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Warum nicht Zwanzig-Eins statt Einundzwanzig?

Das deutsche Zahlenaussprechsystem ist ja ein bisschen eigenartig, wenn man es mit Systemen in anderen Sprachen vergleicht. Und dann stellt man dann irgendwann doch die Frage, woher kommt das.

Von Andrea Groß | 19.01.2004
    Lothar Gerritzen, Mathematikprofessor an der Bochumer Ruhr-Universität ist kein Umstürzler. Er ist ein freundlicher, väterlicher Mann, von dem man sich nicht vorstellen kann, dass er die Bitte eines Studenten um Fristverlängerung für die Hausarbeit abschlägt. Gerritzen findet allerdings, dass das deutsche Zahlenaussprechsystem ein bisschen altmodisch ist. Es ist ein Relikt aus der Zeit, in der die Römer in Europa das Sagen hatten und Tausender, Hunderter und Zehner in Ms, Cs und Xen niederschrieben. Das ist mehr als 500 Jahre her. Danach traten die arabischen Zahlen ihren Siegeszug an.

    In Deutschland hat damals Adam Riese 1522 ein Rechenbuch geschrieben, in dem er den Deutschen das Rechnen mit diesen neuen Ziffern beigebracht hat.

    In anderen Ländern stand man vor dem gleichen Problem. Auch in England sagte man damals one-twenty, wenn man römisch XXI meinte.

    Nun hat sich in diesen Ländern aber eine Entwicklung vollzogen, in den nächsten 200 Jahren und man hat die Zahlenaussprechweise umgestellt. Ende des 17. Jahrhunderts war das in England schon die gebräuchliche Aussprache.

    Konsequent waren allerdings weder die Angelsachsen noch die Nachfahren der Römer bis heute. Vor den Zwanzigern zählen die Engländer auch heute noch von hinten nach vorne: Thirteen, fourteen, fifteen, statt zehn-drei, zehn-vier, zehn-fünf und so weiter. Die Italiener zählen genauso: tredici, quattordici, bevor sie endlich bei sechzehn zu dicasei, dicasette – zehnsechs, zehnsieben – kommen. Und das ist nicht alles. Bei Zahlensprechsystemen wird in Europa auch munter subtrahiert, multipliziert und gar dividiert.

    Eine Umstellung wäre auch da eigentlich sinnvoll, aber das wäre ein großes Unterfangen, in all diesen Sprachen eine Vereinheitlichung herzustellen und an so etwas kann man erst mal nicht denken.

    Heinz Menge ist Professor für Sprachwissenschaft an der Uni Bochum. Er hat Bedenken, was die Umstellung angeht. Und die sind ganz praktischer Art

    Wer soll das anordnen? Soll das Parlament ein Gesetz verabschieden, oder soll das per Verordnung durch verschiedene Ministerien passieren? Also ich wüsste nicht, wer in Deutschland die Kompetenz hat, so einen auf theoretischer Ebene sehr sinnvollen Vorschlag umzusetzen.

    In England geschah diese Umstellung freiwillig und wahrscheinlich über einen langen Zeitraum. Genaue Quellen gibt es nicht, so der Sprachwissenschaftler, weil in Schriften aus dieser Zeit ja meistens die Ziffern angegeben waren. In Norwegen dagegen ist eine Umstellung vor fünfzig Jahren durch das Parlament verordnet worden. Heute existieren hier zwei Zahlenaussprechsysteme artig nebeneinander.

    Im offiziellen Leben, also in der Schule, im Geschäftsleben und so weiter, da verwendet man das neue System, ich sag mal zwanzig-eins, und im Privatleben weiterhin das alte.

    Bei aller Skepsis ist Sprachwissenschafter Heinz Menge aber auch neugierig, ob und wie ein verändertes Zahlensprechsystem in der deutschen Sprache funktionieren würde. Die meisten Menschen, das hat eine Umfrage ergeben, teilen weder seine Neugier, noch die Begeisterung des Mathematikprofessors Lothar Gerritzen.

    An sich ist es mir egal. Einfacher wär es schon. Nur weil es so in Deutschland ist, wie mit der Rechtschreib-Form, gibt es nur Probleme.

    Man müsste sich wieder umgewöhnen, genau wie mit der Schreibweise jetzt, im Deutschen, die Rechtschreib-Reform. Also sollte so bleiben, wie es bisher war.

    Ich find's eigentlich nicht gut. Ich denke, wir sollten unsere deutsche Sprache schon noch ein bisschen behalten. Wir haben uns jetzt so dran gewöhnt. Kann ja sein, dass es für unsere Kinder einfacher ist, aber ich persönlich befürworte das eigentlich nicht.

    Das halte ich für völligen Blödsinn, sich allen Sachen anzupassen, die im Ausland vielleicht so gesprochen werden, nur damit man international auf dem gleichen Nenner ist.