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StartseiteKultur heuteWagnerianer ohne schlechtes Gewissen24.07.2013

Wagnerianer ohne schlechtes Gewissen

Der Blick der Franzosen auf den Komponisten

Die französischen Wagnerianer waren von je her die enthusiastischsten. Die Pianistin Florence Delaage etwa eine jener Anhängerinnen des deutschen Komponisten, die in Wagner vor allem den Musiker bewundern.

Von Dieter David Scholz

Die Richard-Wagner-Büste in Bayreuth. Die Franzosen zählen heute zu den treuesten Festspiel-Pilgern. (AP)
Die Richard-Wagner-Büste in Bayreuth. Die Franzosen zählen heute zu den treuesten Festspiel-Pilgern. (AP)
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Florence Delaage, letzte Schülerin des wohl bedeutendsten französischen Pianisten, Alfred Cortots, ist eine jener typischen französischen Wagnerenthusiastinnen. Sie wurde in eine musikalische Familie hineingeboren und feierte vor kurzem ihren 70. Geburtstag. Die Musik wurde ihr quasi in die Wiege gelegt.

"Ich habe Klavier zu spielen angefangen mit vier Jahren, dank meiner Mutter. Ihre drei Uronkel waren Geiger und Cellisten in der Opéra de Paris. Sie haben in der Tannhäuser-Uraufführung gespielt. "

Die familiäre Wagnertradition ist gewissermassen auf Florence Delaage übergegangen. Auch ihre Mutter spielte gut Klavier, und vor allem viel Wagner. Aber auch ihr wichtigster Lehrer, Alfred Cortot, der sie in seinen letzten fünf Lebensjahren als Privatschülerin aufgenommen und quasi als Tochter betrachtet hatte, hat ihre Liebe zu Wagner nur bestärkt.

" Jede Woche bin ich nach Lausanne gefahren in seine Villa Musee über dem Genfer See, wo ich unter dem Renoir-Porträt von Wagner inmitten von vielen Handschriften Chopin und Sonate von Liszt spielte. Ich habe bei ihm gelernt, genau zu phrasieren und den Klang unendlich zu variieren. "

"Ich habe zwei Leidenschaften im Leben: Wagner und Cortot. Sie haben die gleiche Bedeutung für mich: Die Kunst der Transzendenz."

Obwohl Florence Delaage auch Chopin, Bach, Mozart, Schubert, Schumann und Beethoven zu ihren Lieblingskomponisten zählt, hat sie zu Wagner doch eine ganz besondere Affinität. Wie ihr pianistischer Erzieher und Übervater Alfred Cortot.

"Cortot war ein großer Wagnerianer. In seiner Zeit war die Musik Wagners wie eine Offenbarung. Cortot gab eine Konzertreihe mit den Werken Wagners auf zwei Flügeln, mit Edouard Rissler. Cortot war der Erste, der in Paris Werke von Wagner dirigierte: Tristan und Götterdämmerung."

Die Wagnerleidenschaft der Franzosen ist ehrlich und unangefochten von all den historischen Traumata, die das Verhältnis der Deutschen zu Wagner so problematisch machen. Die französischen Wagnerianer waren von je die enthusiastischsten. Wagners großer internationaler Durchbruch ist schließlich den Franzosen zu verdanken. Erst als nach seinem Pariser Tannhäuser-Skandal französische Literaten wie Mallarmé oder Beaudelaire Wagner feierten, wurde er auch in Deutschland endlich ohne Wenn und Aber anerkannt. Bis heute sind die Franzosen die bedingungslosesten Wagnerianer.

"Die französischen Wagnerianer sind noch begeisterter als die Deutschen. Und sie müssen, anders als die Deutschen, kein schlechtes Gewissen haben dabei. Wagner hat die Franzosen verhext. Sie sind verrückt nach Wagner. Ich kenne eine Dame, die ihren Mann verlassen hat, um ihren Sitznachbarn aus Bayreuth zu heiraten, weil er ein noch enthusiastischerer Wagnerianer war."

Die Pianistin Florence Delaage, die abwechselnd an der bretonischen Küste und in Paris lebt, ist eine lebensfrohe Französin, die mit ihren nun 70 Jahren immer noch gern im Atlantik schwimmt, eine gute Küche und guten Wein liebt, ganz "boubo", wie die Franzosen sagen, also "bourgois-bohème". Sie ist eine jener französischen Wagnerianerinnen, die in Wagner vor allem den Musiker bewundern.

"Das ist eine Musik, die mich in eine Märchenwelt führt. In ein Universum. Wagner ist für mich der Höhepunkt der Musik."

Und doch verkennt sie nicht die Abgründe des "Bayreuther Meisters".

"Es gibt immer Licht und Schatten. Wagner war Chauvinist und Kosmopolit. Sein Antisemitismus ist unerträglich."

Florence Delaage spielt auch in dem soeben erschienenen Mitschnitt ihres Konzertes zum Ge¬denken an Alfred Cortots 50. Todestag im vergangenen Jahr in der Pariser Salle Gaveau Wagnertranskriptionen und -paraphrasen von Franz Liszt. Ihr Bekenntnis zu Wagner ist so ungebrochen, wie das vieler Franzosen, die bis heute zu den treusten Bayreuth-Pilgern zählen.

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