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StartseiteForschung aktuellWarum wir unterschiedlich ticken07.02.2013

Warum wir unterschiedlich ticken

Neurowissenschaftler untersuchen die Verdrahtung im Gehirn

Neurowissenschaften. - Rein äußerlich gleicht ein Hirn dem anderen. Was macht uns also einzigartig? Hirnforscher in den USA haben sich jetzt die Verknüpfungen der Nervenzellen genauer angeschaut. Immerhin hat jeder von uns etwa 100 Billionen Kontaktstellen im Kopf – und fast sechs Millionen Kilometer Leitungsbahnen.

Von Stefanie Schramm

Verschaltungen zwischen Nervenzellen. (Universität Antwerpen)
Verschaltungen zwischen Nervenzellen. (Universität Antwerpen)

Wieso ticken wir eigentlich alle so unterschiedlich? Und warum reagieren zwei Menschen auf ein und dieselbe Situation völlig verschieden? Um unserer Individualität auf die Spur zu kommen, hat der Hirnforscher Hesheng Liu von der Harvard University die Verdrahtung im Gehirn genauer untersucht. Bei 23 Probanden hat er den Vernetzungsgrad im Hirnscanner gemessen und verglichen. Das Resultat hat er jetzt im Fachmagazin "Neuron" veröffentlicht.

"Die größten Unterschiede haben wir in den vorderen und oberen Bereichen des Hirns gefunden, die nennen wir Assoziations-Kortex. Diese Regionen sind vor allem für die Verknüpfung von Informationen zuständig, nicht für die einfache Wahrnehmung."

Unterschiedliche Menschen nehmen die Welt also ähnlich wahr. Doch was sie dann aus diesen Eindrücken machen, ist sehr verschieden. Und das beeinflusst auch ihr Verhalten. Liu:

"Wir haben uns die Regionen angesehen, von denen man weiß, dass sie für Unterschiede im Verhalten verantwortlich sind. Und in diesen Bereichen variiert auch die Vernetzung besonders stark. Zum Beispiel fällt die am höchsten spezialisierte Hirnfunktion – die Sprache – genau in die Region, die am stärksten variiert."

Es ist also die Vernetzung der Hirnzellen, die den Unterschied zwischen zwei Gehirnen macht. Doch Liu entdeckte eine überraschende Ausnahme: Er untersuchte auch das Ruhenetzwerk, das aktiv wird, wenn wir nichts Bestimmtes tun. Dort entstehen zum Beispiel unsere Tagträume – eigentlich etwas sehr Persönliches.

"Am Anfang dachten wir deshalb, dass die Unterschiede dort sehr groß sind. Tatsächlich sind sie aber nur mittelmäßig ausgeprägt. Dieses Netzwerk gibt es auch bei Ratten und Affen. Vielleicht hat es also mehr Funktionen, als wir dachten. Es hat viele höhere Funktionen, die es nur beim Menschen gibt, aber es kann auch andere, weniger vernetzte haben, die schon bei Tieren vorkommen."

Das könnte der Grund sein, warum die Verdrahtung im Ruhenetz weit weniger individuell ist, als man annehmen könnte. Die Studie helfe aber nicht nur, die ganz normalen Unterschiede zwischen Menschen besser zu verstehen, sondern auch krankhafte Abweichungen, sagt Liu:

"Wenn wir die Bandbreite der normalen Variabilität kennen, können wir die Vernetzung im Hirn von Patienten damit vergleichen. Wenn sie stärker abweicht, könnte das bedeuten, dass dort etwas schief läuft"

Und gerade die Regionen, in denen sich die Nervenverbindungen bei verschiedenen Menschen besonders stark unterscheiden, spielen eine große Rolle bei psychischen Krankheiten. Denn dort bilden sich eher abweichende Verschaltungen als anderswo.

"Viele psychische Krankheiten hängen eng mit dem Stirn- und Scheitelhirn zusammen. Und viele treten zum ersten Mal in der Pubertät auf, wenn die langen Nervenverbindungen gebildet werden. All das deutet darauf hin, dass die Regionen, die sich von Mensch zu Mensch stark unterscheiden, besonders anfällig für solche Krankheiten sind."

Wo aber genau die Grenze zwischen normaler Verschiedenheit und krankhafter Abweichung verläuft, das ist eine weit schwierigere Frage. Eine einfache Antwort wird es darauf nicht geben.

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