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Walsterben

Zur Zeit der Segelschifffahrt galten Schweinswale als Hindernis auf dem Weg in den Hafen, denn die Tiere begleiteten die Schiffe in großer Zahl. Heute sieht man an der Küste von Mecklenburg-Vorpommern nur noch selten lebende Schweinswale. Dafür wurden in jüngster Zeit vermehrt tote Tiere angetrieben.

Von Almuth Knigge | 09.11.2007

Der Schweinswal in der Ostsee, auch kleiner Tümmler genannt, stellt die Forscher vor ein Rätsel. Warum fast dreimal so viele Schweinswale tot aufgefunden wurden wie noch vor zehn Jahren, darauf haben die Meeresforscher nur vage Antworten. Wenn man es positiv sehen will, dann, so erklärt Harald Behnke, Direktor des Meeresmuseums in Stralsund, sei das ein Zeichen dafür, dass sich die Population erhöht hat. Aber wahrscheinlicher sei, dass die Gefahren für die Tiere in den letzten Jahren gewachsen seien. Wobei die Gefahren aus der Fischerei eher eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint. Von den 54 gefundenen Tieren waren nur zwei wirkliche Beifänge. Viel schlimmer scheint die Belastung durch Schadstoffe.

"Wir mussten feststellen, dass die Gewebe der Schweinswale teilweise noch höher mit Schadstoffen belastet waren als die von Robben in der Ostsee. bei den Robben kennt man eine spezielle Krankheit, die man den Schadstoffen zurechnet. Und es wird vermutet, dass die Schweinswale auch diese Krankheit dann haben könnten."

Hauptschadstoffe sind die Polychlorierten Biphenyle, kurz PCB, vor allem als Flammschutzmittel benutzt. Sie schädigen die Gebärmutter der Weibchen und können zu vollständiger Unfruchtbarkeit führen. Daneben ist vor allem die Lärmverschmutzung der Meere für die Tiere ein Problem. Zum Säugen und Aufziehen der Jungtiere benötigen Schweinswale unbedingt ruhige Gewässer. Ein ständiges Fortscheuchen durch herannahende Schiffe und die stetige Beunruhigung durch Motorenlärm endet für die Jungtiere tödlich. Und mit jährlich rund 65.000 Frachtschiffen gilt die vergleichsweise kleine Ostsee laut Umweltverband WWF als eines der meist befahrenen Meere der Welt.

"Es gibt heutzutage eine Unmenge von Aktivitäten da draußen, die man, wenn man am Strand steht, gar nicht mitkriegt. Man denkt immer, da ist unberührte Natur da draußen, das stimmt schon lange nicht mehr. Es finden Bohraktivitäten statt, es finden sogenannte Dredge-Aktivitäten statt, wo ausgebaggert wird für kommerzielle Zwecke, also Kies und Sand beispielsweise."

Wolfgang Dinter vom Bundesamt für Naturschutz ist Hydroakustiker. Er beklagt den zunehmenden "Hintergrundlärm" in den Ozeanen und gerade in der Ostsee, der bei Meeressäugern Stress verursachen kann.

"Jetzt weiß man von einigen wenigen Messstellen in der nördlichen Hemisphäre, dass in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, also grob gesagt nach dem Zweiten Weltkrieg, sich der Unterwasserhintergrundschallpegel in den mehr industrialisierten Gegenden der nördlichen Halbkugel alle zehn Jahre verdoppelt hat. Das heißt, wir haben einen konstanten Anstieg des Hintergrundlärms um sieben Prozent."

Durch Explosionen, wie bei der Sprengung von Munition aus dem Zweiten Weltkrieg oder häufig wiederholten intensiven Geräusche können die kleinen Säuger einen dauerhaften Hörschaden erleiden. Sie sind dann nicht mehr in der Lage, leise Geräusche oder die Echos ihrer Echolokationssignale wahrzunehmen - was am Ende dazu führt, dass sie keine Nahrung mehr finden.

Schon bei 200 Dezibel kommt es, so jüngste Forschungen, bei den Schweinswalen zu einem Hörschaden. Wenn Windkraftanlagen im Meer gebaut werden, entsteht ein Schall von bis zu 260 Dezibel: Das ist mehr als doppelt so viel, wie ein Presslufthammer in nur einem Meter Entfernung. Tierschützer befürchten zudem, dass die vom Aussterben bedrohten Wale in der Ostsee auch durch die Sonare der US-Kriegsschiffe geschädigt worden sein könnten, die im Juni vor Heiligendamm eingesetzt waren.

Die Todfunde sind deswegen besorgniserregend, da die Ostsee-Schweinswale vor Rügen eine eigene Unterart darstellen. Sie mischen sich nicht mit den Nordseeschweinswalen, von denen es noch rund 230.000 gibt. Um aktuelle Informationen über die Population der Ostsee-Schweinswale zu erlangen, haben die Forscher eine Art Unterwassermikrofon entwickelt. Damit können sie die Orientierungssignale der Tümmler hörbar machen und so vielleicht die Antworten auf offenen Fragen finden.