Donnerstag, 12.12.2019
 
Seit 22:05 Uhr Historische Aufnahmen
StartseiteCorsoWie sich die Popszene positioniert29.08.2019

Vor der Wahl in ÖsterreichWie sich die Popszene positioniert

In einem Monat wählt Österreich einen neuen Nationalrat. Bis vor Kurzem war die rechtspopulistische FPÖ an der Regierung beteiligt. In der österreichischen Popszene formiert sich schon seit längerer Zeit Unwillen gegenüber der Politik im Land - und bringt ganz unterschiedliche Stimmen hervor.

Von Paul Lohbeger

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eine Demonstration am Samstag, 18. Mai 2019, nach dem Veröffentlichen des "Ibiza - Videos" in der Causa Strache am Ballhausplatz vor dem Bundeskanzleramt in Wien.  (dpa / APA/ Roland Schlager)
Einen Auftritt bei den Donnerstagsdemos gegen die rechtspopulistische Regierung nutzten viele Popkünstler und –künstlerinnen in Wien, um ein Statement zu setzen (dpa / APA/ Roland Schlager)
Mehr zum Thema

Duo Esrap Wiener Rap mit Arabeske

„Omas gegen Rechts“ aus Wien Rebellische Rentnerinnen

Künstlerprotest in Wien Spaßguerilla gegen Kurz

Debutalbum von EsRAP "Tschuschistan" "Mischen ist immer gut"

Roomanautor Kurt Palm über Österreichisch "Das ganze Land ist ranzig"

In der weichen Mundart der Oberösterreicher rekapituliert die Raptruppe Da Staummtisch die Tagespolitik der letzten Zeit - Themen wie die neu eingeführte berittene Polizei, die das beschauliche Wien noch sicherer machen soll.   

Song "Danke für nix" von Da Staummtisch: "Seit die Kiwara durch d´Gossen galoppieren / ist da Proter wieda sicher / da kann I nur gratulieren."

Roland Glockner: "Die ganzen Themen, die in letzter Zeit in Österreich aufgekommen sind, wie Zwölf -Stunden-Tag, Tempo 140 auf der Autobahn, die haben wir versucht, in ein Lied zu verpacken, um sarkastisch bei der Regierung, die es Gott sei Dank nicht mehr gibt, danke zu sagen."

Das Anheben des Tempolimits von 130 auf 140 war die zentrale Errungenschaft des FPÖ-Verkehrsministers. Mehr reale Wirkung dürfte aber die Aufweichung der täglichen Arbeitszeitbegrenzung entwickeln.

Song "Danke für nix" von Da Staummtisch: "12 Stund hackeln ist a anziger Witz / warum glaubst ziagn die Wiener so a grantiges Gsicht / des konns doch net sein, und da damma net mit / song ma lieber Danke. Danke für nix!"

Widerständige Szene

Zum fetten Groove von DJ Sepalot rappen Roland Glockner und seine Kollegen von Da Staummtisch. Diese Hiphop-Formation kommt aus der bekannt widerständigen Szene der Stahlstadt Linz an der Donau. Lässiges Abhängen zählt hier mehr als Gangster-Posen, die meist nur für Geld und Macht stehen.

Die Rapper vom Staummtisch setzen sich dagegen auf einem Schrottplatz in Szene. Mit Klappstühlen, Bademänteln, aber auch mit Sektflasche adressieren sie eine Politik, die mit oberflächlichen Inszenierungen Leistung, Ordnung und Sicherheit vermitteln will. Der junge strahlende Kanzler serviert Plattitüden. Der Innenminister lässt die Polizei für einen fiktiven Flüchtlingsansturm auf die Grenze üben.

Nachrichten zum Kopfschütteln

Roland Glockner: "Es ist schwer, weil es eigentlich täglich oder wöchentlich Themen oder Nachrichten gibt, wo man nur den Kopf schütteln kann. Und wie wir den Text geschrieben haben zu der Nummer "Danke für Nix", war eigentlich eine Fülle an Material da, das wir verwenden hätten können. Und wir haben versucht, prägnante Themen und Sätze zu verwenden, die man eben verpacken kann."

Seit 2016 herrscht Wahlkampfstimmung in Österreich. Zuerst wurde die Bundespräsidentenwahl wiederholt. Dann übernahm Sebastian Kurz die konservative ÖVP. So wurde er mithilfe der FPÖ Kanzler, begleitet von permanenter Selbstbeweihräucherung in den eigenen Social-Media-Kanälen. Zwar war viel von Leistung die Rede, aber auch davon, Leistungen zu kürzen. In diesem Klima könnte man ständig kritische Popsongs machen. Yasmo & die Klangkantine bringen das Problem auf den Punkt in dem Lied "Popsong":

"Wie soll ich einen Popsong schreiben? / Ich kann mir das doch mit 150 Euro im Monat niemals leisten / Man wird jo grod noch sog’n dürf’n / Ja das darf ma eh / Aber ich sage, das Ganze kann so einfach nicht weitergehen."

Donnerstagsdemos als Bühne

Wie engagiert man sich als Pop-Act? Einen Auftritt bei den Donnerstagsdemos gegen die rechtspopulistische Regierung nutzten viele Popkünstler und –künstlerinnen in Wien, um ein Statement zu setzen. Besonders gut passten hier das austrotürkische Duo EsRap und der Rapper Kid Pex. Der unterhält eine musikalische Fehde mit dem selbsternannten Volksrocker Andreas Gabalier, und Kid Pex widmete einen Song dem folgenschweren Ibiza-Video: Dort wollte FPÖ-Chef Strache ja mit einer vermeintlichen Oligarchennichte ins Geschäft kommen und versprach ihr Einfluss in Österreich für Unterstützung.

Song "Wir fliegen nach Ibiza" von Kid Pex: "In der Oligarchinvilla fließt der Vodka wie die Wolga / BIch verkauf mein Land bumzu, vergess den Stress mit Phillipa / Ich erklär Olga Österreich, du musst nur drehen wie am Flipper."

Nicht immer explizite Texte

Nicht überall sind explizite Lyrics das Mittel der Wahl. Mit Schmieds Puls und 5K HD liefert Sängerin Mira Lu Kovacs Pop vom Feinsten - progressiv, aber nicht unbedingt politisch. Bei der Eröffnung der Wiener Festwochen 2018 sang sie jedoch auch "Die Arbeiter von Wien", einen Klassiker des antifaschistischen Repertoires. Um dem Titel gerecht zu werden, holte sie EsRap zu sich auf die Bühne, die sich als Arbeiterkinder sehen.

Mira Lu Kovacs: "Ich hab' immer emotionalen Zugang, und für mich liegt das wahnsinnig nahe zur Politik, denn mich regt halt auf, was momentan und in den letzten Jahren und immer wieder passiert. Und ich glaub', so kann man auch einen Zugang fürs Publikum schaffen."

Die Entwicklungen in aller Welt und die digitalen Möglichkeiten der Kommunikation lassen die Leute aufwachen.

Mira Lu Kovacs: "Das Individuum fühlt sich gestärkt, um zu kämpfen. Natürlich hat das auch negative Auswirkungen, wie das ganze Hassposten und das ganze 'Ich-hab'-eine-Meinung, Ich-hab'-eine-Meinung, Ich-hab'-eine-Meinung', aber das Positive ist vielleicht, dass die Leute aufwachen und sich engagieren."

Wenn im Netz alle ihre Meinung kundtun, ist es gut, wenn Pop-Acts umso stärker Stellung beziehen. In der österreichischen Popszene ist das geschehen. Aus einer diffusen Gegenkultur formten sich viele mutige Positionen. Das verdient Anerkennung, zudem gewinnen die Acts an Profil.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk