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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWarum Wachstum nicht glücklich macht06.05.2010

Warum Wachstum nicht glücklich macht

Neue Messgrößen für gesellschaftliche Wohlfahrt

Vor den Wirtschaftswachstumszahlen erstarren Politiker, Gewerkschafter und Arbeitgebervertreter gleichermaßen. Doch was heißt Wirtschaftswachstum? Was drückt diese vierteljährlich als Schicksalszahl verkündete Ziffer eigentlich aus?

Von Robert B. Fishman

Das Bruttoinlandsprodukt sagt nichts über das Wohlergehen eines Landes aus. (Stock.XCHNG - Carl Dwyer)
Das Bruttoinlandsprodukt sagt nichts über das Wohlergehen eines Landes aus. (Stock.XCHNG - Carl Dwyer)

Wirtschaftswachstum ist das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, also der Zuwachs aller in einem Jahr in einer Volkswirtschaft produzierten Güter und Dienstleistungen. Bis in die 90er-Jahre wurde die Wirtschaftsleistung anhand des Bruttosozialprodukts gemessen. Dies beinhaltet im Gegensatz zum Bruttoinlandsprodukt BIP auch Einkünfte, die Inländer im Ausland erzielen. Das BIP zählt andererseits auch die Aktivitäten ausländischer Unternehmen im Inland mit.

Wer produziert, trägt zum Wachstum des Bruttoinlandsprodukts und des Bruttosozialprodukts und somit zum Wirtschaftswachstum bei. Was dabei herauskommt, ist fast egal. Müll zählt auch. Die Verbraucher kaufen Waren, packen sie aus und stopfen die Verpackung in die Tonne. Nach Gebrauch landet auch das Gekaufte oft im Müll. Ein Entsorgungsunternehmen holt dann alles ab und verdient damit Geld. Die Erträge des Müllsammlers fließen ins Bruttoinlandsprodukt ein: Wirtschaftswachstum durch Verschwendung – oder sogar durch teure Fehlentscheidungen: Ein Unternehmen vergräbt zum Beispiel strahlenden Atommüll in einem Salzbergwerk wie der Asse in Niedersachsen. Der Staat beauftragt später ein anderes Unternehmen damit, die strahlenden Fässer für viel Geld - geschätzt sind bisher rund zwei Milliarden Euro - wieder herauszuholen. Und schon ist wieder das Bruttoinlandsprodukt gesteigert.

"Das Bruttoinlandsprodukt zeigt ja an, wie viele Güter und Dienstleistungen produziert werden in einer Volkswirtschaft und wie viel davon verkauft werden und das hat sich glaube ich inzwischen bei den meisten herumgesprochen, dass der Verkauf von Gütern und Dienstleistungen zwar wichtig ist für eine Volkswirtschaft, aber nicht glücklich macht. Also der eigentliche Wohlstand und die Wohlfahrt einer Gesellschaft hängen nicht alleine davon ab, wie leistungsfähig die Wirtschaft ist."

Weiß Dr. Philipp Schepelmann. Am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie arbeitet er an Vorschlägen, wie zumindest der Rohstoffverbrauch in unserer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung Berücksichtigung finden kann.

Die Option, die wir favorisieren, besteht darin, dass das Bruttosozialprodukt mit anderen Werten ins Verhältnis gesetzt wird. Zum Beispiel die Ressourcenproduktivität, wo wir uns ansehen, wie viele Güter und Dienstleistungen kann man mit einer Tonne Natur herstellen.

Damit wollen Schepelmann und seine Kollegen den Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Politik zeigen, wie wenig schonend wir mit den knappen Naturressourcen wie Luft, Wasser und Rohstoffen umgehen:

"Faktor fünf ist schon mal ein guter Anhaltspunkt. Das zeigt, dass tatsächlich fünf Mal weniger Ressourcen beansprucht werden müssten, um denselben Wohlstand zu garantieren. Wir haben das auch einmal für die gesamte Europäische Union untersucht und haben gemerkt, dass in vielen Staaten, vor allem in Mittel und Osteuropa enorme Mengen an Ressourcen einfach verschwendet werden."

Dass das Bruttoinlandsprodukt nichts über das Wohlergehen eines Landes aussagt, wusste schon 1934 sein Erfinder Simon Kuznets. Dennoch haben sich das Bruttoinlandsprodukt und sein Wachstum als Maßstab für den Erfolg einer Volkswirtschaft durchgesetzt. Es ist ja auch schön einfach: eine Zahl, die alles sagt – scheinbar. Die Welt bewundert zum Beispiel China für seine Wachstumsraten von bis zu zwölf Prozent. Doch wer weiß schon, dass das Land jedes Jahr rund ein Drittel seines Wachstums dafür ausgeben muss, dass die schlimmsten Umweltschäden seines Wirtschaftens beseitigt werden.

Das Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP, sagt auch nichts über die Verteilung von Einkommen, Vermögen und Zuwächsen, also nichts über das Maß sozialer Gerechtigkeit in einer Gesellschaft. Auch ehrenamtliches Engagement, die unbezahlt geleistete Hausarbeit, Kindererziehung oder die unbezahlte Pflege alter und kranker Angehöriger zuhause erfasst das BIP nicht.

Inzwischen haben viele Politiker begriffen, dass Wirtschaftswachstum allein ihre Länder nicht glücklich macht. Im Februar haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy beschlossen, eine neue volkswirtschaftliche Gesamtrechnung in Auftrag zu geben. Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem Videopodcast vom 6. Februar:

"Das 21. Jahrhundert wird von uns verlangen, dass wir in neuer Form über Wachstum nachdenken. Es geht nicht nur um die klassischen, ökonomischen Wachstumsgrößen, sondern es geht um ein Wachstum, das nachhaltigen Wohlstand sichert. Dazu werden Größen wie die Sicherheit, die Lebensqualität, die Gesundheit und der nachhaltige Umgang mit Rohstoffen eine entscheidende Rolle spielen."

Keine neue Erkenntnis. Schon 1972 hat der Club of Rome nachgewiesen, dass wir mit unserer Wirtschaftsweise die Erde und damit unsere Lebensgrundlagen zerstören. Seither gab und gibt es viele Versuche, die Ergebnisse unseres Wirtschaftens so zu berechnen, dass Verbrauch und Zerstörung der Natur angemessen berücksichtigt werden.

Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat eine Kommission von Fachleuten unter der Leitung des Nobelpreisträgers Joseph Stigliz eingesetzt, die im Februar Vorschläge für eine neue volkswirtschaftliche Gesamtrechnung vorgelegt hat. Gleichzeitig arbeiten viele Wissenschaftler an Hochschulen, bei der Europäischen Union, dem Statistischen Bundesamt, den Vereinten Nationen oder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit OECD an ähnlichen Konzepten. Das Ziel: Möglichst in einem Index, also in einer Zahl, sollen Wirtschaftswachstum, soziale Gerechtigkeit, Einkommen der Privathaushalte, Staatsverschuldung, Zustand der Umwelt, Gesundheit, Bildung und weitere Faktoren der Lebensqualität ihren griffigen Ausdruck finden. Mit dem internationalen Vergleich dieser Daten ließen sich Politik und Wirtschaft ähnlich unter Druck setzen und lenken, wie heute mit dem reinen Wirtschaftswachstum.

Schon heute gibt es mehr als 20 verschiedene Indikatoren, die Lebensqualität und sogar Glück der Menschen in den verschiedenen Ländern mess- und vergleichbar machen wollen. Die Vereinten Nationen legen zum Beispiel regelmäßig ihren Human Development Index HDI, den Index menschlicher Entwicklung, vor. Darin fließen Lebenserwartung, Alphabetisierungsrate und Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner ein. Deutschland landete hier zuletzt auf dem 22. Platz. Daneben gibt es den von britischen Wissenschaftlern entwickelten Happy Planet Index, das Grüne BIP, das Umweltschäden vom Bruttoinlandsprodukt abzieht, den Nationalen Wohlfahrtsindex NWI des Heidelberger Wissenschaftlers Hans Dieffenbacher oder das aus 45 Umwelt- Sozial- und Wirtschaftsfaktoren gebildete QUARS.

Unbeantwortet bleibt die Frage, wie man die für das Wohlergehen der Menschen und ihres Lebensraums wesentlichen Faktoren in Euro und Cent umrechnen kann. Wie viel zum Beispiel "kostet" die Artenvielfalt und wie drücke ich den Wert der Rohstoffe unseres Planeten aus. Eine Tonne Nickel und ein Barrel Öl zum Preis von heute – oder zum Preis, den unsere Nachkommen einst dafür zahlen werden? Punktuell gibt es die Zahlen. Jede zusätzliche Tonne CO2 richtet nach Berechnungen des Umweltbundesamts zum Beispiel einen Schaden von 70 bis 150 Euro an. Andere haben ausgerechnet, dass der Raubbau an den Fischbeständen weltweit 100 Milliarden US-Dollar kostet und die Naturschutzgebiete der Erde 5,2 Billionen Dollar wert seien. Da verschwimmen die Grenzen zwischen Rechnen, Schätzen und Spekulieren.

Hinzu kommt ein weiteres Problem, das Ullrich Schoof von der Bertelsmann-Stiftung so erklärt:

"Da fehlt es also nicht nur im Bildungsbereich, sondern auch im Gesundheitsbereich zum Teil noch an der Datenlage, das ist das eine Problem. Das andere Problem, es liegt natürlich an der Komplexität, ein umfassendes Phänomen wie Wohlergehen, tatsächlich, was so viele Bereiche hat, zu erfassen und dann statistisch in einen Index und eine Zahl umzurechnen."

Schoof hat sich als Wirtschafts- und Politikwissenschaftler intensiv mit der Berechnung und mit dem Vergleich von Daten zu Wirtschaft und Wohlergehen in den verschiedenen Volkswirtschaften befasst. Jetzt arbeitet er an einem Index, der die Qualität von Bildung und lebenslangem Lernen international vergleichbar machen soll.

Die Zukunft der Wirtschaftsstatistik sieht er optimistisch:

"Die Wirkung wird wahrscheinlich ähnlich sein, dass man halt ein neues Orientierungssystem hat und was wird drin sein? Da wird es wahrscheinlich auch in die Richtung gehen, die die Sarkozy-Stigliz-Kommission vorgeschlagen hat oder auch der Canadian Index of Well Being, das ist demnächst mehreren Dimensionen geben wird, wahrscheinlich zwischen fünf und sieben oder zwischen fünf und acht, die dann auch mit der umfassen Gesundheit, Bildung, soziale Teilhabe, Zivilgesellschaft, gesellschaftliche Unsicherheit und andere Faktoren, die da im Moment auch genannt sind in der Diskussion."

In zehn Jahren, vielleicht auch in 15 könne es so weit sein.

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