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Was Arbeit leisten kann

Arbeiten und dabei glücklich sein, wer möchte das nicht. Bei dem Versuch, dieses Ideal zu erreichen, lauern viele Fallen, aber auch Chancen. Irgendwo zwischen Flow und Fluch liegt das weite Spektrum der Möglichkeiten hier Glück, Zufriedenheit oder Lebensqualität zu finden.

Von Dörte Hinrichs | 10.11.2011

    Arbeiten und dabei glücklich sein – wer möchte das nicht. Bei dem Versuch, dieses Ideal zu erreichen, lauern viele Fallen, aber auch Chancen. Irgendwo zwischen Flow und Fluch liegt das weite Spektrum der Möglichkeiten hier Glück, Zufriedenheit oder Lebensqualität zu finden. Diese drei Begriffe wurden bei dem Symposium mehr oder weniger synonym verwendet.

    Professor Dieter Thomä von der Universität St. Gallen lenkte den Fokus auf die philosophische Perspektive, sprach von der Arbeit, die bildet im Sinne von Hegel, bei der der Mensch das "Daseiende verwandelt und in diesem Verwandeln sich selbst verwandelt." Er begibt sich also auf eine Art Bildungsreise, in der er nach einer Wendung Heinrich von Kleists "durch eine schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht wird."

    Dass die Wirklichkeit oft anders aussieht, hat er nicht unterschlagen und gefordert, wir müssten uns unter anderem mehr an Lebenszielen und Glücksquellen orientieren, die gegen die ökonomische Wachstumsspirale und die Wut des Vergleichens immun sind. In diese Richtung argumentierte auch Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhoschule Nordwestschweiz und in St. Gallen. Ihm lag daran, den Zusammenhang herzustellen zwischen Glück, Arbeit und Einkommen.

    "In den USA, wo man langfristige Daten hat seit den 50er-Jahren, da sieht man, die Menschen sind genauso glücklich oder unglücklich wie sie schon in den 50er-Jahren waren, also hier kein Zusammenhang zwischen Geld und Glück."

    Wirtschaftswachstum führt nicht dazu, dass die Menschen glücklicher werden in den entwickelten Ländern, aber auf der anderen Seite sind die Reicheren glücklicher als die Ärmeren.

    Warum aber sind die reicheren Menschen eines Landes glücklicher als die ärmeren, wo doch der zunehmende Wohlstand nachweislich nicht glücksfördernd ist?

    "Und das klingt wie ein Widerspruch, ist aber keiner, wenn wir davon ausgehen, dass sich Menschen untereinander vergleichen, das heißt relativ denken. Diejenigen, die mehr haben als der Durchschnitt, die sind relativ zufrieden, schauen ganz glücklich auf die anderen herunter, und diejenigen, die weniger haben als der Durchschnitt, die blicken neidvoll und unzufrieden nach oben."

    Auch wenn Mathias Binswanger als Schweizer aus einem Land kommt, in dem Umfragen zufolge 43 Prozent hochzufrieden sind und weitere 42 Prozent mittelzufrieden – die Tretmühlen des Glücks kennen auch sie. Besonders verbreitet sei in den Industrienationen die Statustretmühle:

    "Man möchte mithalten, man möchte gleich viel Einkommen haben wie Kollegen oder möglichst noch mehr. Und damit wird dann diese Statustretmühle zu einem entscheidenden Faktor auch in unserem Arbeitsleben, sorgt dann auch für ein entsprechendes Konkurrenzverhalten am Arbeitsplatz und das ist dann insgesamt in dem Ausmaß, wie es heute läuft, dem Glück am Arbeitsplatz nicht förderlich."

    Zwar sagen die meisten Menschen, wenn sie gefragt werden, dass sie gerne arbeiten, weil sie das Gefühl haben, gebraucht zu werden, es ihr Selbstwertgefühl fördert und sie sich gesellschaftlich anerkannt fühlen. Gleichzeitig gibt es im Arbeitsalltag auch Momente, in denen Menschen nachweislich am wenigsten glücklich sind: zum Beispiel bei monotonen Tätigkeiten oder beim Pendeln zur Arbeit.

    Und dann ist überhaupt das Streben nach dem Glück bei der Arbeit verdammt anstrengend. Professor Mathias Binswanger skizziert einen möglichen Ausweg:
    "Ich habe gesagt in meinem Vortrag, es ist besser ein Local Hero zu sein als ein global Looser. Man muss sich nicht immer weltweit mit den Besten, Schönsten, Intelligentesten, Reichsten vergleichen, weil da schneiden fast alle schlecht ab. Und da geht es eigentlich um dieses Prinzip: Wahl des richtigen Teiches. Es gibt im englischen diesen Ausspruch, es ist besser ein großer Frosch in einem kleinen Teich zu sein als ein kleiner Frosch in einem großen Teich. Als großer Frosch in einem kleinen Teich hat man einen Status, hat man Bedeutung, als kleiner Frosch im großen Teich ist man ein Niemand. Und da wäre es eben förderlich, man hätte viele Teiche, was vielen Menschen ermöglicht, irgendwo ein großer Frosch zu sein. Und das wird eben heute auch vernachlässigt.

    Weil, es gibt viele Welten, die gar nichts mit dem Einkommen zu tun haben. Man kann durchaus im lokalen Rahmen irgendwo etwas sein, und es spielen dann ja im täglichen Leben auch die lokalen Menschen vor allem eine Rolle. Und das wird heute unzulässig abgewertet und man muss immer weiter schauen und weiten den Horizont."

    Das ist in vielen Fällen sinnvoll, aber viel zu oft wird Menschen Unerreichbares als erreichbar suggeriert. Sich an seinen eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu orientieren, statt äußere Ansprüche zum Maßstab zu erheben, das war eine Glücksformel auf die sich die Forscher bei der Podiumsdiskussion einigten. Auf diese Weise könnte man schon Kinder vor den Tretmühlen des Glücks bewahren. Und auch das Flow-Erlebnis, das völlige Aufgehen in einer Tätigkeit, würde sich so leichter einstellen.

    Insgesamt hat der Wandel der Arbeitswelt seit der Industrialisierung Licht- und Schattenseiten hervorgebracht: Wir haben dank moderner Technik mehr Raum- und Zeitautonomie und können auch von zu Hause aus arbeiten. Gleichzeitig müssen wir uns in einer Arbeitswelt bewähren, die immer unsicherer und komplexer wird. Dr. Harald Krauss, Psychiater und Chefarzt am Marienhospital Dortmund:

    "Die Welt wird immer komplizierter. Auch der Leistungsanspruch wird immer höher und komplexer. Und deshalb sind die Nischen, wo ich mich mal regenerieren kann, wo ich mal auch nicht so leistungsfähig sein kann, die werden immer weniger. Gerade in der Arbeitswelt, die sich immer mehr verdichtet, auch immer mehr in den Freizeitbereich reingeht, Stichwort Blackberry, da ist es ganz, ganz schwer, einfach auch mal innerlich abzuschalten und Abstand zu gewinnen.

    Das ist die eine Seite und auf der anderen Seite ist es schon so, dass der emotionalen Befindlichkeit der Menschen in der heutigen Welt viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Gerade in der Arbeitswelt. Die Menschen haben eine bestimmte Funktion, werden darüber funktionalisiert - wie es den Menschen aber geht, die Befindlichkeit, die tritt in den Hintergrund."

    Und das bleibt nicht ohne Folgen. Die Ressource "Mitarbeiter" wird von den Vorgesetzten oft zu wenig wertgeschätzt, zu wenig motiviert und zu wenig in ihren Möglichkeiten gefördert. Und schon steigt die Gefahr eines Burn-outs, fühlen sich Menschen heute zunehmend von ihrer Arbeit überfordert und erschöpft. Viele haben in dieser Situation ihr Sozialleben vernachlässigt, aber gerade der regelmäßige Kontakt mit der Familie, Freunden oder Nachbarn ist ein wichtiger Glücksfaktor.

    Oder ist es vielleicht den Betroffenen nur nicht gelungen, eine richtige "Work-Life-Balance" herzustellen? Bei diesem weitverbreiteten Begriff sträubten sich bei fast allen Referenten die Nackenhaare. Professor Reinhold Popp, wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Zukunftsstudien an der Fachhochschule Salzburg, plädiert für die Abschaffung des Ausdrucks.

    "Man muss sich das mal vorstellen: Ein Begriff, der aussagt, ich muss in meinem Leben eine Balance schaffen zwischen Arbeit und Leben, als wenn das zwei verschiedene Dinge seien. Und die Wirklichkeit ist halt, dass ich 730.000 Stunden lebe und in dieser Zeit mache ich alles mögliche eben, unter anderem arbeiten."

    Professor Dieter Popp sieht folgenden Ausweg für mehr Glück im Leben und damit auch bei der Arbeit:

    "Also es geht überhaupt nicht darum, eine Balance zwischen Arbeit und Leben herzustellen, sondern es geht, und da wäre der Begriff sicher besser, die Vereinbarkeit unterschiedlicher Lebensbereiche herzustellen."

    Denn gerade die Tatsache, dass zum Beispiel die Öffnungszeiten von Kindergärten oder Schulen häufig nicht auf die Arbeitszeiten der Eltern abgestimmt sind, stresst die Menschen. Denn, so haben europäische Studien belegt: je besser die Vereinbarkeit verschiedener Lebensbereiche funktioniert, desto zufriedener beziehungsweise glücklicher sind die Menschen.