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Warum ich euch belogen habe

Mit einem dreifarbigen Paar Lackschuhe in einem neu eröffneten Schuhgeschäft " ^ hatte alles angefangen. Julijana Matanovic´ entdeckte sie eines Tages auf ihrem Weg zur Arbeit an der Universität in Zagreb. Beseelt von dem Wunsch, diese Schuhe zu kaufen, schwärmte die Literaturwissenschaftlerin einem Kollegen von ihrem aufregenden Fund vor. Dieser, ein Redakteur des kroatischen Rundfunks, forderte sie auf, einen Radiobeitrag über ihre modischen Obsessionen zu produzieren. Julijana Matanovic' schrieb über ihre Schuhleidenschaft, kaufte sich von dem Sendehonorar die ersehnten Schuhe und legte damit den Grundstein zu ihrem autobiographischen Romandebüt "Warum ich euch belogen habe."

Beate Berger | 21.02.2001

Wer glaubt, dass Lebensgeschichten, insbesondere die schwierigen, nicht auch in unseren Kleidern und Schuhen stecken bleiben, der wird in diesem Buch eines Besseren belehrt. Die 1959 in Slawonien geborene Schriftstellerin kramt in ihrer Erinnerung - sie nennt es "Kleidergedächtnis" - wie in einem alten Schrank. Anhand von wohl gehüteten Erinnerungsstücken holt sie in zwölf Kapiteln ihre Biographie zutage. Immer sind es Äußerlichkeiten wie Kleidungsstücke oder Gegenstände, die ihre Erinnerungen in Gang setzen. Dass sie ihrer Schuh-Biographie dabei eine besondere Bedeutung beimisst, hat vielleicht auch mit der Tatsache zu tun, dass sie in ihrer Kindheit unsäglich viele schwierige Wege zurückzulegen hatte, für die sie nur notdürftig ausgestattet gewesen ist. Nicht einmal für einen Märchenprinzen wollte sie - damals wie heute - auch nur einen einzigen Traumschuh opfern: "Selbst wenn ein Prinz in meinem Leben erschienen wäre," erinnert sie sich, "hätte es immer etwas gegeben, das mir den Weg zu seiner Hand versperrt hätte. In der entscheidenden Nacht, wenn sich die Droschke in einen Kürbis verwandelt und die Prinzessin zum Aschenputtel wird, wäre ich niemals bereit gewesen, seinetwegen einen goldenen Schuh zu opfern. Aus Angst, ihn zu verlieren, hätte ich mitten im Tanz innegehalten, meinen Halbschwestern in die Augen gesehen und auf den Gongschlag gewartet, damit man mich erkannte."

Julijana Matanovic' erzählt aus der Perspektive eines Kindes, besser gesagt, sie begleitet als Erwachsene das Mädchen, das sie einmal gewesen ist, zu den Orten und Themen ihrer Kindheit. Aus dieser Doppelung heraus erklärt sich Matanovic's spezifischer Erzählton. Schalkhafte Ironie und leise Melancholie liegen dicht beieinander. Vieles ist zum Lachen und zum Weinen gleichzeitig. Während die Autorin skurrile Geschichten über Pullover, Röcke, Kleider, Mäntel und Schuhe erzählt, webt sie wie beiläufig zeitgeschichtliche Spuren und das seelische Grundmuster ihrer Kindheit hinein: Als Dreijährige wird sie von ihren geschiedenen Eltern bei nahen Verwandten untergebracht. Onkel und Tante adoptieren das Kind und ziehen es groß wie eine eigene Tochter. Die Tante, ein respekteinflößendes Allroundtalent, bringt der Kleinen - bisweilen mit unsanfter Härte - die Grundlektionen der Lebenstüchtigkeit bei. Der Onkel hingegen ist sanftmütig, geduldig und liebt Julijana bedingungslos vom ersten Moment an. Er, der Schriftsteller, ist es auch, der ihre Phantasie fördert, der ihr Selbstvertrauen vermittelt und nicht zuletzt auch die Liebe zur Literatur. Erst an seinem Sterbebett wagt sie es, ihn "Vater" zu nennen, die größte Unwahrheit ihres Lebens, aber eine, die sie niemals bereuen musste. Mit ihm, das heißt mit seinem dunkelblauen Nylonmantel, den er bei ihrer ersten Begegnung trug, setzt ihre Erinnerung ein, ihr "Kleidergedächtnis" "Ich erinnere mich nicht," schreibt sie,"dass mich bis dahin, und später geschah es nur noch ein einziges Mal, jemand so leicht in die Höhe gehoben hatte, wie es der Nylonmantel auf dem Bahnhoftat."

"Warum ich euch belogen habe" wurde von der kroatischen Leserschaft überschwänglich aufgenommen. Kritiker wie Leser reagierten geradezu euphorisch auf diese literarische Entdeckung der späten 90er Jahre. Mit Sicherheit liegt das am erzählerischen Raffinement der Autorin. Sie überträgt sehr oft die Struktur eines vertrauten Schwätzchens, das assoziative Vom-Hölzchen-Aufs-Stöckchen-Kommen ins Literarische. Ihre Sätze schweifen durch geschickte Einschübe oft ab zu anderen Geschichten, bevor dann der ursprüngliche Gedanke wieder aufgenommen und weiter verfolgt wird. Julijana Matanovic erzählt voller Wärme und Lebensklugheit vom seelischen Überleben in schwierigen Zeiten. Und davon, dass die menschliche Sehnsucht nach Schönheit und Liebe selbst unter ungünstigsten Bedingungen virulent bleibt. Beides könnte den unerwarteten und immensen Erfolg des Buches in ihrer krisengeschüttelten Heimat erklären. Sie selbst schreibt ihr Erzähltalent ihren kleinen Schönheitsfehlern zu. Ihre üppigen Waden, ihre zu dicken Haare oder ihre auseinander stehenden Schneidezähne beispielsweise haben offenbar unmittelbar mit ihrer Freude am Erzählen zu tun. Von solchen, mit denen die Natur so spielt wie mit mir," gesteht sie, "behaupten böswillige Kommentatoren, sie neigten zur Erfindung von Geschichten. Jetzt ist mir klar, warum ich froh bin, dass ich das Beweismaterial aufbewahrt habe und deshalb in der Lage bin, Analysen über die komplizierten Beziehungen zwischen Leben und Literatur durchzuführen. Danach erscheinen einem die seriösen literaturtheoretischen, meist übersetzten Fachbücher wie Kinderbücher.