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Warten auf Wandel

Kuba wartet darauf, dass der Stillstand sich ändert, der chronische Mangel an allem schwindet: der Mangel an Rindfleisch und Reis ebenso wie der an Transportmitteln und persönlicher Freiheit. Raúl Castro, der seinen Bruder Fidel an der Spitze des Landes abgelöst hat, verspricht Reformen. Wie diese aussehen sollen, ist jedoch noch ungewiss.

Von Volker Skierka | 07.08.2008

Die melancholische Hommage des amerikanischen Avantgarde-Gitarristen Marc Ribot an den populären wie legendären afro-kubanischen Komponisten und Musiker Arsenio Rodriguez ist in diesen Wochen die ideale musikalische Begleitung für eine Reise durch Kuba.

Die Musik passt zur Stimmungslage im 50. Jahr des Sieges der Revolution. Kuba wartet: auf den Überlandbus, der selten kommt, auf den alten sowjetischen Lkw, auf dessen Ladefläche man mit ein paar Dutzend Mitfahrern über Straßen voller Schlaglöcher rumpelt, auf den ausländischen Touristen mit dem komfortablen Mietwagen oder einfach nur auf die einspännige und bunt geschmückte Pferdekutsche, die gemütlich durch den Ort schaukelt und die wenigen Eiligen ausbremst.

Fröhlich und freundlich, hoffnungsvoll und optimistisch, mitunter auch erschöpft wartet ein ganzes Volk mit scheinbar grenzenloser Geduld jeden Tag aufs Neue in langen Schlangen und dicken Menschentrauben an den Straßenrändern und Weggabelungen darauf, irgendwohin mitgenommen zu werden, zur Arbeit, zu Verwandten, in die nächste Stadt - oder in ein anderes Leben.

Vor allem wartet Kuba darauf, dass sich endlich das ändert, was seit dem Sieg der Revolution zur trägen Gewohnheit geworden ist: das zu geringe Einkommen, welches höchstens bis Mitte des Monats reicht, und die Abhängigkeit von der Libretta, dem Rationalisierungsbüchlein, nach dem jeder Kubaner zwar Anspruch, aber keine Garantie auf die Zuteilung eines Existenzminimums an Lebensmitteln und Hygieneartikeln hat.

Kuba wartet darauf, dass der Stillstand sich ändert, der chronische Mangel an allem. Der Mangel an Rindfleisch und Reis ebenso wie der an Transportmitteln und persönlicher Freiheit.

"Seit 50 Jahren leben wir mit der Libretta, fünf Pfund Reis, fünf Pfund Bohnen. Und das hat jetzt nichts mit Politik zu tun, wir reden nicht über Politik. Nie gab es eine Abwechslung, etwa indem es eines Tages hieß: Jetzt gibt's Rindfleisch, Spanferkel, Shrimps und Langusten, Erfrischungsgetränke. Nichts! Einen Karneval - wunderbar. Aber nichts von all dem anderen. Und so ging es immer weiter, weiter, weiter."

So wie dieser Mann aus einem Dorf in der Provinz Holguin denken viele. Das Land wirkt wie ein großer Wartesaal, in dem elf Millionen Passagiere zwischen Hoffen und Bangen dem Zug in eine neue Zukunft entgegenharren. Mit einem anderen Lokführer an der Spitze, nachdem Fidel Castro vor zwei Jahren aus Krankheitsgründen die Plattform des Staatschefs für seinen fünf Jahre jüngeren Bruder Raúl geräumt hat. Seit der Wahl des neuen Staatsrates im Februar ist Raúl Castro auch offiziell die Nummer eins.

Kaum im Amt, wies er den Apparat an, eine wirtschaftliche und politische Bestandsaufnahme zu erarbeiten. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, sich mit Kritik und Verbesserungsvorschlägen zu beteiligen. Das Echo war enorm, wie Leonardo Martínez López, eines von 609 Mitgliedern der im Januar gewählten Nationalversammlung, beschreibt:

"Über 1,2 Millionen Anregungen, Überlegungen und Vorschläge hat es daraufhin gegeben. Sie waren sehr fundiert, sehr kritisch und sehr differenziert. Zum Beispiel die Auseinandersetzung mit der Frage, warum wir nicht alle zur Verfügung stehenden landwirtschaftlichen Flächen nutzen, um selbst mehr Lebensmittel zu produzieren, welche Möglichkeiten es gibt, mehr Kubaner daran zu beteiligen und mehr Leute in der Landwirtschaft zu beschäftigen."

Raúl Castro hat daraus inzwischen eine Reihe von Konsequenzen gezogen und cambios, Veränderungen, angekündigt, bereits eingeleitet oder umgesetzt - wobei die Zulassung von Mobiltelefonen und der Verkauf von Computern Imagekosmetik sind. Einen freien Internetzugang für alle wird es deshalb noch lange nicht geben. Viel wichtiger ist die jetzt begonnene Verteilung von bis zu rund 40 Hektar Land an private Bauern oder solche, die es werden wollen, denn über 50 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen Kubas liegen brach. Zu den vordringlichsten Aufgaben zählt die Ausweitung des Anbaus von Reis, einem der Hauptnahrungsmittel der Kubaner. Jährlich verbraucht das Land 700.000 Tonnen. Davon muss fast eine halbe Million Tonnen - vor allem aus China - importiert werden. Der Abgeordnete Martínez López glaubt:

"In vier Jahren könnten wir praktisch vier- oder fünfmal soviel Reis produzieren wie heute - zu 500 Dollar pro Tonne, im Vergleich zu den 1200 Dollar pro Tonne für importieren Reis."

Die erste und markanteste Konsequenz aber war die Abkehr von des 'Máximo Líder's Triumphalismus', der keine andere Definition des sozialistisch geformten kubanischen Revolutionsmodells zuließ als jene, wonach alles gut und richtig war, ist und sein wird. Und wenn es nicht so war und ist, dann waren und sind meist andere schuld, vor allem die USA mit ihrem bald 50 Jahre währenden Embargo.

Nachfolger Raúl hat den 'Triumphalismus' durch sein Gegenteil ersetzt: einen nüchternen Realismus, der anerkennt, dass viele Probleme auch hausgemacht sind. Seither wird weniger gejubelt auf Kuba. Raúl Castro selbst trat vor gut einem Jahr in Camagüey in Zentralkuba vors Volk und verkündete eine Zäsur:

"Niemand, weder der Einzelne, noch ein Land, kann es sich leisten, mehr auszugeben als vorhanden ist. Das ist zwar etwas Selbstverständliches, doch nicht immer denken und handeln wir konsequent angesichts dieser unausweichlichen Tatsache. Um mehr zu besitzen, muss man damit beginnen, in zweckmäßiger und effizienter Weise mehr zu produzieren, um unsere Importe reduzieren zu können."

Er machte deutlich, dass Kuba über seine Verhältnisse lebe. Angesichts der rasant steigenden Energie- und Nahrungsmittelpreise habe man aber keine andere Wahl, als alles zu tun, um die hohen Importe zu verringern und sich am eigenen Schopf aus dem Krisenstrudel zu ziehen. Was an Devisen ins Land kommt - durch den Tourismus oder Geldüberweisungen von Exilkubanern an Angehörige - wird mehr denn je durch Importkosten weggefressen und leert die Kassen zur Finanzierung des kostenlosen Sozialsystems und zur Sicherung des ohnehin prekären Lebensstandards.

Die für 2008 erwartete Steigerung des - ohnehin niedrigen - Bruttosozialprodukts von über sechs Prozent verspricht nur wenig Entlastung. Für Leonardo Martínez López hat Kuba keine andere Wahl als:

"All diese Dinge hier in Kuba zu produzieren. Wie Raúl in seiner Rede gesagt hat: Wir müssen all das selbst produzieren, was Kuba hergibt: Reis, Bohnen, Milch oder Futter für die Tiere. Das können wir alles hier in Kuba leisten. Wir müssen das nicht von draußen hereinbringen."

Im Juni schockierte Carlos Lage, der 56-jährige, für Wirtschaftsfragen zuständige Vizepräsident, im Staatsrat die Präsidenten der 169 Regionalverwaltungen in einer internen Rede mit nüchternen Details dieser dramatischen Entwicklung:

"Unser Investitionsplan für 2008 liegt 29 Prozent über dem Vorjahr, das sind 2,4 mal soviel wie im Jahr 2000. Das Land hat im vergangenen Jahr 1,470 Milliarden Dollar für die Einfuhr von 3,423 Millionen Tonnen Lebensmittel ausgegeben. Um die gleiche Menge zu heutigen Preisen zu kaufen, werden wir in diesem Jahr 2,554 Millionen Dollar ausgeben müssen, über eine Milliarde mehr als im Vorjahr."

Eine Steigerung um zwei Drittel binnen eines Jahres. Und das vor dem Hintergrund, dass Kuba derzeit rund 76 Prozent seiner Nahrungsmittel importieren muss. Das meiste davon kommt übrigens - gegen Vorkasse - aus den Vereinigten Staaten. Als Katastrophenhilfe deklariert, sind die Lieferungen auf Druck der Landwirtschaftslobby im Kongress in Washington vom US-Embargo ausgenommen. Und noch eine Hiobsbotschaft hatte Lage zu bieten: Ein Drittel mehr, nämlich annähernd 4,4 Milliarden Dollar, würde man für Erdölimporte ausgeben müssen - auch wenn Fidels selbsternannter Ziehsohn, der venezolanische Präsident Hugo Chávez, Freundschaftspreise gewährt.

Raúl Castro bereitete vor kurzem in einer weiteren Rede seine Landsleute darauf vor, dass ihre eng geschnallten Gürtel in nächster Zeit noch mehr angezogen werden müssten. Dabei hatte er schon ein Jahr zuvor besorgt zugegeben:

"Wir wissen, welchen Spannungen unsere Funktionäre wegen unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufgaben ausgesetzt sind, besonders an der Basis, wo die Rechnung zwischen den angehäuften Bedürfnissen und den zur Verfügung stehenden Mitteln fast nie aufgeht. Wir sind uns dessen bewusst, dass das Arbeitsentgelt ganz offensichtlich nicht ausreicht, um alle Bedürfnisse zu befriedigen. Es erfüllt praktisch nicht mehr seinen Zweck, wonach jeder entsprechend seinen Fähigkeiten und seiner Leistung bezahlt wird. Dies hat zu sozialen Disziplinlosigkeiten und deren Duldung geführt, die sehr schwer zu beseitigen sind, wenn sie sich erst einmal festgesetzt haben."

Damit sprach Castro zwei der zentralen Probleme der kubanischen Wirtschaft an: Dass die Menschen nämlich von ihrem regulären Arbeitslohn nicht mehr leben können, und dass sie gezwungen sind, hinzuzuverdienen. Das geht aber nur mit Hilfe - eigentlich unerlaubter - Nebenjobs. Und dabei sind Geschick, Fantasie und ein gewisser Geschäftssinn erforderlich.

"Levantar y luchar - Aufstehen und kämpfen" antworten einem viele Frauen und Männer zwischen Baracoa im Osten und Pinar del Rio im Westen des Landes, wenn man sie nach ihrem Tagesablauf fragt. Martínez López, der seit 16 Jahren für seinen Wahlkreis in Havanna in der Nationalversammlung sitzt, erinnert sich, dass es einmal anders war:

"Ich erinnere mich noch an die sehr viel besseren Zeiten unseres sozialistischen Systems. 1988, 1989 zum Beispiel verdiente ich als Ingenieur 198 Pesos. Diese 198 Pesos waren damals mehr wert als die 600 Pesos, die ich heute verdiene. Das ist natürlich sehr unbefriedigend. Es ist so, wie Raúl in seiner Rede am 26. Juli festgestellt hat: Das Geld hat aufgehört eine Motivation zum Arbeiten zu sein."
Das Durchschnittseinkommen beträgt heute 200 bis 300 kubanische Pesos. Anspruchsvollere Berufe wie Ärzte und Ingenieure werden - inzwischen - besser bezahlt. Die bekommen um die 600 Pesos. Ein Arzt, der jüngst im Auslandseinsatz in Venezuela war, erzählte, er erhalte zusätzlich jeden Monat 50 Cuc, sogenannte Pesos convertibles. Der begehrte Peso convertible ist die kubanische Ersatzwährung für ausländische Devisen, vor allem für den US-Dollar und den Euro. Der Wert eines Cuc beträgt 24 nationale kubanische Pesos. Wer viele Cucs hat, ist König in Kuba. 50 Cuc Gehaltszuschlag sind 1200 nationale Pesos, monatlich. Ein kleines Vermögen.

Mit rund 1800 Pesos würde der Arzt knapp das bekommen, was man heute offenbar Arbeitern zu bezahlen bereit ist, die in die Reisfelder gehen. Normalverdiener jedoch, deren Lohn nicht ausreicht, auch wenn die Wohnung praktisch kostenlos ist, sind auf die staatlichen und privaten Bauernmärkte angewiesen - wo es auf wundersame Weise auch all das gibt, was es sonst nicht gibt. Jedoch zu Preisen, die einer ohne Nebeneinkünfte nicht bezahlen kann:

Dieses Beefsteak kostet 40 Pesos das Pfund, ruft die Verkäuferin auf dem Markt "Cuatro Caminos" im Zentrum von Havanna, das Lendensteak koste 35, sauber, ohne Fett und Knochen, Schweinshaxe auch 35, Rippen gibt es zu 25, Schweinsfüße für zehn, Zunge zu 20 Pesos das Pfund, Beefsteak vom Hammel kostet 40 Pesos. Ein Pfund Fleisch kostet zehn bis 20 Prozent eines normalen Monatslohnes.

Victor Álvarez, ein ehemaliger Dolmetscher, der heute als Berater für Joint Ventures kubanischer Firmen mit ausländischen Partnern arbeitet, erinnert sich, wie es vor 20 Jahren war:

"Also für ein Pfund Schweinefleisch - 24 Pesos. Vor einigen Jahren, wissen Sie, wieviel wir für ein Pfund Schweinefleisch gegeben haben? 3,50 - höchstens. Also vor 'Periodo especial'."

Dieser tägliche Überlebenskampf hat übrigens den Nebeneffekt, dass keine Zeit und Kraft zum Aufbegehren übrig bleibt, für den Fall, irgendeine Opposition käme auf die Idee, den Aufstand zu proben. Auch wissen die Kubaner: Die meisten Völker in der lateinamerikanischen Nachbarschaft haben zwar demokratische Strukturen, materiell sind sie oft aber noch ärmer dran. Nirgendwo gibt es eine Gesundheitsversorgung und Bildungschancen wie die Kubaner sie haben.

Kuba ist zwar materiell arm. Elend, wie es anderswo - in Mexiko-Stadt oder Lima - verbreitet ist, findet sich hier jedoch nicht. Daher haben die Kubaner eher Angst davor, eines Tages jenen bescheidenen "Reichtum" zu verlieren, um den sie in anderen Ländern der Dritten Welt, beneidet werden. Für Silvano Rámirez aus Santiago de Cuba, der in seiner Nachbarschaft Cuqui heißt und als solcher jüngst in dem Buch des deutschen Schriftstellers Matthias Politycki "Herr der Hörner" als Romanfigur verewigt ist, steht fest:

"Ich habe Arbeit, verdiene wenig. Ja, ich verdiene wenig. Aber dafür ich gehe zum Arzt und sie behandeln mich, kostenlos. Es gibt eine ziemlich gute soziale Absicherung. Wir haben unser Ausbildungssystem. Wenn mein Sohn um drei, vier Uhr morgens auf der Straße unterwegs ist, muss ich mir keine Sorgen machen."

Die Identifikation mit dem System scheint in diesen Zeiten erstaunlich hoch. Im ganzen Land ist sichtbar, wie die Ikonographen es verstanden haben, die Helden der Revolution Fidel Castro und Che Guevara in die Ahnenreihe der großen kubanischen Freiheitskämpfer seit 1868 zu integrieren und an die Seite des Nationalhelden José Martí zu stellen, zu dessen Erbe Fidel Castro sich Zeit seines Lebens berufen fühlte.

Inzwischen geht es pragmatischer zu. Wie damals, als nach dem Ende des Sowjetkommunismus Kubas Bruttosozialprodukt um 34 Prozent einbrach, ist Raúl Castro der starke Mann. Der bereits 77-Jährige wirkt zwar wie der unscheinbare kleinere Bruder, war es aber nie. Das "Time Magazine" charakterisierte Fidel einmal als "das Herz" der Revolution, Raúl indessen als deren "Faust". Ein alter Zuckerrohrschneider, der noch für den Vater der beiden gearbeitet hat und diese schon als Kinder kannte, erinnert sich:

"Sie sind Brüder, aber sehr unterschiedlich. Raúl ist ein sehr viel heftigerer Mensch als Fidel. Fidel ist politischer als Raúl."

Raúl hat dem älteren Bruder seit dem Sieg der Revolution am 1. Januar 1959 als Verteidigungsminister stets den Rücken freigehalten. Als Kuba Anfang der neunziger Jahre am Abgrund stand, kommandierte er die einstmals stärkste lateinamerikanische Streitmacht in einer weltweit beispiellosen Aktion als Friedensarmee in die landwirtschaftliche Produktion ab.

"Bohnen sind wichtiger Kanonen", lautete damals die von ihm ausgegebene Losung. Andere Teile der Revolutionären Streitkräfte wurden zu einem Tourismuskonzern umgeformt, dem heute erfolgreichsten kubanischen Staatsunternehmen. Er gilt anders als Fidel als Teamplayer, als klar, direkt und verlässlich. Heute, in neuerlich schwierigen Zeiten, stützt er sich vor allem auf alte Vertraute. Das bedeutet auch, dass die gewachsene Elite die Macht fest in der Hand zu halten gedenkt. Diese Botschaft ist selbst bei den Leuten im historisch rebellischen Osten angekommen:

"Die Revolution wird sich behaupten. Sie behauptet und festigt sich mit Fidel und Raúl."

Dabei verbirgt sich hinter den von Raúl Castro benannten "sozialen Disziplinlosigkeiten" und deren, wie er sagte: "Duldung", eine ernste Bedrohung für die sozialistische Volkswirtschaft auf Kuba. Es ist ein blühendes Parallel- oder Schattenwirtschaftssystem, das nach marktwirtschaftlichen Grundregeln von Angebot und Nachfrage funktioniert - legal oder halblegal auf den staatlichen und privaten Bauernmärkten sowie - illegal - als florierender Schwarzmarkt.

Eine tragende Rolle spielt dabei der organisierte Diebstahl und Verkauf öffentlichen Eigentums. Darüber erregt sich Eloy Gutierrez Menoyo, ein ehemaliger Revolutionsgefährte Fidel Castros, Ex-Comandante und heute Regimegegner:

"Die einen stehlen mit beiden Händen. Sie leben sehr gut. Andere stehlen mit einer Hand. Und leben gut. Wieder andere stehlen mit zwei, drei Fingern. Sie leben auch gut. Und was ist mit denen, die keine Möglichkeit zum Diebstahl haben? Sie stehen morgens auf und wissen nicht, ob sie mittags oder abends etwas zu essen haben."

Eloy Gutierrez Menoyo, der wegen eines Umsturzversuchs in den sechziger Jahren 22 Jahre im Gefängnis saß, ist der einzige Oppositionelle, den Fidel Castro je zu einem mehrstündigen Gespräch empfangen hat. Seine Beschreibung ist eine drastische Zuspitzung der Zustände. Sie sind das Resultat der von Fidel Castro persönlich veranlassten unsinnigen und kontraproduktiven Einschränkungen und Verbote beruflicher Selbstständigkeit. Es gibt zwar neben den etwa 150.000 Kleinbauern knapp über 150.000 Ein-Mann-Betriebe - vor allem in den Bereichen Tourismus und Handwerk. Die restriktiven Zulassungsbedingungen drängen viele andere jedoch in die Illegalität. Alle sind sie der Willkür bisweilen korrupter Aufsichtspersonen ausgeliefert.

"Hinter jedem Verbot taucht irgendein Delikt auf, Korruption oder Bestechung. Daher war das damals keine gute Lösung. Heute machen uns diese Dinge mit am meisten Sorgen."

Diese Schattenwirtschaft hat unter der Oberfläche des staatswirtschaftlichen System längst so tiefe Wurzeln geschlagen und sich so ausgebreitet, wie der Marabú, jenes meterhohe Dornengestrüpp, welches im ganzen Land die brachliegenden Äcker und Wiesen überwuchert.

Während man den Wurzeln des Marabú mit Spezialmaschinen und chemischen Keulen zu Leibe rücken will, schwant den Ökonomen um Raúl Castro, dass die Schattenwirtschaft nur einzudämmen ist, indem sie aus der Illegalität befreit wird. Dann wäre man bald beim chinesischen Modell angelangt, einer Art kommunistischem Kapitalismus. Vielleicht ist dies auch das Ziel des jetzt eingeschlagenen Weges.