Freitag, 20. Mai 2022

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Waldbrände, Vulkanausbrüche und nuklearer Winter

Klima.- Aerosole sind kleine, meist wässrige Schwebeteilchen, die unter anderem bei Vulkanausbrüchen in die Luft geschleudert werden. In Hamburg treffen sich derzeit Aerosol-Forscher zu einer Konferenz. Organisator Martin Kalinowski erläutert im Interview, wie die kleinen Teilchen das Klima beeinflussen können.

Martin Kalinowski im Gespräch mit Arndt Reuning | 11.08.2011

Arndt Reuning: Vulkanausbrüche und Waldbrände haben eines gemeinsam: sie schleudern Aschewolken in die Atmosphäre - Aschewolken oder Aerosole: feste, flüssige Teilchen, fein verteilt in der Luft, die dann Wetter und Klima beeinflussen. Auf dem Klima-Campus der Universität Hamburg treffen sich zurzeit Aerosol-Forscher zu einer Konferenz, aber eingeladen sind auch Soziologen und Friedensforscher. Vor der Sendung habe ich mit einem der Organisatoren telefoniert, mit Professor Martin Kalinowski von der Universität Hamburg. Ich wollte wissen, was haben denn Aerosol- und Klimaexperten mit Friedensforschern zu tun?

Martin Kalinowski: Die Verbindung kommt durch Kernwaffen-Explosionen. Schon in den 80er- und 90er-Jahren ist davor gewarnt worden, dass durch einen massiven Kernwaffenkrieg ein sogenannter nuklearer Winter ausgelöst wird. Dadurch, dass nämlich durch die Kernwaffen und die folgenden Brände Aerosole gebildet werden, die die Stratosphäre erreichen und die Sonne abdunkeln, wird es auf der gesamten Erdoberfläche lange Zeit sehr kalt. Und diese Effekte sind auch in der jüngeren Zeit wieder neu studiert worden. Und da das auch nicht nur Wetter- sondern auch Klimawandelfolgen hat, bringen wir die Klimawissenschaftler hier zusammen mit den Rüstungskontrollexperten.

Reuning: Der nukleare Winter, Sie haben es ja schon gesagt, es klingt so ein wenig nach 80ern. Ist das denn heute überhaupt noch von Belang?

Kalinowski: Ja, man würde vielleicht zunächst erwarten, dass bei der quantitativen Abrüstung, die doch schon relativ weit fortgeschritten ist, mit den verbleibenden Kernwaffen so ein schreckliches Szenario nicht mehr möglich sein könnte. Jüngere Studien haben allerdings gezeigt, dass der Einsatz von 100 Kernwaffen immer noch eine Folge haben kann, die damals nuklearer Winter genannt wurde. Und mit den neuen Klimamodellen hat man sogar festgestellt, dass die Folgen noch dramatisch schlimmer sind, als man es damals angenommen hatte, unter anderem, dass Tausende von Kernwaffen eingesetzt werden.

Reuning: Welche Folgen wären das denn?

Kalinowski: Einerseits wird Ozon abgebaut. Die Ozonschicht wird schwächer. Und andererseits wird durch die Abschattung der Sonne, durch Rußpartikel in der Stratosphäre, die Energie, die die Erdoberfläche erreicht, geringer. Gleichzeitig strahlt die Erde aber weiterhin Wärme ab, beziehungsweise die Aerosolteilchen absorbieren die Wärme und strahlen sie auch wieder ab. Und dadurch kommt es zu Abkühlungen auf der Erdoberfläche. Und in Folge davon natürlich zu längeren Winterperioden, Frostperioden und zu schlechteren Ernteergebnissen.

Reuning: Kann man denn abschätzen, was das für die Landwirtschaft bedeuten würde?

Kalinowski: Ja, wir haben auch einen Vortrag hier von einer Meteorologin, die das konkret für Reisernte in China ausgerechnet hat. Interessanter Weise kommt sie zu dem Schluss, dass für manche Regionen die Erntebilanz sogar besser wird, in anderen Regionen die Ernte aber geringer ausfällt. Aber die Befürchtungen aus einfachen Studien, die jetzt nicht zu sehr ins Detail gucken, sind, dass über mehrere Jahre, möglicherweise sogar ein ganzes Jahrzehnt, die Ernteausfälle weltweit so groß sind, dass es zu gravierenden Hungersnöten kommen wird.

Reuning: Auf der Konferenz geht es nicht nur um die Folgen von Atomwaffen für Wetter und Klima, sondern es geht auch um Vulkanausbrüche. Wie ist es denn damit bestellt?

Kalinowski: Es geht um Vulkanausbrüche, um Waldbrände, Ölbrände, aber auch um von Menschen bewusst eingebrachte Aerosole – diese Konzepte unter dem Stichwort Geo-Engineering verfolgt man mit dem Ziel, den Treibhauseffekt, diesem bekannten Klimawandel entgegenzuwirken. Was das nun für Effekte auf die Menschheit haben kann, wird in einzelnen Studien dargestellt. Es hat vor allen Dingen gesundheitliche Auswirkungen. Eine dieser Studien, die hier vorgestellt wird, zeigt sogar, dass ein Vulkanausbruch von einer Dimension, wie er 1783 in Island stattgefunden hatte - Laki-Vulkan – wenn eine solche Eruption heute stattfinden würde, dass es in Europa 135.000 zusätzliche Todesopfer innerhalb eines Jahres geben würde – hauptsächlich durch Herzversagen infolge der erhöhten Aerosolkonzentration in der Luft, die eingeatmet wird.