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StartseiteKultur heuteVon Walhall nach Schilda16.05.2015

Wagner-KongressVon Walhall nach Schilda

In einer Selbstbeschreibung nennt sich Dessau auch gern das Bayreuth des Nordens. Die Bauhaus-Stadt in Sachsen-Anhalt hat nämlich eine große Tradition in der Pflege des Werks von Richard Wagner. Kein Wunder also, dass der Internationale Wagner-Kongress dort stattfand - mit List und Tücke, Lug und Trug nicht nur unter nordischen Göttern auf der Bühne.

Von Claus Fischer

Wie ein ins dreidimensionale verwandeltes Bild von Wassily Kandinsky präsentiert sich die Bühne zu Beginn der Walküre. Siegmund irrt durch einen Großstadtdschungel, der an die Hochhauslandschaften in Fritz Langs Stummfilmklassiker Metropolis erinnert. "Wir haben uns auf die Ästhetiken des Bauhauses bezogen", betont der Regisseur des Dessauer "Rings" und Intendant des Anhaltischen Theaters, André Bücker. "Auf die Ästhetiken der klassischen Moderne, letztlich auch auf eine mediengeschichtliche Erzählung des Rings."

So steht die "Walküre" ganz im Zeichen des Films. Wotan wird zu einem Hollywood-Regisseur, der zu Beginn alle Fäden in der Hand hat, den Lauf der Welt nach seinen Vorstellungen lenkt. Brünnhilde ist quasi eine Filmstudentin, die beim Vater ihr Handwerk lernt. Irgendwann greift sie jedoch eigenmächtig ins Geschehen ein und wird daraufhin entlassen, beziehungsweise in die Menschenwelt verstoßen.

Um "eigenmächtige Handlungen" ging es auch in den Sitzungen der organisierten Wagnerianer in Dessau. Thomas Krakow, der Präsident des Welt-Wagnerverbandes, zugleich Vorsitzender des Wagner-Verbandes Leipzig, soll nämlich versucht haben, den Hauptsitz des Internationalen Verbandes von Bayreuth nach Leipzig zu verlegen. Ohne Rücksprache mit den neun anderen Mitgliedern des Präsidiums. Das "Corpus delicti" ist ein metallenes Schild mit der Aufschrift "Richard-Wagner-Verband International". Krakow habe es eigenmächtig an  der Tür der Leipziger Geschäftsstelle angebracht. Das alles klingt weniger nach Walhall denn nach Schilda. Eine gewisse Schärfe gewinnt diese Geschichte dadurch, dass Eva Wagner-Pasquier, neben Katharina Wagner derzeit noch Festspielchefin in Bayreuth, den Welt-Wagnerverband in ihrer Rede beim Kongress aufgefordert hat, die enge Bindung an Bayreuth nicht aufs Spiel zu setzen.

"Frau Wagner-Pasquier hat einen eindeutigen Warnschuss losgelassen", meint ein Wagnerianer aus Bonn, der namentlich nicht genannt werden möchte. "Das heißt, dass man sich zusammenreißen soll und muss!"

Das dürfte jedoch nicht leicht sein, denn Welt-Wagnerverbandspräsident Thomas Krakow sorgte im vergangenen Herbst für einen weiteren Eklat. Im Anschluss an eine Festveranstaltung des Richard-Wagner-Verbandes in Venedig hatte er sich darüber beklagt, dass die Vorsitzende des dortigen Wagner-Verbandes ihn nicht als Präsident des Weltverbandes, sondern nur als Vorsitzenden des Verbandes Leipzig begrüßt habe. Ob das nun der Fall war oder nicht, darüber sind sich die organisierten Wagnerianer uneins. Ein Bandmitschnitt der Veranstaltung scheint nicht zu existieren. Das neunköpfige Präsidium erhielt wenige Tage später einen Beschwerdebrief zweier Verbandsmitglieder. Darin wird die Illoyalität der venezianischen Vorsitzenden gegenüber dem Welt-Präsidenten Krakow angeprangert. Spätestens jetzt hat die Geschichte etwas Bühnenhaftes. Und der nächste "Akt" folgte prompt: Einige findige Verbandsmitglieder stellten nämlich fest, dass der Beschwerdebrief auf einem Laptop von Präsident Thomas Krakow geschrieben worden ist. Er selbst möchte sich zu diesem Vorwurf nicht äußern. Die Mehrheit der Mitglieder des Präsidiums hat ihm im Vorfeld des Dessauer Kongresses ihr Misstrauen ausgesprochen. An der Basis, sprich in den Wagner-Ortsverbänden, hat sich darüber Frustration breit gemacht.

"Also wir sind sehr traurig, dass eine Gemeinschaft die eigentlich gleiche Ziele verfolgt, die Kunst zu fördern, dass die sich so zerstreiten kann", sagt der Vorsitzende des Wagner-Verbandes Wuppertal Gerald Bunge. "Wir hoffen, dass dadurch, dass Neuwahlen kommen, wieder ein arbeitsfähiges Präsidium entsteht."

Diese Neuwahlen haben heute Nachmittag stattgefunden.

Der neue Präsident heißt Horst Eggers und kommt aus Bayreuth. Damit haben die Delegierten ein deutliches Zeichen gesetzt, die Anbindung an die Festspiele nicht aufs Spiel zu setzen.     

Nun sei es die vordringliche Aufgabe aller Mitglieder des Wagner-Verbandes, den Frieden wieder herzustellen, betont Präsidiumsmitglied Christian Decor aus Frankreich. "Die Wagnerkunst ist eine universelle Kunst, ich glaube, bei einem konstruktiven Projekt gibt es immer eine Einigung!"

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