Frankreichs Innenminister Nicolas Sarkozy wünschte vor Tagen, dass keine Zahlen mehr über brennende Autos in den Vorstädten publik gemacht werden. Ein Teil der hiesigen Medien, das staatliche wie private Fernsehen zumeist, folgte dem Wunsch. Auch so kann man Brände löschen, indem man nicht mehr hinschaut… Und tatsächlich, so vermelden heute morgen die Zeitungen, scheint sich der Aufstand in den Banlieues zu erschöpfen. Keine besonderen Vorkommnisse werden aus der vergangenen Nacht vermeldet.
Besondere Vorkommnisse, so stellt man etwas verwundert fest, lassen sich auch nicht aus den Reihen der französischen Intellektuellen vermelden, die doch sonst, wenn’s irgendwo brennt auf der großen weiten Welt, stets mit Petitionen, Deutungen, Dringlichkeitsappellen zur Stelle sind. Was sich in den vergangenen drei Wochen in den französischen Vorstädten abgespielt hat, zeichnete sich seit langem schon ab, ist seit langem schon befürchtet worden. Es war ein Schwelbrand – immerhin brennen, über ein « normales » Jahr verteilt, in Frankreich durchschnittlich 30.000 Autos – ein Schwelbrand, der nun plötzlich aufzüngelte. Und trotzdem hat es fast allen die Sprache verschlagen. Man überließ in den Zeitungen den Spezialisten für gesellschaftliche Klein- und Drecksarbeit, den Sozialpsycholgen und Sozialarbeiter oder den Lehrern und manchmal ausnahmsweise auch einem Soziologen wie Alain Touraine das Wort. Offenbar entzieht sich das zerstörerische, und oftmals auch selbstzerstörerische Treiben jugendlicher Randalierer aus den tristen Wohnsilos der Vorstädte allen herkömmlochen Deutungsmustern von gesellschaftlichem Protest.
"Die können nicht einmal mit dem Begriff der Klasse etwas anfangen", meinte, sichtlich überfordert, ein kommunistischer Abgeordneter aus der Pariser Banlieue, der mal wieder bei Marx nachgeschlagen hatte. Gar von "Nihilismus" sprach, angesichts brennender Kindergärten, in die ihre kleinen Brüder und Schwestern gehen, und brennender Autos, die den Brandstiftern selbst oder ihren Nachbarn gehörten, der ebenfalls etwas ratlose Philosoph André Glucksmann. Die Malaise, die Hilflosigkeit, zeigte – und zeigt – sich auch bei der Wortwahl für die Übeltäter. "Jugendliche" sagen die einen, Innenminister Sarkozy redet lieber von Delinquenten, Verbrechern, Gesindel. Andere bemühen sich um etwas mehr Präzision und reden von jungen Franzosen meist maghrebinischer oder schwarzafrikanischer Herkunft, die in der zweiten oder dritten Generationen von Einwanderern aus den ehemaligen Kolonien abstammen.
Und genau hier liegt das Problem: Das Verhältnis der weißen Franzosen zu dieser Bevölkerungsgruppe ist nicht nur historisch stark belastet, es hat sich auch, im Zeichen eines internationalen, islamistischen Terrorismus, mit einem Misstrauen aufgeladen, das jeden unvoreingenommen Blick auf die Vorgänge in den Banlieues zu verstellen scheint. Keiner der Brandstifter hat von Islam gesprochen, die Religion ist den meisten unter ihnen auch herzlich egal. Aber eine verängstigte Mehrheit von Franzosen stellt den Bezug stillschweigend her. Dies zeigt sich beispielhaft an der Stellungnahme des Schnelldenkers Alain Finkielkraut, der noch am vergangenen Dienstag im « Figaro » von "antirepublikanischen Pogromen" in den Vorstädten sprach, nachdem er im Frühjahr schon "antiweißen Rassismus" bei den gewalttätigen "Banlieusards" konstatiert haben wollte. Er beschuldigt die "Bobos Ecolos", das sind die bürgerlichen Wähler der französischen Grünen in den besseren Wohnvierteln von Paris, der Sympathien mit den Randalierern, Sympathien, die aus schlechtem Gewissen gegenüber den Randständigen der Gesellschaft genährt seien. "Wâren die Randalierer Weiße wie damals, nach der deutschen Wiedervereinigung in Rostock, dann hätten alle längst den Skandal beschrien", sagt Finkielkraut.
Mit seiner Wortwahl und seinen Unterstellungen berührt er sich da bereits mit der extremen Rechten. Aber ungeachtet solcher Entgleisungen belegen Finkielkrauts Sätze, dass in Frankreich jede Auseinandersetzung mit dieser offenbar unbekannten und also Angst einflössenden Population aus den Vorstädten ein Tanz auf den rohen Eiern vor Tabu und Ressentiment ist. Und diesen Tanz will zur Zeit kaum ein Intellektueller hierzulande wagen…
Besondere Vorkommnisse, so stellt man etwas verwundert fest, lassen sich auch nicht aus den Reihen der französischen Intellektuellen vermelden, die doch sonst, wenn’s irgendwo brennt auf der großen weiten Welt, stets mit Petitionen, Deutungen, Dringlichkeitsappellen zur Stelle sind. Was sich in den vergangenen drei Wochen in den französischen Vorstädten abgespielt hat, zeichnete sich seit langem schon ab, ist seit langem schon befürchtet worden. Es war ein Schwelbrand – immerhin brennen, über ein « normales » Jahr verteilt, in Frankreich durchschnittlich 30.000 Autos – ein Schwelbrand, der nun plötzlich aufzüngelte. Und trotzdem hat es fast allen die Sprache verschlagen. Man überließ in den Zeitungen den Spezialisten für gesellschaftliche Klein- und Drecksarbeit, den Sozialpsycholgen und Sozialarbeiter oder den Lehrern und manchmal ausnahmsweise auch einem Soziologen wie Alain Touraine das Wort. Offenbar entzieht sich das zerstörerische, und oftmals auch selbstzerstörerische Treiben jugendlicher Randalierer aus den tristen Wohnsilos der Vorstädte allen herkömmlochen Deutungsmustern von gesellschaftlichem Protest.
"Die können nicht einmal mit dem Begriff der Klasse etwas anfangen", meinte, sichtlich überfordert, ein kommunistischer Abgeordneter aus der Pariser Banlieue, der mal wieder bei Marx nachgeschlagen hatte. Gar von "Nihilismus" sprach, angesichts brennender Kindergärten, in die ihre kleinen Brüder und Schwestern gehen, und brennender Autos, die den Brandstiftern selbst oder ihren Nachbarn gehörten, der ebenfalls etwas ratlose Philosoph André Glucksmann. Die Malaise, die Hilflosigkeit, zeigte – und zeigt – sich auch bei der Wortwahl für die Übeltäter. "Jugendliche" sagen die einen, Innenminister Sarkozy redet lieber von Delinquenten, Verbrechern, Gesindel. Andere bemühen sich um etwas mehr Präzision und reden von jungen Franzosen meist maghrebinischer oder schwarzafrikanischer Herkunft, die in der zweiten oder dritten Generationen von Einwanderern aus den ehemaligen Kolonien abstammen.
Und genau hier liegt das Problem: Das Verhältnis der weißen Franzosen zu dieser Bevölkerungsgruppe ist nicht nur historisch stark belastet, es hat sich auch, im Zeichen eines internationalen, islamistischen Terrorismus, mit einem Misstrauen aufgeladen, das jeden unvoreingenommen Blick auf die Vorgänge in den Banlieues zu verstellen scheint. Keiner der Brandstifter hat von Islam gesprochen, die Religion ist den meisten unter ihnen auch herzlich egal. Aber eine verängstigte Mehrheit von Franzosen stellt den Bezug stillschweigend her. Dies zeigt sich beispielhaft an der Stellungnahme des Schnelldenkers Alain Finkielkraut, der noch am vergangenen Dienstag im « Figaro » von "antirepublikanischen Pogromen" in den Vorstädten sprach, nachdem er im Frühjahr schon "antiweißen Rassismus" bei den gewalttätigen "Banlieusards" konstatiert haben wollte. Er beschuldigt die "Bobos Ecolos", das sind die bürgerlichen Wähler der französischen Grünen in den besseren Wohnvierteln von Paris, der Sympathien mit den Randalierern, Sympathien, die aus schlechtem Gewissen gegenüber den Randständigen der Gesellschaft genährt seien. "Wâren die Randalierer Weiße wie damals, nach der deutschen Wiedervereinigung in Rostock, dann hätten alle längst den Skandal beschrien", sagt Finkielkraut.
Mit seiner Wortwahl und seinen Unterstellungen berührt er sich da bereits mit der extremen Rechten. Aber ungeachtet solcher Entgleisungen belegen Finkielkrauts Sätze, dass in Frankreich jede Auseinandersetzung mit dieser offenbar unbekannten und also Angst einflössenden Population aus den Vorstädten ein Tanz auf den rohen Eiern vor Tabu und Ressentiment ist. Und diesen Tanz will zur Zeit kaum ein Intellektueller hierzulande wagen…