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Wälder und Felder

Bekannt wurde die New Yorkerin Collier Schorr mit einem Foto-Zyklus namens "Neue Soldaten" - realistische Darstellungen, versetzt mit fiktionalen Bildern: Echte schwedische Soldaten, unterlaufen von deutschen Teenagern, die schwedische Uniformen tragen. Ähnlich verwirrende Kombinationen zeigt Collier Schorr in ihrem Projekt "Forests and Fields" im Badischen Kinstverein.

Von Carmela Thiele | 27.01.2007

Die deutsche Geschichte lässt sich nicht begraben unter meterdicker Fachliteratur. Das zeigen die Abscheu wie Faszination auslösenden Fotografien der New Yorker Künstlerin Collier Schorr. Wer die ersten zwei Räume im Badischen Kunstverein abschreitet, wird konfrontiert mit inszenierten Porträts von Jugendlichen und von Kindern, die erst auf zweiten Blick Anlass zu Spekulation geben. Deutlicher wird dagegen das Bild des Halbwüchsigen, der eine Boa um den nackten Hals trägt, eine Uniform-Kappe tief über die Augen gezogen. Der Reichsadler auf der Schnalle spielt auf die NS-Zeit an, doch lässt sich die Schönheit des in schwarz-weiß aufgenommenen Halbaktes kaum mit dem brutalen Regime in Verbindung bringen. Die Travestie wirft ein bizarres Licht auf den Wahnsinn des Dritten Reichs, aber dürfen Künstler junge Menschen zu solch tabuisierten Rollenspielen verführen? Die Kuratorin Angelika Stepken über die Hintergründe:

"Also, wenn es nur so wäre, wie gerade gesagt, könnte man das als eine sehr vordergründige und im Grunde auch missbräuchliche Art von historischen Tabus und jugendlichen Darstellern verstehen. Aber das alles ist ja ein Prozess, den sie seit 1995, seit etwa zwölf Jahren mit immer demselben, ich sag jetzt mal Personal, und das ist ein sehr persönliches Personal, Nachbarn, Jugendliche, Verwandtschaft usw. durchpraktiziert."

Jeden Sommer verbringt die Künstlerin in Schwäbisch-Gmünd auf dem Land östlich von Stuttgart. Das war keine konzeptionelle Entscheidung, sondern ergab sich privat. Beim ersten Besuch spürte sie ihre Identität als Jüdin deutlicher als in New York, was sie zu ihrem gewagten Deutschland-Zyklus inspirierte. Parallel setzte sich Collier Schorr mit der künstlerischen Fotografie Deutschlands auseinander, von August Sander über die Becher-Schule zu Thomas Ruff und Andreas Gursky. Angelika Stepken über ihre Entscheidung, Collier Schorr eine erste Einzelausstellung in Deutschland zu ermöglichen:

"Ich glaube, weil ich ihre Fotografien aus diesem Deutschland-Zyklus hinreißend schön finde, aber diese Schönheit auch eine große Ambivalenz beinhaltet, weil sie in diesen Aufnahmen, die natürlich auch mit dem Genre, Porträtfotografie, Landschaftsfotografie und so weiter, umgehen, eine Reflexion über Geschichte, eine Reflektion über Klischees von Geschichte, vom Umgang Jugendlicher heute mit deutscher Geschichte. Also ganz vieles davon steckt in den Aufnahmen, auch in der Art wie sie hintereinander wie eine Erzählung vor allem durch die beiden ersten Ausstellungsräume ziehen. "

Im Hauptsaal des Kunstvereins in Karlsruhe sind Vitrinen aufgebaut, in denen Bücher und Fotos zu sehen sind, die als Schlüssel zu den inszenierten Fotografien dienen sollen. Eines der wichtigsten Exponate ist das kleine Porträt des Vaters der Künstlerin als amerikanischer Soldat. Er hat sich für diese Aufnahme ein paar Orden geliehen und damit das Bild manipuliert. Ein Film zeigt die smarte Mimik eines US-Marines. Doch stellt sich heraus, dass es sich um eine junge Frau mit kurz geschorenem Haar handelt. Fotografie und Film werden als Inszenierung entlarvt, selbst wenn die Darsteller authentisch und ernst in die Kamera blicken. Angelika Stepken über die Mehrfachcodierung der Bilder von Collier Schorr:

"Also ich würde sagen, dass sie auf irgendeine Weise versucht mit Geschichte in Berührung zu kommen, und dass da auch dieses Körperliche der Jugendlichen, aber auch der Kinder und der alten Menschen eine große Rolle spielt. Sie selbst sagt ja auch einmal, als sie nach Schwäbisch-Gmünd zum ersten Mal kam, hatte sie das Gefühl, sie sei die einzige Jüdin da. Nicht die Erfahrung, das Wissen um den Holocaust. Und das ist ja auch schon eine Brechung in ihrer Generation, sie ist 1963 geboren. "

Die Reihung der Halbakte und Porträts wird unterbrochen von Landschaftsaufnahmen, die ihrerseits inszeniert sind. Eine orangefarbene Gartenblume hängt wie eine Schranke an dünnen Fäden vor dem Blick auf eine Niederung, im Vordergrund wächst eine gelbe Rose, die auf der Wiese fehl am Platze ist. Sind die Verfremdungen in Collier Schorrs Porträtfotografie nicht genauso zart inszeniert, wie jene, die sie in der Natur vornimmt? Die Künstlerin verzahnt Gestern und Heute, weckt Ressentiments und Ängste, kultiviert Blumen des Bösen, wo Unschuld vorherrscht. Allerdings ist diese subkutane Spurensuche teuer erkauft: Mit einem Tabubruch erster Güte, der nur zu ertragen ist, weil das Werk sich nicht in den Unbehagen auslösenden NS-Rollenspielen erschöpft.

Informationen:
Collier Schorr, Forrest & Fields" bis zum 18. März 2007,
Badischer Kunstverein in Karlsruhe
Im Steidl-Verlag ist ein Bildband zu Collier Schorrs Zyklus "Forrests & Fields" zum Preis von 38 Euro erschienen.