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Wahlkampf mit Ignalina

Ignalina, das letzte Atomkraftwerk Litauens, versorgt das Land mit 75 Prozent der benötigten Energie. Doch das bereits betagte Kraftwerk muss laut EU-Vorgaben bis 2009 geschlossen werden. Litauen fürchtet, dann vom Strom Russlands abhängig zu sein. Kurz vor den Parlamentswahlen wird Energiesicherheit daher zum wichtigen Wahlkampfthema. Albrecht Breitschuh berichtet.

    Schichtwechsel im Atomkraftwerk Ignalina. Für den 45 Jahre alten Stanislav ist der Arbeitstag allerdings noch nicht beendet, ab jetzt ist der Ingenieur, der in Litauens einzigem AKW für das Auswechseln der Brennstäbe verantwortlich ist, Kleinunternehmer - als Taxifahrer:

    "Zwischen den Schichten muss ich noch etwas dazu verdienen. Als Operator im AKW reicht es einfach nicht, ich habe schließlich drei Kinder. Hier verdiene ich 3000 Litas, das sind so 870 Euro. Mein ältester Sohn studiert in Vilnius, dem muss ich die Miete bezahlen, die beiden Töchter gehen noch zur Schule. Meine Frau verdient gerade mal 220 Euro, aber es ist schwer, einen besser bezahlten Job zu finden. Deswegen muss ich Taxi fahren. Das ist fast schon wie ein Hobby."

    Wenn das Atomkraftwerk wie geplant 2009 schließt, befürchtet Stanislav, beides zu verlieren: seinen Job und - wie er sagt - sein Hobby. Wie ihm geht es vielen Bewohnern von Visaginas. Die Stadt liegt zwei Autostunden entfernt von der Hauptstadt Vilinius im Nordosten Litauens, an der Grenze zu Weißrussland. Als das AKW vor 26 Jahren gebaut wurde, gab es den Ort noch gar nicht. Nach und nach wurde Visaginas gut zehn Kilometer entfernt vom Reaktorgelände hochgezogen, zahlreiche Wohnblocks prägen das Stadtbild. Schönheitspreise werden woanders vergeben, immerhin ist man schnell im Grünen.

    30.000 Menschen leben hier heute, 3000 arbeiten im AKW. Wenn das vom Netzt gehe, so die 31 Jahre alte Ania, könne sie ihren bestens bestückten Obst- und Gemüseladen auch dichtmachen:

    "Na ja, wir werden halt Pleite gehen, glaube ich jedenfalls. Ohne das AKW hat unsere Stadt keine Zukunft. Wie soll ich hier Geld verdienen, wenn die Leute keines mehr haben? Die Jugend und deren Eltern werden die Stadt verlassen. Und wer bleibt dann noch? Die Alten mit ihren mickrigen Renten."

    Doch es sind nicht nur die Menschen in Visaginas, die die Schließung des Werks fürchten. 75 Prozent des gesamten Strombedarfs Litauens werden hier produziert, zu Tiefstpreisen. Wo die Energie ab 2009 herkommen soll und vor allem zu welchem Preis, wie groß dann die Abhängigkeit vom jetzt schon als bedrohlich empfundenen Nachbarn Russland sein wird, darüber rätselt nicht nur der Direktor von Ignalina, Viktor Schewaldin:

    "Das erste Problem ist, dass Litauen bis heute keine offiziellen und rechtlichen Garantien für ausreichende Energielieferungen aus den Nachbarländern hat. Unter diesen Bedingungen ein Atomkraftwerk zu schließen, ist abenteuerlich."

    Das findet auch Rolandas Paksas, der mit seiner von ihren Gegnern als moskautreu bezeichneten Partei "Ordnung und Gerechtigkeit" nach den Parlamentswahlen in die Regierungsverantwortung will. Paksas, schon zweimal kurzzeitig Ministerpräsident des Landes, darf wegen Verletzung seiner Amtspflichten kein öffentliches Amt mehr bekleiden. Trotzdem ist der Mann, dem immer noch enge Kontakte zum russischen Geheimdienst nachgesagt werden, populär. Andere nennen ihn populistisch. Und ein Thema wie Ignalinas lässt er sich natürlich nicht entgehen:

    "Wenn wir an die Regierung kommen, werden die Laufzeit des Atomkraftwerks verlängern, ohne auf die Europäische Union Rücksicht zu nehmen. Dies sage ich ohne jedes Wenn und Aber. Die EU ist nicht ausreichend über die Probleme informiert, die eine Stilllegung für unser Land bedeuten würde."

    Der erste Reaktor wurde bereist 2004 abgeschaltet, aber auch der zweite stammt noch aus Sowjetzeiten und ist der gleiche Typ wie der Unglücksreaktor von Tschernobyl. Beide bis spätestens 2009 abzuschalten, war eine Bedingung zur Aufnahme in die Europäische Union, die 2004 fröhlich gefeiert wurde. Von der damaligen Begeisterung ist nicht mehr viel geblieben. Aber auch das Vertrauen in die heimische Politik ist nur knapp über dem Nullpunkt. In einer im Wahlkampf geführten Umfrage meinten mehr als drei Viertel der Bürger Litauens, keine der Parteien könne die Probleme des Landes lösen. Schon gar nicht die Energieprobleme.