
Warum erwartet die Bundesregierung ein deutlich höheres Wachstum?
Die Bundesregierung hat ihre Wachstumsprojektion für 2026 von 0,5 auf 1,3 Prozent angehoben. Der Hauptgrund ist jedoch keine überraschende Stärke der Privatwirtschaft, sondern ein kräftiger staatlicher Konjunkturimpuls. Wachstsumtreiber sind die zusätzlichen Ausgaben etwa für für Verteidigung und Infrastruktur, die mit neuen Schulden finanziert werden. 2028 soll die deutsche Wirtschaft dann um nur noch 0,6 Prozent wachsen.
Hinzu kommen Sonderfaktoren im Außenhandel. Deutsche Unternehmen profitieren zeitweise von globalen Lieferengpässen infolge des Nahostkonflikts. Internationale Kunden stocken ihre Lagerbestände auf und kaufen verstärkt energieintensive Vorprodukte aus Deutschland.
Es gibt aber auch einen statistischen Sondereffekt: Dieses Jahr hat ungewöhnlich viele zusätzliche Arbeitstage, die dadurch entstehen, dass relativ viele gesetzliche Feiertage auf Wochenenden fallen. Wenn man die Abweichungen unter den Bundesländern berücksichtigt. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums erklären diese rund 0,3 Prozentpunkte des erwarteten Wirtschaftswachstums.
Welche Rolle spielt die veränderte Projektion für die öffentlichen Finanzen?
Laut Wirtschaftsministerium dient die Herbstprojektion als Grundlage für die Steuerschätzung sowie die Haushaltsplanungen der Gebietskörperschaften und der Sozialversicherungen. Die Annahmen haben also erhebliche Folgen für geplante Ausgaben und Einnahmen.
Welche Stellenwert haben etwa Annahmen zur Sicherheitspolitik, Kriege und Rohstoffpreise?
Die Sicherheitspolitik ist inzwischen zu einem wichtigen Konjunkturfaktor geworden. Das sogenannte Sondervermögen für die Bundeswehr und höhere Verteidigungsausgaben sorgen für zusätzliche Nachfrage bei Industrieunternehmen, Zulieferern und im Baugewerbe. Die Aufrüstung wirkt damit ähnlich wie ein klassisches staatliches Investitionsprogramm.
Gleichzeitig bleibt die geopolitische Lage ein erhebliches Risiko. Die Bundesregierung verweist ausdrücklich auf die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine als zentrale Unsicherheitsfaktoren. Beide Konflikte beeinflussen Energie- und Rohstoffpreise sowie internationale Lieferketten.
Ist das Wachstum nachhaltig?
Wirtschaftsministerin Reiche spricht ausdrücklich davon, dass das Wachstum noch nicht "selbsttragend" sei. Es gibt dafür mehrere Gründe: Der Staat wächst deutlich stärker als die Privatwirtschaft. Der Privatkonsum legt trotz steigender Reallöhne nur schwach zu. Die privaten Investitionen bleiben verhalten. Der Exportaufschwung basiert teilweise auf Sondereffekten. Die Wachstumszahlen deuten daher eher auf eine Erholung als auf einen nachhaltigen Boom hin.
Welche Gefahren sehen Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften?
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer bewertet die Entwicklung zurückhaltender. Hauptgeschäftsführerin Melnikov spricht von einem "teuer erkauften Aufschwung". Der Außenwirtschaftschef Volker Treier verweist zudem auf die bereits wieder schwächeren Exportzahlen im August und warnt vor handelspolitischen Unsicherheiten sowie Standortnachteilen.
Der Verband der Familienunternehmer warnt vor übertriebenem Optimismus. Präsidentin Ostermann sieht trotz der besseren Konjunkturdaten weiterhin die Gefahren wie etwa hohe Kosten, Bürokratie und schwache Investitionstätigkeit.
Eine offizielle Reaktion des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) lag zunächst nicht vor. Aus früheren wirtschaftspolitischen Stellungnahmen lässt sich jedoch ableiten, dass der DGB die wachstumsfördernde Wirkung öffentlicher Investitionen in Infrastruktur und Industrie grundsätzlich positiv bewertet.
Diese Nachricht wurde am 08.10.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.










