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Vyshyvanka-Boom in der Ukraine
Patriotische Mode im Aufwind

Seit den Maidan-Protesten 2013 erleben nationale Symbole in Form von traditionellen Stickmustern auf Kleidern und Hemden eine Renaissance in der Ukraine. Eine Entwicklung, die sich durch den Krieg im Osten des Landes noch verstärkt.

Von Holger Lühmann | 03.11.2016

Eine Verkäuferin schaut sich Vyshyvanka Blusen mit traditionell ukrainischen Stickereien an.
Eine Verkäuferin schaut sich Vyshyvanka Blusen mit traditionell ukrainischen Stickereien an. (picture alliance / dpa / Roman Pilipey)
Leinenhemden, Filzpantoffeln und traditionelle Stickmuster. Wäre nicht Dance Musik zu hören, könnte man denken, man sei in einem Museum für bäuerliche Gebrauchskunst aus dem 19. Jahrhundert.
Vsi Svoi, etwa "Wir Freunde", so heißt das Geschäft in Kiew. Mode, Lifestyle und Accessoires – ausschließlich 'Made in Ukraine'. Das ist hier Voraussetzung, sagt Managerin Tanya Fishchuk.
"Wir haben unseren Laden im September eröffnet, also vor fünf Wochen. Nun testen wir, wie er ankommt. Bis jetzt scheint es zu funktionieren; das ist toll für unsere 100 Designer."
Das Kaufhaus präsentiert sich auf drei Etagen mit Mode für Sie und Ihn. Für Damen gibt es zum Beispiel Mäntel, aufwendig bestickte Handtaschen und Filzhüte. In der Herrenabteilung fallen beschlagenes Schuhwerk und traditionelle Hosen auf. Klassische Hemden tragen stets ein markantes Stickmuster senkrecht auf der Brust. Diese Trachten heißen Vyshyvanka. Eine Kundin sagt:
"Mein Sohn hat demnächst Geburtstag und ich will ihm eine ukrainische Herrenbluse schenken. Er ist ein Patriot und Vyshyvanka sind eben ein Symbol von Patriotismus. Auch ich habe sie im Schrank hängen. Es ist eben alles aus Naturfaser, ganz ohne Synthetik."
Mit Patriotismus gegen Platzhirsche
Mit Folk-Fashion will sich Vsi Svoi im Zentrum Kiews gegen die Konkurrenz behaupten. In der Nachbarschaft – die üblichen Verdächtigen, internationale Platzhirsche wie Zara oder Benneton, Mango oder Nike. Der Maidan - nur 150 Meter entfernt. Die Wahl auf diesen Ort fiel nicht ohne Grund. Noch einmal Tanya Fishchuk.
"Folk-Fashion erlebt seit drei, vier Jahren einen richtigen Boom. Die Anfänge hängen mit der Revolution auf dem Maidan Ende 2013, Anfang 2014 zusammen. Schlagartig gab es ein Interesse an heimischer Mode und besonders an Vyshyvanka."
Das beobachtet auch Johann Zajaczkowski. Der Politologe aus Trier untersucht für seine Doktorarbeit den Einfluss des Krieges auf die noch relativ junge ukrainische Gesellschaft.
"Die Sache ist die, dass die Ukraine, dadurch dass sie erst seit kurzem ihre eigene Staatlichkeit hat, eben seit 1991, dass da eben der Bedarf an Symbolik stark wächst. Die Vyshyvanka ist ein Symbol des Bauerntums und der Nähkunst. Und in diesem Sinn würde ich sagen, ist das ein Symbolhalter für die Loyalität zum ukrainischen Staat."
Handgemachte Kleidung ist teuer. Die ukrainische Landbevölkerung hat sie früher mühsam in den Wintermonaten genäht, geklöppelt und gestickt. Heute gibt es Maschinenware. Aber: Mit Qualität, verspricht Andriy Cherukha vom Modelabel Etnodim.
"Viele unserer Style-Ideen stammen aus alten Büchern wie diesem. Hier finden wir die typischen Muster, die wir natürlich etwas moderner interpretieren. Unsere Kleidung soll Gebrauchswert haben und nicht nur älteres Publikum ansprechen."
Patriotische Mode in Zeiten der Krise
Der 26-jährige Kulturanthropologe hat Etnodim 2008 gegründet. Fünf Jahre später, nach den Maidan-Protesten, hat sich sein Geschäftsumsatz plötzlich vervierfacht. Regelmäßig besucht er seine Schneiderei in einer alten Industriehalle in Kiew. Hier lässt er Blusen, Hemden und Hosen nähen. Von mittlerweile fast 20 Mitarbeiterinnen.
Eine Mitarbeiterin sagt: "Ukrainische Mode liegt im Trend, und es macht auch vor anderen Bereichen nicht Halt. Die Menschen sprechen immer häufiger Ukrainisch statt Russisch, was hier lange Zeit dominiert hat. Auch die Musikszene: Viele Bands singen ihre Lieder bewusst auf Ukrainisch. Das Thema Mode ist eine Facette in einer Gesamtentwicklung."
Sprache und Kultur - eine Frage der Identität, in diesem Fall, der ukrainischen oder der russischen. Aufgrund der gemeinsamen sowjetischen Vergangenheit leben noch immer Hunderttausende Russen im Land. Dass die Abgrenzung dabei aber zu Ausgrenzung führen könnte, das glaubt Etnodim-Geschäftsführer Andryj Cherukha nicht.
"Natürlich tragen einige Leute, vor allem Politiker, die Vyshyvanka aus rein patriotischen Gründen, um zu sagen: 'Ich bin stolzer Ukrainer'. Aber zu Hass führt das nicht. Die Durchschnittskunden tragen diese Art von Kleidung meiner Ansicht nach vor allem aus modischen Gründen."
Dennoch, der Trend hat sich durch den Konflikt mit Russland verstärkt. Patriotische Mode ist gefragt. Und solange sich der Krieg fortsetzt, haben Vyshyvanka wohl weiterhin Konjunktur.