Recherche von BR und "Kontraste"
Wärter der JVA Augsburg-Gablingen sollen Gefangene systematisch misshandelt haben

Wärter der Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gablingen sollen Gefangene aus Spaß gedemütigt und misshandelt haben - systematisch und teils vorsätzlich. Das geht aus ARD-Recherchen hervor. Die frühere Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger spricht von "Abgründen".

    JVA Gablingen bei Augsburg
    Es gibt Foltervorwürfe der Gefangenen der JVA Gablingen bei Augsburg (IMAGO / Sven Simon / IMAGO / Frank Hoermann / SVEN SIMON)
    Nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks waren in Augsburg-Gablingen von den Misshandlungen auch kranke oder verletzte Gefangene betroffen. Dem BR und dem ARD-Politmagazin "Kontraste" vom rbb liegen entsprechende Chat-Protokolle vor. Laut den Ermittlungsbehörden sollen sie von Beamten der JVA Gablingen verfasst worden sein. "Besonders gesicherte Hafträume" - leere Betonräume mit einem Loch für die Notdurft - sollen in Gablingen zur Bestrafung und Schikane genutzt worden sein, um Häftlinge zu demütigen oder gefügig zu machen.
    Laut der Augsburger Staatsanwaltschaft wurden in 117 Fällen Gefangene dort rechtswidrig eingesperrt, meist nackt und ohne Decke und Matratze. Hinzu kommen Gewaltvorwürfe: Häftlinge sollen nach Erkenntnissen der Ermittler gewürgt, mit Faustschlägen ins Gesicht und Tritten in den Brustkorb traktiert worden sein, teils mit Schlagstock. Die Vizechefin der JVA soll bei den Übergriffen teils selbst anwesend gewesen sein.
    Junge Gefangene berichteten der ARD bereits vor Monaten, sie seien von Beamten gewürgt und mit Faustschlägen ins Gesicht verprügelt worden. Übereinstimmend schilderten Zeugen, dass sich die Beamten an solchen Übergriffen erfreut haben sollen. Die Chats bestätigten diesen Eindruck: Ein Beamter schrieb von einem "geilen Tag", an dem die Beamten "viel Spaß" gehabt hätten. Ein weiterer Wärter schrieb, in Gablingen einen Häftling "zerstört" zu haben.

    Leutheusser-Schnarrenberger: "Größter Skandal einer JVA"

    Die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger spricht von "Abgründen". Massivste Grundrechtsverletzungen stünden im Raum. "Das ist wirklich der größte Skandal in einer Justizvollzugsanstalt, seit wir die Bundesrepublik Deutschland haben." Bei den Misshandlungen sollen die Beamten darauf geachtet haben, dass keine Zeugen zugegen sind. Die stellvertretende JVA-Leiterin soll selbst keine Gefangenen körperlich attackiert haben. Trotzdem wird sie als Mittäterin beschuldigt, weil sie Beamte zu Übergriffen auf Gefangene ermutigt und dann gedeckt haben soll.
    Die Staatsanwaltschaft Augsburg hat inzwischen gegen 13 Bedienstete der JVA Gablingen Anklage erhoben, unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung im Amt. Die Anklage richtet sich auch gegen die frühere Leiterin der JVA Gablingen und ihre damalige Stellvertreterin. Deren Anwälte haben sich auf Anfrage nicht geäußert. In früheren Schreiben haben die Anwälte der damaligen Vizechefin aber betont, dass diese rechtmäßig gehandelt habe.

    Häftlinge in JVA Euskirchen gegen Zahlungen vor Kontrollen gewarnt

    Auch die Justizvollzugsanstalt Euskirchen bei Köln steht derzeit im Fokus - es geht um Bestechungsvorwürfe gegen Gefängnismitarbeiter. Vor drei Wochen waren durch Razzien Ermittlungen gegen Bedienstete der JVA Euskirchen bekanntgeworden. Sie sollen Inhaftierten gegen Geld Hafterleichterungen beschafft oder sie vor Kontrollen gewarnt haben. In dem Kontext war auch aufgefallen, dass an einem Teil der elektronischen Generalschlüssel der JVA das Innenleben entwendet worden war.
    In Nordrhein-Westfalen ist nun in einem weiteren Gefängnis ein Generalschlüssel verschwunden. Offenbar wurde er aber nicht gestohlen, sondern verschlampt. Das geht aus einem aktuellen Bericht des Justizministeriums an den Rechtsausschuss des Landtags hervor. In welcher Einrichtung der Schlüssel abhanden kam, wird in dem Bericht nicht gesagt.

    Häftling während Freigang in Luxusauto geblitzt

    Eine ungewöhnliche Enthüllung im Fall um mutmaßliche Korruption in der JVA Euskirchen gab es vor rund einer Woche: Ein Freigänger wurde abends in einem Luxusauto geblitzt, als er eigentlich in seiner Zelle hätte sitzen müssen. Das bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Bonn der Deutschen Presse-Agentur. Nach Angaben des "Kölner Stadt-Anzeigers" gehört der Beschuldigte zu einer polizeibekannten Leverkusener Großfamilie.
    Diese Nachricht wurde am 28.05.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.