Dienstag, 31. Januar 2023

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Vor zehn Jahren in Indien
Terroristen versetzen Mumbai in Angst und Schrecken

Sie schossen wild um sich und töteten in einem Luxushotel und weiteren Orten wahllos Menschen. Stundenlang hielten Terroristen am 26. November 2008 die 20-Millionen-Metropole Mumbai in Angst und Schrecken. Es war einer der schwersten Terroranschläge weltweit und ein Schock für ganz Indien.

Von Silke Diettrich | 28.11.2018

    Sicherheitskräfte haben Taj Mahal-Hotel nach der Anschlagsserie in Bombay wieder unter Kontrolle gebracht.
    Drei Tage Terror in Mumbai: Gewütet haben die zehn Angreifer nicht nur im Hotel Taj Palace (picture-alliance/ dpa)
    November 2008 kurz vor Mitternacht:
    Hintermann in Karachi: "Habt Ihr Feuer gelegt?"
    Terrorist im Taj Hotel: "Nein, noch nicht."
    Hintermann in Karachi: "Ihr müsst es jetzt legen. Wenn die Leute die Flammen sehen, werden sie Angst bekommen. Und schmeiß ein paar Granaten, Bruder! Da ist doch nichts bei?"
    Vier Terroristen dringen über die Hintertür in das Hotel Taj Palace ein. Mit Handgranaten, Gewehren, Pistolen. Sie schießen auf alles, was sich bewegt. Die indische Polizei kann diese Dokumente des Grauens aufzeichnen. Der Hintermann ruft aus einer geheimen Wohnung aus Pakistan an:
    Hintermann in Karachi: "Sie sagen, es müssen um die 50 Angreifer sein und dass die ganze Stadt unter Beschuss steht! Überall brennt es. Überall sterben Menschen. Mit Gottes Segen – Ihr habt perfekte Arbeit geleistet!"
    Dabei waren es nur zehn Angreifer, die drei Tage lang die 20-Millionen-Stadt in Schach hielten. Von Pakistan über das Meer waren sie aufgebrochen, hatten einen Fischkutter gekapert und die Besatzung getötet. Gewütet haben sie nicht nur im Hotel Taj Palace, die Angreifer haben Bomben an Taxis geheftet, am Bahnhof wild um sich geschossen, ein jüdisches Gemeindehaus gestürmt, ein Café belagert.
    Terrorist: "Ich bin getroffen."
    Karachi: "Wo?"
    Terrorist: "Im Arm und im Bein."
    Karachi: "Gott ist mit Dir. Habt Ihr einen von denen erwischt?"
    Terrorist: "Ja einen."
    Karachi: "Dann sei Gott mit Dir."
    Die Polizei hat neun Terroristen getötet, Attentäter Nummer zehn wurde gefangen genommen, zum Tode verurteilt und vier Jahre später hingerichtet. Kein Einwohner von Mumbai, der die Attacken miterlebt hat, hat sie je vergessen.
    Fast alle Muslime in der Stadt standen unter Generalverdacht
    Gerade einmal zwei Kilometer vom Taj Hotel entfernt, liegt das Stadtviertel Bhendi Bazaar. Am Straßenrand fläzt sich Shahid Nai auf einer Liege, in Shorts und Muskel-Shirt. Seine Erinnerungen an den 26. November vor zehn Jahren sind aber noch ganz wach:
    "Ich war draußen unterwegs, zum nächsten Kunden, da hat mich mein Vater angerufen, ich solle sofort nach Hause kommen. Ganz Mumbai stand unter Schock."
    Sein Vater war völlig aufgelöst. Die Muslime in der Stadt hatten aber vor allem davor Angst, was nach den Angriffen passieren würde, vor allem die Älteren, wie Nais Vater. Denn erst 15 Jahre zuvor, im Jahr 1992, hatte es blutige Ausschreitungen gegeben zwischen Muslimen und Hindus. Etwa 700 Menschen sind dabei in Mumbai ums Leben gekommen. Auslöser war eine Moschee, 1.500 Kilometer entfernt, im Norden von Indien. Sie war abgerissen worden, mit der Idee, an gleicher Stelle einen Hindu-Tempel zu errichten. Und in Mumbai sind die Gläubigen dann aufeinander los gegangen. Danach standen fast alle Muslime in der Stadt unter Generalverdacht. Wurden aus ihren Häusern gezerrt, verhört, geschlagen. Monatelang. Das sollte sich 2008 auf keinen Fall wiederholen, sagt Imtiyaz Ahmed. Der Zeitungsverleger ist ein angesehener Aktivist, der schon damals darum bemüht war, die Probleme zwischen Hindus und Muslimen aus zu balancieren:
    "Fast direkt nach den Attacken haben wir Muslime in Mumbai uns zusammen getan. Journalisten, Leute von sozialen Organisationen, wichtige Gemeindeleute. Wir haben besprochen, wie die muslimische Gemeinde mit den Angriffen umgehen kann und überlegt, wie wir der Regierung helfen können, mit der Situation um zu gehen."
    Yakub Memon wurde als Mittäter der Anschläge von Mumbai im Jahr 1993 hingerichtet.
    Yakub Memon wurde als Mittäter der Anschläge von Mumbai im Jahr 1993 hingerichtet. (MONEY SHARMA / AFP)
    Und das habe tatsächlich funktioniert, sagt Ajai Sahni. Er leitet ein Institut für Konflikt-Management. Nur weil die Muslime damals geschlossen auf die Regierung zugegangen seien und die Angriffe öffentlich verurteilt hätten, sei verhindert worden, dass es noch zu Ausschreitungen nach den Attacken gekommen sei:
    "Muslime haben sich viel mehr distanziert von terroristischen Taten. Die Mehrheit hat keine Sympathie für diese Gewalt. Die hatten sie weder vor den Attacken am 26. November, noch danach. Aber sie sagen das nun auch laut und immer öfter, dass sie mit den Terroristen nichts gemein haben."
    Religionsgruppen leben lieber getrennt voneinander
    Heute allerdings, sagt der Aktivist und Zeitungsverleger Imtiaz Ahmed, seien es die Muslime, die ihrerseits Solidarität benötigten, und sein Engagement für die muslimische Minderheit in Indien sei stärker gefragt denn je:
    "Die Muslime in Indien fühlen sich unter Druck, weil sie fast täglich ins Visier genommen werden. Schauen Sie, derzeit werden Städte mit muslimischen Namen umbenannt und bekommen einen hinduistischen Namen, Muslime können fast nirgendwo mehr Rindfleisch kaufen (?) essen (?), die indische Politik hat es auf die Muslime abgesehen."
    Seit vier Jahren ist in Indien die Hindu-Nationalistische Partei BJP an der Macht. Nur 22 der 543 Abgeordneten im Unterhaus sind Muslime – so wenig wie noch nie. Das entspricht einer Quote von etwa vier Prozent, obwohl etwa 15 Prozent der Bevölkerung muslimisch sind. Der Ministerpräsident des größten Bundesstaates, ebenfalls ein Hindu-Nationalist, hat vor kurzem sogar vorgeschlagen, eines der sieben Weltwunder der Moderne, das Taj Mahal, umzubenennen. Es solle einen Hindu-Namen bekommen, seine Idee: Das Taj Mahal, der Liebes-Palast solle künftig Ram Mahal heißen.
    Shahid redet sich langsam in Rage und ist von seiner Liege aufgestanden. Seit zwei Monaten ist er arbeitslos, er suche in der ganzen Stadt nach einem neuen Job, aber für einen Muslim sei das nicht einfach, erzählt Shahid:
    "Sie sagen es einem manchmal sogar ganz dirket: Du bist Muslim, das ist schwierig für uns."
    Jeder fünfte Einwohner von Mumbai ist Muslim. So wie Shahid leben die meisten in muslimischen Vierteln. Woanders, sagt er, würde er in der Stadt auch keine Wohnung bekommen. Es gibt viele Vermieter, die es nicht erlauben, dass in der Wohnung Fleisch zubereitet wird. So leben in der Finanz-Metropole, wie auch sonst in Indien, die Religionsgruppen lieber getrennt voneinander.