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StartseiteForschung aktuell"Die Sorge ist, dass man gefährdete Populationen erwischt"27.06.2019

Walfang in japanischen Gebieten"Die Sorge ist, dass man gefährdete Populationen erwischt"

Die Meeresforscherin Antje Boetius spricht sich für ein generelles Walfang-Moratorium aus. Japan bekenne sich zwar zur nachhaltigen Fischerei, sagte sie im Dlf. Dennoch könne man nicht ausschließen, dass auch seltene Arten dezimiert würden.

Antje Boetius im Gespräch mit Christiane Knoll

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Ein Zwergwal im Netz eines Walfängers wird im Hafen von Kushiro in Nordjapan abgeladen. (imago / Kyodo News)
Der Fang, aber auch Lärm und Vermüllung mache den Walen zu schaffen, sagte Antje Boetius im Dlf (imago / Kyodo News)
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Christiane Knoll: Japan geht wieder auf Walfang. Wie angekündigt, will die Nation an ihre große Tradition anknüpfen und von Montag an Wale kommerziell jagen. Die Meeresriesen stehen sowieso unter Druck, deshalb ist das eine Niederlage für den Meeresschutz. Dem hat sich Antje Boetius verschrieben, Direktorin am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Ich habe mit ihr telefoniert und sie gefragt, wie sehr sie der Ausstieg Japans aus der Internationalen Walfangkommission beunruhigt.

Antje Boetius: Da gibt es natürlich beunruhigende, aber auch eigentlich ganz gute Nachrichten drin. Wir am Alfred-Wegener-Institut beschäftigen uns ja vor allen Dingen mit der Frage des Meeresschutzes in der Antarktis. Japan hatte dort ein wissenschaftliches Programm, was sehr umstritten war in der Antarktis, weil man zwischen wissenschaftlichem Interesse und kommerziellem Interesse nicht unterscheiden konnte, und ich gehöre zu denen, die es für absolut richtig finden, dass Japan gesagt hat, wir beenden das wissenschaftliche Programm, wir haben eine traditionelle Sicht auf Wal als Nahrung und wollen Wale fangen, aber dann nicht in der Antarktis, sondern in eigenen Gewässern.

Seltene Arten gefährdet

Knoll: Das japanische Küstengebiet, um das es geht, ist etwa viermal so groß wie die Landfläche Japans. Im Vergleich zum riesigen Pazifik ist das ja nicht viel. Werden die Wale nicht einfach ausweichen?

Boetius: Das ist eine tolle Frage. Also erst mal ist es so, dass natürlich Japan auch grundsätzlich, wie andere Nationen, sich zu Nachhaltigkeit und auch zur nachhaltigen Fischerei und sauberen Ozeanen bekennt. Jetzt haben die auch vorgelegt einen Plan, wie viele Individuen sie fangen werden und welche Arten, und sie zielen ab auf Bestände, die auch nicht direkt gefährdet sind, Kleinwale vor allen Dingen.

Das Problem ist aber, und deswegen auch die Sorge, dass es bisher keine Evidenz gibt, dass beim Walfang auszuschließen ist, dass man seltene Arten erwischt. Das ging den Isländern so, das ging den Norwegern so, dass das immer wieder vorkommt. Im Nordpazifik gibt es einige Populationen von Walen, wo die Bestände auf wenige Hundert Individuen runtergegangen sind, und deswegen haben alle, die sich über den Zustand der Meere Sorgen machen, weiterhin auch Sorge, wenn es Walfang gibt, dass man dann die wirklich gefährdeten Populationen erwischt.

Man muss sich das so vorstellen, dass zwar vielleicht nicht die Art als Ganzes dann gefährdet ist, aber es gibt Populationen von Walen, die nur einmal auf der Erde vorkommen, die ihre eigenen Gesänge haben, die ihr eigenes Verhalten haben, und um die muss es uns auch gehen. Deswegen die Sorge, dass bei all den Drücken, die Wale ansonsten auszuhalten haben – die Meere werden lauter, sie werden wärmer, sie sind voller Müll –, braucht es jetzt vielleicht nicht gerade noch Walfang, wenn man bedenkt, wie wenig Menschen überhaupt noch auf der Erde Wal essen wollen.

"Wale wandern - und das ist Teil des Problems"

Knoll: Sind denn die japanischen Gebiete besonders wertvolle Brutgebiete für Wale?

Boetius: Ja, natürlich. Also es sind, dadurch, dass Japan eine Insel ist und mitten im Meer ist, eine große ökonomische Zone im Meer hat, überlappt diese japanische Zone, in der gefischt werden darf nach den Umweltregeln Japans, natürlich auch mit dem Habitat seltener Walarten. Das ist schon so.

Knoll: Welche sind das zum Beispiel?

Boetius: Da gehören bestimmte Populationen von Glattwalen, von der Nordkaper dazu. Man muss sich schon sehr genau damit beschäftigen, um dann zu erkennen, welche Bestände sind das. Wie gesagt, das ist nicht die Art als Ganzes, sondern es sind lokale Populationen mit besonderen Eigenschaften. Wale wandern allerdings auch, und das ist auch ein Teil des Problems. Der Klimawandel verschiebt ja auch das Verhalten und die Migration aller Lebewesen, damit auch der Nahrung der Wale, und wenn wir heute sagen, wir wissen, wo eine gefährdete Population lebt, heißt das nicht, dass wir wissen, wo die in zwei Jahren ist. Alle diese Unsicherheiten sollten meiner Einschätzung nach dazu führen, dass es generell eigentlich ein Moratorium auf Wale gibt.

"Es geht um das Feedback der japanischen Bevölkerung"

Knoll: Wenn Japan in seinen eigenen Gewässern jagt, könnte das nicht vielleicht sogar einen erzieherischen Effekt haben? Wie ist Ihre Prognose, wie lange wird Japan überhaupt noch Wale jagen?

Boetius: Das ist ja eigentlich eine Frage, die davon abhängt, ob es einen Markt für Walfleisch gibt. Es ist ein künstlicher Markt, der wird aufrechterhalten auch wegen der Frage traditioneller Arbeitsplätze, Kultur des Walfangs. Da glaube ich nicht, dass es so ausgehen wird, dass das, was da jetzt noch an Walfang stattfindet, direkt zu einem Lerneffekt führt. Es geht wirklich im Grunde um das Feedback der japanischen Bevölkerung. Die Zahlen, die mir vorliegen, zeigen, die jungen Leute wollen eigentlich nichts mehr mit Walfang zu tun haben.

Plastikmüll und Klimawandel zusätzliche Gefahr

Knoll: Sie haben gerade noch mal das Moratorium angesprochen. Seit 1986 gilt ja ein internationales Moratorium für die Jagd, an das sich die Weltgemeinschaft, bis auf wenige Ausnahmen, auch gehalten hat. Es ist ja schon eine spannende Frage, warum sich viele Bestände trotzdem nicht erholen. Woran liegt das?

Boetius: Ja, das besorgt mich auch sehr. Also mein Großvater war selbst für eine kurze Zeit Walfänger und war selber dabei, als die antarktischen Bestände auch von Deutschland praktisch bis auf zehn Prozent und weniger runtergejagt wurden. Diese Bestände sind ja nie zurückgekommen trotz des Schutzes, den die Weltgemeinschaft angelegt hat. Wir müssen einfach verstehen, dass es eine Vielfalt von Faktoren gibt, die auch auf die Gesundheit der Wale und Gesundheit des Lebens im Meer insgesamt einwirken.

Wo wir alle Wale gefährden, ist diese wahnwitzige Vermüllung der Meere. Das muss wirklich in den Griff bekommen werden. In der Nordsee finden wir ja überhaupt gar keine toten Tümmler und Wale mehr, die nicht vollgestopft werden, oder Seevögel, mit Plastikmüll. Der Klimawandel kommt oben drauf. Also für alle, die die Wale lieben und die die Meere lieben, heißt es für mich einfach, hinschauen und unser System, wie wir mit Natur als Ganzes umgehen, dringendst verändern.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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