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Warten auf Zuckerberg

Viele Fechttrainer wanderten nach dem Ende des Kalten Kriegs von Osteuropa in die USA aus. Sie und eine erstaunliche Zahl ehrgeiziger Talente haben die Vereinigten Staaten zu Goldmedaillenanwärtern gemacht. Auch ohne Geld von Sponsoren oder vom Staat.

Von Jürgen Kalwa |
    Es gehört zu den kleinen Geheimnissen einer großen Stadt, dass man mitten drin einfach aus der U-Bahn aussteigen kann und tatsächlich nur ein paar Schritte gehen muss, um hinter der Fassade eines unauffälligen Bürogebäudes eine moderne Medaillenschmiede zu finden.

    Es gehört zu den kleinen Geheimnissen einer großen Stadt, dass man mitten drin einfach aus der U-Bahn aussteigen kann und tatsächlich nur ein paar Schritte gehen muss, um hinter der Fassade eines unauffälligen Bürogebäudes eine moderne Medaillenschmiede zu finden.

    ""Ready? Fence. Retire pose. 10:6. Ready? Fence....”"

    Es ist Nachmittag im Manhattan Fencing Center, ein großer, heller, aber schmuckloser Saal. Und Tim Morehouse, Silbermedaillengewinner 2008 im Säbel-Mannschaftswettbewerb, dirigiert ein Trainingsgefecht als Obmann.

    Morehouse ist 33 Jahre alt und so etwas wie eine Symbolfigur. Für eine Erfolgsgeschichte, die kaum jemand in den USA je für möglich gehalten hätte:

    ""In den letzten 15 bis 20 Jahren sind viele Trainer aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen. Sie haben die Ziele neu formuliert. Als ich jung war, hieß es: Das Größte, was wir erreichen können, ist die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Dann kam der Stimmungswechsel. Weshalb sollten wir nicht Medaillen – Goldmedaillen – gewinnen können? Wir haben talentierte Sportler. Wir haben talentierte Trainer.”"

    Einer dieser Trainer, die nach dem Ende des Kalten Krieges ihre Heimat verließen und in die USA auswanderten, ist Juri Gelman. Er kam aus Kiew nach New York und hat das Manhattan Fencing Center gegründet. Er hat viel zu tun. So arbeitet er neben der amerikanischen Säbelnationalmannschaft mit den Studenten der Universität St. John’s im New Yorker Stadtteil Queens. Colleges bieten in den USA wie in anderen olympischen Disziplinen auch zumindest der Altergsruppe der 18- bis 22-jährigen eine gute sportliche Plattform.

    Gelman und seine mehr als 300 Kollegen aus Osteuropa, aus einem streng hierarchisch organisierten System, haben nicht nur das amerikanische Fechten verändert. Die generelle Haltung junger Menschen in diesem Land gegenüber Autorität und Unterordnung hat umgekehrt auch die Einwanderer beeinflusst.

    ""Americans don’t like it when they get orders. It is supposed to be different. So I am now much different than I was 20 years ago. Still once in a while I can be very, very strict.”"

    Er kann durchaus noch immer sehr, sehr strikt sein, sagt Gelman. Aber in einem Punkt trafen sich die beiden Mentalitäten dann doch. Amerikaner betrachten Leistungssport nicht als reinen Spaß an der Freude. Sie haben Ehrgeiz. Gewinnen ist alles.

    ""Als ich hierher kam, war kein Amerikaner im Säbel in der Lage, bei internationalen Wettkämpfen auch nur in die Top 32 zu kommen. Für sie war die Reise zu den Weltmeisterschaften so etwas wie Ferien. Ich habe das komplett geändert. Ich habe gesagt, ich fahre nur, wenn wir gewinnen wollen. Verlieren finde ich beschämend.”"

    Das musste der zweifachen Goldmedaillengewinnerin Marial Zagunis niemand erklären. Sie gewann nicht nur in Athen Gold im Säbel, damals als Außenseiterin, sondern bestätigte dies mit ihrem Sieg 2008 in Peking, als gleich drei Amerikanerinnen die Medaillen unter sich ausmachten. US-Fechter hatten hundert Jahre lang keinen olympischen Wettbewerb gewonnen. 2009 und 2010 wurde Zagunis Weltmeisterin. Die 27-jährige Tochter zweier Ruderer, die 1976 in Montreal für die USA an den Start gingen, wuchs in Oregon an der amerikanischen Westküste auf und wurde von Anbeginn an vom Polen Edward Korfanty trainiert. In London tritt sie als Favoritin an.

    ""Ich bin froh, dass die amerikanischen Fechter eine Rolle spielen in der Welt. Ich und meine Mannschaftskameraden haben jahrelang viel Arbeit investiert. Und die zahlt sich aus.”"

    Auszahlen jedoch vor allem im übertragenen Sinne. Denn Geld verdienen kann man auf diese Weise nicht. Amerikanische Spitzenfechter, sagt Gelman, müssen rund 20.000 Dollar im Jahr aufbringen, um die Kosten für Training und die vielen Reisen zu den Wettkämpfen hauptsächlich in Europa zu finanzieren. Ohne Sponsorenhilfe und ohne staatliche Subventionen. Man braucht wohlhabende Eltern und später Stipendien von den Universitäten. Und man muss anschließend arbeiten gehen, nur um seinen Sport betreiben zu können. Aber genau darin scheint eines der Geheimnisse für den internationalen Erfolg der Besten zu liegen. Etwas, was Gelman so erklärt:

    ""Amerikanische Fechter stehen nicht unter finanziellem Druck. Wie Russen, Weiß-Russen oder Ukrainer. Die werden reich, wenn sie gewinnen. Und sie bekommen gar nichts, wenn sie verlieren. Unsere Fechter sind viel entspannter, weil sie nichts verdienen können. Es gibt kein Preisgeld. Das ist reine Liebe zum Fechten und dass sie später mal ihren Kindern oder Enkeln sagen können. ‘Ich war bei den Olympischen Spielen. Ich habe eine Medaille gewonnen.‘ Das ist psychologisch wichtig. Das ist ein riesiger Vorteil.”"

    Vielleicht. Aber auf Dauer wird diese Konzentration auf das Wesentliche, vor allem auf taktisches und technisches Können, nicht reichen. Tim Morehouse nennt einen Namen, der gut und gerne als potenzieller Gönner in Frage käme. Ein Name, mit dem sich viele Wunschträume verbinden lassen.

    ""Wir haben in den USA eine Menge unangezapfter Quellen. Wir versuchen Mark Zuckerberg und solche Leute zu interessieren.”"

    Mark Zuckerberg – das ist niemand anderer als der schwerreiche Gründer und Chef der Internetfirma Facebook. Der hatte einst an seiner Schule in einem Vorort von New York gefochten. Sein Foto – mit Waffe – hängt bereits im Manhattan Fencing Center an der Pinnwand. Nun müsste er nur noch persönlich erscheinen.