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StartseiteMarkt und MedienWahrhaftig sein07.05.2005

Wahrhaftig sein

Deutsche Presserat: "Ethik im Redaktionsalltag"

Redaktionsarbeit ist nicht immer preisverdächtig. Journalismus bewegt sich zwischen den Ansprüchen von Verlegern, Chefredakteuren und Lesern. Doch Journalisten müssen vor allem eines leisten: wahrhaftig sein. Dass dies leichter gesagt als getan ist, zeigen Beispiele aus der Arbeit von Journalisten. Der Deutsche Presserat und das Institut zur Förderung des publizistischen Nachwuchses haben einige davon in einem Buch zusammengestellt.

Von Bettina Schmieding

 Nachrichten-Redaktion (DRadio)
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"Was ist richtig? Und was ist falsch?" Fragt Udo Röbel, immerhin mal Bild-Chefredakteur und jüngst Gründer der Internetseite "fairpress.biz", auf der sich Menschen gegen Falschdarstellungen in den Medien wehren können. Ein Geläuterter? Tut ihm heute die eine oder andere Schlagzeile aus seiner Zeit bei Bild Leid? Das schreibt er nicht in seinem Artikel über Ethik im Redaktionsalltag. Aber er gibt zu, dass er nicht zu den Gladbecker Geiselnehmern ins Fluchtauto hätte steigen sollen und dass er nicht alles sofort hätte glauben sollen, was aus Sebnitz zu hören war. "Neonazis ertränken Kind" – titelt Röbel in der Bild am 23. November 2000. Dieses rabenschwarze Kapitel in der Geschichte des deutschen Nachkriegsjournalismus ist ihm einen Satz wert. Seine Selbstkritik reduziert sich wie gesagt auf rhetorische Fragen nach der Wahrheit.

Den Bußgang, den tun in diesem Buch andere, die sich im Fall Sebnitz zugegebenermaßen auch nicht mit Ruhm bekleckert haben. Die taz zum Beispiel, mediales Bollwerk gegen den Rechtsextremismus, wählt die Schlagzeile "Badeunfall erweist sich als rassistischer Mord". Ein Fehler, gibt Chefredakteurin Bascha Mika heute zu. Die taz fängt sich dafür eine Rüge des Deutsches Presserates ein.

Sebnitz, das Gladbecker Geiseldrama, Brent Spar Beispiele für das Versagen der deutsche Presse gibt es viele. Einer, der vermeintliche Meriten des deutschen Journalismus schon immer geschickt sezierte, ist Wolf Schneider. Arrivierter Journalist und unermüdlicher Kämpfer für eine schlichte Sprache, nimmt sich in dem Buch des Themas "agenda setting" an. Wie erzeugen die Medien Themenschwerpunkte?, fragt Schneider. An sechzig Tagen im Jahr aus purer Verzweiflung, befindet er. Wenn sich kein Thema automatisch als Aufmacher qualifiziert hat, treten "pressure groups" auf den Plan, also Gruppen, die Medienereignisse inszenieren. Und was der Journalist an sich besonders gerne hat, sind Themen, die wider die Norm sind. Schneider nennt die Empfehlung eines Politikers, Mallorca zum 17. Bundesland zu machen, als Beispiel.

Ein weiteres Indiz für die Macht dieser pressure groups in den Redaktionen ist Brent Spar. Die gleichnamige Shell-Ölplattform sollte 1995 versenkt werden, erinnert Schneider. Mit 5.500 Tonnen Öl an Bord, wie Greenpeace behauptete, Shell sprach von 130 Tonnen, ein Gutachten ergab schließlich 330 Tonnen Ölrückstände. Greenpeace musste sich bei Shell entschuldigen. Aber bis dahin hatten die Medien das Thema längst entdeckt und nach dem Motto "Greenpeace ist gut und Shell lügt" ausgeschlachtet, kritisiert Schneider.

Aber es gibt auch die kleinen, feinen Fälle unethischen Verhaltens von Journalisten, denen sich das Buch in Fallbeispielen widmet. Da wäre der Leitartikler, der kurz nach dem 11. September in einem Zeitungskommentar dazu auffordert, die Attentäter hinzurichten und zwar möglichst ohne Prozess. Dem Presserat ist dies eine öffentliche Rüge wert. Die rechtsstaatliche Ordnung gelte schließlich auch für Kommentare.

"Kinderhorde knackt Auto – wieder Roma-Ärger". Ein Zeitungsbericht schildert einen Einbruch und nimmt dabei die Täter in Sippenhaft. Genau wie in dieser Schlagzeile aus einem anderen Blatt: "Türken schlugen Deutsche: Ein Tischler wollte helfen – und starb". Die Zugehörigkeit zu ethnischen Minderheiten sind für einen Artikel nur dann von Relevanz, wenn – Zitat – "für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht." Zitatende.

Was dem Beschwerdeausschuss des Deutschen Presserats Tag für Tag auf den Tisch kommt, ist nicht immer so Aufsehen erregend wie die Ereignisse vom November 2000. Aber Sebnitz steckt auch im Kleinen.

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