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StartseiteUmwelt und VerbraucherWaldschäden trotz saubererer Luft18.02.2004

Waldschäden trotz saubererer Luft

Göttinger Forscher ergründen, warum

So hört es sich an, wenn hunderte Sollinger Fichten mit gesäubertem Regen begossen werden. Der Regen wird auf einem riesigen Plexiglas aufgefangen, das die 80-jährigen Bäume überspannt, sagt Norbert Lammersdorf, Forstwissenschaftler an der Universität Göttingen:

Carolin Hoffrogge

Dürrer Wald - nicht nur wegen sauren Regens (AP)
Dürrer Wald - nicht nur wegen sauren Regens (AP)

Das ist so, dass kontinuierlich der Regen aufgefangen wird über diese Dächer und in die zentrale Steuerungshütte geleitet wird, da sehen wir ja die beiden großen Tanks und in diese großen Tanks gelangt das Regenwasser.

Heute sammelt Norbert Lammersdorf auf der drei Hektar großen überdachten Sollinger Waldfläche 300 Liter Regenwasser. Vom Plexiglasdach läuft das gesammelte Wasser runter in die beiden Tanks, wird hier mit Hilfe von Filtern von allen Schadstoffen gereinigt. Es entsteht sauberer Regen, der über eine Beregungsanlage unter dem Plexiglas dann wieder auf die Bäume fällt. Unter dem Dach geht es den Bäumen richtig gut. Die Göttinger Forscher fanden inzwischen heraus, warum: Sie werden nicht mehr durch einen Überschuss an Stickstoff gestresst. Denn: Düngt ein Landwirt beispielsweise in den niedersächsischen Landkreisen Oldenburg oder Cloppenburg seine Äcker mit Gülle, so wird der Stickstoff in der Atmosphäre über hunderte von Kilometern weiter getragen. Er schlägt sich auf die Bäume im Solling, im Weserbergland oder Harz nieder. Zwar wachsen die Bäume durch Stickstoffgabe erst mal schneller, nehmen dafür aber kaum noch die lebenswichtigen Elemente Magnesium, Calcium, Kalium auf. Da Baum nicht wie der Mensch eine Mineralstofftablette einwerfen kann, um den Mangel aufzuheben, kommt es zum Waldsterben durch zuviel Stickstoff:

Es ist natürlich schwierig, einen Kuhstall mit einem Katalysator zu versorgen, es gibt natürlich auch hier große Fortschritte, andere Temperaturen, bei denen die Ställe, die Tiere gehalten werden, dadurch kann man Emissionen reduzieren, es gibt andere Ausbringungsformen der Gülle auf den Äckern, so dass hier sicherlich einiges passiert ist, aber es reicht noch lange nicht aus.

Die verbesserten Maßnahmen fangen bei der bundesweit geltenden Gülleverordnung an. Sie schreibt den Landwirten vor, wann sie den Tierkot auf die Felder bringen dürfen. Wird dieser von den Güllefässern auf den Feldern verteilt, rieseln kleinere Tröpfchen aus feineren Düsen. Aber trotz dieser Maßnahmen hat sich die Ausbringung der Stickstoffmenge in den vergangenen 30 Jahren verzehnfacht. Um den Schadenszustand des Waldes zu beurteilen, nimmt Forstwissenschaftler Lammersdorf jedes Mal, wenn er in den Solling fährt, Nadelproben mit nach Hause in sein Göttinger Labor. Einmal von Nadeln, die mit sauberem Regen beregnet wurden, einmal von Nadeln, die den regulären Regen abbekommen haben. Dafür fährt er mit einem Kran in die Baumkronen hinauf:

Man nimmt einzelne Zweige und wenn man die Nadelmasse bestimmen will, dann nimmt man einen bestimmten Anteil von einem Zweig aus und rechnet das hoch oder man gewinnt diese Probe, um sie dann ins Labor zu bringen, zu trocknen, zu sieben und aufzuschließen, um dann den Nährelementegehalt zu bestimmen.

So wie bei Menschen die Haaranalyse genauen Aufschluss über Ernährung oder etwaigen Drogenkonsum gibt, kann Norbert Lammersdorf im Göttinger Labor die Sollinger Nadeln auf ihre Schädigung untersuchen. Wie kommen die unter dem Plexiglas geschützten Fichten mit ihrem gesäuberten Regen klar? Wie die Nadeln der benachbarten Fläche mit dem nicht filtrierten Regen? Beide Nadelproben lässt er im Hightech- Isotopenlabor der Forstwissenschaftler untersuchen. Ergebnis dieser Forschung: kalkt man die Wälder, ist das nicht nur - wie in den 90er Jahren schon - gegen den sauren Regen gut. Auch die enorme Menge der Stickstoffemission können die Bäume mit Hilfe des Kalks besser verkraften. So verwurzeln sie nach der Kalkung tiefer im Boden, nehmen Stoffe wie Magnesium, Kalium und Calcium besser auf. Aber:

Auf Standorten wie zum Beispiel im Solling oder auf armen Sandstandorten im nordwest- oder nordostdeutschen Tiefland, wird es immer wieder kritische Situationen geben. Weil diese Nährstoffrelation, gleichbleibend hohe Stickstoffeinträge und arme Ausgangsbedingungen und reduzierte Einträge der anderen Nährelemente zu einem Mangel führen wird. Man wird immer wieder Vergilbungen feststellen und unter extremen Bedingungen wie Trockenheit wird es immer wieder deutliche Schäden geben.

Holzen seine Forstkollegen Wälder ab, sollten sie unbedingt ausgewogene Mischwälder nachpflanzen, so Norbert Lammersdorf. Denn Buchen kommen mit übermäßigem Stickstoff besser zurecht als Eichen, Douglasien besser als Fichten.

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