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StartseiteKalenderblattVorbote des Bosnienkrieges09.01.2012

Vorbote des Bosnienkrieges

Vor 20 Jahren proklamierten die Serben in Bosnien-Herzegowina eine eigene Republik

Am 9. Januar 1992 gründeten die Serben in Bosnien-Herzegowina ihren eigenen Teilstaat. Die Welt nahm kaum Notiz davon. Doch es war der Auftakt eines blutigen Krieges, der dreieinhalb Jahre dauerte und dessen Folgen noch heute zu spüren sind.

Von Norbert Mappes-Niediek

Ein Graffiti in Belgrad zeigt den ehemaligen bosnischen Serbenführer Ratko Mladic. Er wurde erst 2011 verhaftet und vor Gericht gestellt. (AP)
Ein Graffiti in Belgrad zeigt den ehemaligen bosnischen Serbenführer Ratko Mladic. Er wurde erst 2011 verhaftet und vor Gericht gestellt. (AP)

"Ich glaube nicht, dass es etwas an den Beziehungen zwischen den Menschen ändern wird",

beruhigte Alija Izetbegovic, der Staatspräsident Bosnien-Herzegowinas, als dessen serbische Bürger sich am 9. Januar 1992 anschickten, ihren eigenen Staat zu gründen. Tatsächlich wurden keine Schlagbäume niedergerissen, keine Grenzposten angegriffen, nicht einmal flammende Aufrufe wurden verlesen. Bosnien, das Land im Herzen Jugoslawiens, schien einfach zu verdampfen.

Seit gerade einmal drei Tagen herrschte im umkämpften Kroatien endlich Waffenstillstand, als die Serben mit der Gründung einer "Serbischen Republik Bosnien-Herzegowina" den Zerfall des Landes einleiteten. Der Parlamentspräsident Bosniens, der Serbe Momcilo Krajisnik, verkündete den Schritt in dem ihm eigenen treuherzigen Tonfall, der im Rückblick schlecht zu dem blutigen Krieg passte, der bald folgen sollte:

"Die Schaffung einer serbischen Republik ist kein Hindernis für die Gründung einer kroatischen und muslimischen Republik. Jetzt gehören alle Gebiete, in denen die Serben in der Mehrheit leben und wo die Serben kompakte ethnische Siedlungsgebiete bilden, zur Serbischen Republik Bosnien-Herzegowina. Genauso sind muslimische und kroatische Republiken dort möglich, wo auf ähnliche Weise Kroaten und Muslime leben. Das eine widerspricht dem anderen nicht. Ja, wir wünschen uns sogar, dass auch ein muslimisches und kroatisches Parlament gegründet wird. Außerdem sollten wir einige gemeinsame Verwaltungsorgane haben, die die Interessen aller drei Volksgruppen vertreten würden. Nur dann kann man die Probleme in Bosnien-Herzegowina lösen."

Jedes der drei Völker, bosnische Muslime, Serben, Kroaten, sollte sich selbst regieren. Man musste das Land schon sehr genau kennen, um zu verstehen, dass sich in der scheinbar plausiblen Lösung für die Republik eine Drohung verbarg. Denn die kompakten Siedlungsgebiete, von denen Krajisnik sprach, gab es kaum, und wo doch, legte niemand fest, wo deren Grenzen lagen. So gut wie alle Städte, auch die kleinsten, waren durchmischt, und unter fünf, sechs rein serbischen Dörfern fand sich dann immer noch ein rein muslimisches.

In Bosnien hatte zu kommunistischer Zeit ein fein austariertes System ethnischer Quotierungen geherrscht. Jetzt, mit der Demokratie, galt auf einmal auf allen Ebenen das Mehrheitsprinzip. Und niemand mochte als Minderheit in einem Gebiet leben, wo die andere Volksgruppe die Mehrheit hatte. "Nismo manjina, dokazimo da nas ima", wurde der Slogan der Kroaten, die in Bosnien etwa 15 Prozent der Bevölkerung ausmachten: Wir sind keine Minderheit. Beweisen wir, dass es uns gibt! Wer Minderheit war, genoss in seiner Heimat kein Existenzrecht mehr.
So, wie die Muslime in serbischer Umgebung sich von den Worten des Serben Momcilo Krajisnik bedroht fühlen mussten, so erschraken allerdings auch die Serben über die Antwort des muslimischen Staatspräsidenten Alija Izetbegovic:

"Vor allem glaube ich, dass die Ausrufung einer eigenen serbischen Republik in Bosnien politisch unseriös ist. Das ist auf jeden Fall ein unverantwortlicher Schritt. Die zuständigen Organe in Bosnien-Herzegowina, das Parlament und die Regierung, stimmen darin überein, dass dieser Schritt illegal und verfassungswidrig ist."

Wobei ja überall in den zuständigen Organen, im Parlament und in der Regierung, die Serben, immerhin ein Drittel der Bevölkerung, als Minderheit von Muslimen und Kroaten überstimmt werden konnten. So geschah es denn auch: Sieben Wochen später votierten so gut wie alle Muslime und Kroaten für die Unabhängigkeit, so gut wie alle Serben dagegen. Die serbischen Abgeordneten zogen aus dem Parlament aus, und der Krieg begann.

Ein halbes Jahr später gründeten auch die Kroaten eine eigene Republik. Die Muslime kämpften erst um den Erhalt des Staates, dann, wie Serben und Kroaten schon von Anfang an, um die Grenzen ihrer Siedlungsgebiete. Da, wo die Serben in der Mehrheit waren, sorgten brutale Freischärlertruppen unter dem Schutz der jugoslawischen Armee für eine rigorose "ethnische Säuberung". Die Vision des Momcilo Krajisnik von der Aufteilung des Staates in die Mehrheitsgebiete seiner Volksgruppen war eingetreten - als Krieg.

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