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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWarum wir einander nicht verstehen22.11.2012

Warum wir einander nicht verstehen

Wissenschaftler untersuchen den schwierigen Dialog zwischen Europäern und Chinesen

Je näher der Westen und China wirtschaftlich und politisch rücken, desto deutlicher werden Verständnisgräben zwischen den Kulturen. Wie angesichts zusammenwachsender Welten ein produktiver Dialog geführt werden kann, damit beschäftigt sich eine internationale Forschungsgruppe an der FU Berlin.

Von Cornelius Wüllenkemper

Chinas Premier Wen Jiabao auf Abschiedstour in Brüssel (picture alliance / dpa/Olivier Hoslet)
Chinas Premier Wen Jiabao auf Abschiedstour in Brüssel (picture alliance / dpa/Olivier Hoslet)

Nach dem Zerfall des Blocksystems ist China innerhalb nur weniger Jahre zur Drehscheibe der Globalisierung geworden. Plötzlich stehen vormals streng getrennte Welten vor der Aufgabe, miteinander zu kommunizieren, Waren, Strategien und Ideen auszutauschen. Je näher der Westen und China wirtschaftlich und politisch miteinander kooperieren, um so deutlicher werden auch alte Verständnisgräben zwischen den Kulturen. Erschwert wird die Situation nicht zuletzt aufgrund der rasanten tief greifenden Veränderungen, die das chinesische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem in den vergangenen 30 Jahren durchlaufen hat. Die Einführung des Staatskapitalismus und die vorsichtige Öffnung des Regimes zu sozialstaatlichen, demokratischen und liberalen Reformen, hat die chinesische Gesellschaft in eine tiefe Mentalitätskrise geführt, meint der Lyriker und Regimekritiker Yang Lian:

"Das Bild, das sich der Westen von China macht, ist immer noch geprägt von den Vorstellungen aus dem Kalten Krieg. Wahrscheinlich sind die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in unserem Land nur ein kleiner Aspekt angesichts der fundamentalen kulturellen Umwälzungen der vergangenen Jahrzehnte. Wir haben uns nach Mao von einem totalitären, autokratischen System befreit. Aber wo gehen wir hin'
Die Intellektuellen im Westens sollten sich diese Frage auch über das System stellen, in dem sie aktuell leben."

Yang Lian ist ein Exempel der neuen liberalen Intellektuellen-Schicht Chinas: kritisch gegenüber den grundlegenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen, die das Land in den vergangenen drei Jahrzehnten durchlebte. Und ebenso kritisch gegenüber dem Westen als vermeintliches Vorbild für das ostasiatische Milliarden-Reich:

"Natürlich profitieren auch die westlichen Unternehmen in hohem Maße von der Politik der Kommunistischen Partei, von mangelnden Arbeiterrechten und Dumping-Löhnen. Das liegt in der Natur des Kapitalismus. Der Kapitalismus in China ist zynisch und widersprüchlich, und das geschieht sogar auf einer rechtlich gesicherten Grundlage. Nun müssen die chinesischen Intellektuellen, die sich mit den Missständen innerhalb Chinas beschäftigen, erkennen, dass es sich vor allem um ein globales Problem handelt."

Intellektuelle, Künstler und Wissenschaftler aus Deutschland und China versuchen sich immer intensiver an der Frage "Warum wir einander nicht verstehen". Um sie zu beantworten, müssen nicht nur grundlegende kulturelle und Mentalitätsunterschiede, unterschiedliche Auffassungen von Freiheit, Individuum, Gesellschaft, Selbstentfaltung und Hierarchie einbezogen werden. Eine große Rolle spielen auch fundamentale Differenzen zwischen der Selbst- und der Außenwahrnehmung zwischen Europa und China. Am Institut für Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin beschäftigt sich seit 2011 eine internationale Gruppe von Nachwuchsforschern mit den Schwierigkeiten der Wertevermittlung zwischen den EU-Staaten und Asien. Politische Ziele und Wertvorstellungen des Westens aber auch der Statuts der Europäischen Union als Machtpol werden durch eine Reihe von Filterfaktoren in Asien völlig unterschiedlich interpretiert, sagt Dr. May-Britt Stumbau, Leiterin der Forschungsgruppe "Asian Perceptions oft the EU":

"Die Diskussion innerhalb der EU in den letzten Jahren war sehr stark darauf bezogen, welche Identität hat die EU' Ist die EU ein normativer Akteur, verbreitet sie ihre Normen in der Welt, oder ist sie eine Zivilmacht' Auf der asiatischen Seite wird die gleiche Diskussion geführt, von EU-Experten dort, aber da geht es nicht um die Identität, sondern es geht um capabilities – welche Fähigkeiten hat die EU, welche Erfolge kann sie erzielen' "Normative Macht" wird als Neoimperialismus gesehen. "Zivilmacht" wie einfach als schwach gesehen. Die Europäer sind einfach zu schwach, deswegen sind sie Zivilmacht. Und die Europäer sagen: wir sind Zivilmacht, weil wir fortgeschritten sind in unserem Erleuchtungsprozess."

Europa versteht sich als Akteur, der globalpolitische und strategische Ziele durch Einbindung und Vermittlung anstatt durch Machtpolitik durchzusetzen versucht. In China bewertet man dagegen vor allem konkrete Resultate von Politik und beurteilt das Gewicht eines Machtpols aufgrund seiner globalen Handlungsfähigkeit. Auch der Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation im Jahre 2002 und die wachsenden Aktivitäten im UNO-Sicherheitsrat seien eher als Machtkalkül denn als Wertezugeständnis zu verstehen, meint May-Britt Stumbau von der FU-Berlin:

"China ist all diesen Institutionen beigetreten in dem Bestreben, sich in die internationale Gemeinschaft insofern einzugliedern, als dass sie einen Nutzen davon haben. Eines der Hauptziele für China ist, wieder im Konzert der Großmächte aufgenommen zu werden, und – wie sie sagen – an ihren angestammten Platz zu gehen. Das Bestreben auf der westlichen Seite war, China zu sozialisieren. Diese Idee hat man auch auf europäischer Ebene, dass man China durch die Aufnahme in diese Organisationen in einem westlichen Sinne sozialisieren kann. Und im Moment sind wir genau an dem spannenden Punkt, an dem China so groß ist und man gleichzeitig einen Einflussverlust auf der westlichen Seite hat. China verändert die Organisationen mehr, als sie dadurch sozialisiert werden."

Seit Jahren fördere China intensiv EU-Programme, ob im Austausch von Studenten oder im wissenschaftlichen und militärisch-strategischen Bereich. Auf europäischer Seite spiele hier der Wertetransfer die Hauptrolle. Für den chinesischen Partner stehe dagegen der Wissenstransfer im Vordergrund, meint May-Britt Stumbaum und zitiert das chinesische Sprichwort "Vom Barbaren lernen, ohne zum Barbaren zu werden". Wang Hui, Professor für Literatur an der Tsinghua Universität in Peking und Kopf der regimekritischen Gruppe der "Neuen Linken" setzt sich gegenüber der kommunistischen Führung Chinas seit 10 Jahren erfolgreich für die Rechte der 300 Millionen Wanderarbeiter ein. Er gilt außerdem als Initiator der umweltpolitischen Reformen, die das Regime seit 2004 umsetzt. Wenngleich Europa in Fragen der Demokratisierung, der sozialen Balance und der Meinungsfreiheit grundsätzlich als Vorbild diene, sehe man auch in den regimekritischen Kreisen Chinas die Schwächen der liberalen Gesellschaften im Westen, betont Wang:

"Es ist offensichtlich, dass wir in China unter einer Zensur leben. Aber gleichzeitig leiden wir unter einem anderen Phänomen: die ungebremste Machtausbreitung der Medien. Wenn eine politische Frage nicht in den Medien transportiert wird, ist es so, als wäre sie gar nicht existent. Wir kennen es aus Europa, dass hier die Staaten deswegen mehr und mehr wie Unternehmen geführt werden. Auch die Parteien funktionieren nicht mehr wie noch die politischen Zusammenschlüsse im 19. Jahrhundert, sondern eher wie ein Organ innerhalb der Staatsstruktur."

Die Kritik des Westens an demokratischen und freiheitlichen Defiziten von Künstlern, Intellektuellen und den Arbeitermassen, aber auch in der Zivilgesellschaft Chinas müsse man auch auf dem Hintergrund unterschiedlicher Freiheitsbegriffe sehen, meint der renommierte französische Sinologe François Jullien. Wo im Westen Freiheit vor allem als Entscheidungsmöglichkeit und Emanzipation verstanden werde, sehe man sie in der chinesische Kultur vielmehr als den "Triumph über sich selbst". Auch beim Thema Arbeiter- und Menschenrechte plädiert Jullien für eine Öffnung der westlichen Welt statt der Werteabgrenzung gegenüber China, um so neue, globale Wertnormen zu ermöglichen:

"Wir müssen alte Kategorien aufbrechen und neue erschaffen. Wir dürfen unser Konzept von Freiheit nicht als etwas Universelles begreifen. Wir müssen unseren Freiheitsbegriff anderen Freiheitsvorstellungen gegenüber öffnen. Universalismus ist kein Kopfkissen, auf dem wir uns ausruhen können, sondern das Ergebnis einer Re-Kategorisierung unseres Denkens."

Dabei reflektiert nicht nur China seine Entwicklung mit Blick auf den europäischen Partner. Angesichts des enormen Wirtschaftswachstums Chinas und dem offensiven Auftreten auf dem globalen Markt hinterfragt man in der krisengebeutelten EU längst eigene Ansätze der Sozial-, Wirtschafts- und Entwicklungspolitik. Die Unterschiedlichkeit zweier Welten, die bis vor wenigen Jahren noch weitgehend voneinander abgeschottet waren, könne statt Abgrenzung eine produktive Spannung erzeugen, so François Jullien. Dazu müsse sich Europa im Transfer von Wissen und Technologie aber auch in strategischen und umweltpolitischen Fragen zielgerichteter und auch offensiver gegenüber China positionieren, betont dagegen May-Britt Stumbaum. Dass trotz eklatanter demokratischer und sozialer Defizite, trotz Menschrechtsverletzungen und Staatswillkür das eurozentristische Weltbild nicht als Maß aller Dinge dienen kann, liegt auf der Hand.

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