und einer Prise Wahnsinn wurde vor 75 Jahren erstmals am Broadway in New York uraufgeführt. Der Erfolg war so groß, dass die Filmfassung einige Jahre warten musste.

Von Cornelie Ueding | 10.01.2016
    Szene aus dem Theaterstück "Arsen und Spitzenhäubchen" aus einer Aufführung der Münchner Kammerspiele 1969
    Welterfolg: "Arsen und Spitzenhäubchen", Aufführung der Münchner Kammerspiele 1969 (dpa / picture-alliance)
    Zwei etwas tüdelige, ganz reizende alte Damen als wohlmeinende Serienmörderinnen, der charmant entgeisterte Gary Grant schockstarr auf der Truhe mit der nächsten Leiche sitzend, und der völlig durchgeknallte Teddy, der im Harry Roosevelt-Outfit die Treppe heraufstürzt, zur Attacke bläst und die Liegeplätze für die sprichwörtlichen‚ "Leichen im Keller" gräbt – wer kennt nicht den Film "Arsen und Spitzenhäubchen" oder hat das Theaterstück gesehen mit seinen anheimelnd morbiden Dialogen.
    Die Kritiker trauten ihren Augen nicht, als am 10. Januar 1941 am Broadway das Stück "Arsenic and Old Lace" uraufgeführt wurde - ein Feuerwerk des schwarzen Humors, unterhaltsamer Gruselfaktor und hauseigener Wahnsinn inklusive.
    Geplant als Drama
    An den bisherigen Theaterstücken des deutschstämmigen Musikers, Schauspielers und Autors Joseph Kesselring - und es ist zu ergänzen: auch an allen, die folgen sollten – hatte die Kritik kein gutes Haar gelassen. Doch diesmal hatte Kesselring sein in der ersten Fassung von 1939 offenbar schwerblütiges Drama "Bodies in Our Cellar" an das seit ein paar Jahren sehr erfolgreiche und wenig später mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Drehbuch-Autoren- und Producer-Duo Howard Lindsay und Russel Crouse geschickt. Die erkannten das komische Potenzial in dem Plot, schlossen einen Vertrag mit ihm – und schrieben das Opus beherzt um. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit erschien unverändert unter dem Namen Kesselring und wurde ein Sensationserfolg. Die Kritik war perplex:
    "Nichts von Mr. Kesselrings bisherigen Arbeiten hat uns auf diese furiose Mischung Biskuit backender niedlicher alter Jungfern und mörderischer Maniacs vorbereitet. Das Premierenpublikum heulte vor Lachen."
    Und beileibe nicht nur das Premierenpublikum: 1444-mal lief "Arsen und Spitzenhäubchen" in restlos ausverkauften Broadway-Vorstellungen. Und selbst Frank Capras Low Budget-Verfilmung, gleichzeitig und zum Teil mit denselben Darstellern wie auf der Bühne gedreht, musste für drei Jahre, bis 1944, im Depot verschwinden - bis die Broadway-Produktion abgespielt war.
    Schwarzer Humor in Kriegszeiten
    Während sich in dieser grotesk gespenstischen Familiengeschichte die Banalität des häuslichen Bösen materialisiert und das traute Heim von Arsen und Spitzenhäubchen Stück für Stück zerbricht, steht die Welt in Flammen: Pearl Harbour, Stalingrad, Kriegseintritt der USA, Invasion.
    Es ist, als ob das Massenmorden auf dem Kontinent und die Serienmorde auf dem Theater in irgendeiner gespenstischen Korrespondenz zueinander stünden. Abwehr? Makabre Parallele? Zufall? Oder Warnung?
    Der gestaffelte Vormarsch des Schreckens in Kesselrings Stück ist bedrohlich: Erst sind es nur die beklagenswerten Opfer der Tanten, doch dann stehen urplötzlich Schwerstkriminelle aus der eigenen Verwandtschaft in der Stube und die bisherigen versponnenen Bewohner hilflos mit dem Rücken zur Wand.
    Kesselring selbst war offenbar ein höchst ambivalenter Zeitbeobachter. Und wer seine Gedichte liest, erfährt auch etwas über das Vorbild für seine abgründigen Frauenfiguren: seine mehr als hintergründige Großmutter.