Samstag, 24. September 2022

Endlager in Grenznähe
Was die Schweizer Entscheidung für Deutschland bedeutet

Die Schweizer Behörden haben sich auf einen Standort für ein Atommüllendlager nahe der deutschen Grenze festgelegt. Was die Entscheidung für Deutschland bedeutet.

12.09.2022

    Gelbe Fässer mit dem schwarzen Zeichen für Atommüll stehen übereinander gestapelt.
    Was tun mit Atommüll? Die schweizerischen Behörden haben nun eine Entscheidung für ein Endlager getroffen. (imago/Hoch Zwei Stock/Angerer)

    Was genau hat die Schweiz entschieden?

    Seit fast 50 Jahren haben die Schweizer Behörden nach einem Standort für ein Atommüllendlager gesucht. Nun hat die "Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle" (Nagra) eine Entscheidung getroffen: Das Endlager soll nördlich von Zürich an der Grenze zu Deutschland unweit der baden-württembergischen Gemeinde Hohentengen gebaut werden. Ein Nagra-Sprecher sagte, die Region "Nördlich Lägern" sei eindeutig die sicherste Wahl. In dem Lager sollen die radioaktiven Abfälle aus Atomkraftwerken, Industrie und Forschung in hunderten Metern Tiefe eingebettet werden.
    Laut Nagra sind die Voraussetzungen für ein Endlager in "Nördlich Lägern" ideal: Dort habe die nötige Gesteinsschicht von Opalinuston die beste Barrierewirkung und sei am weitesten von der Erdoberfläche entfernt. Zudem sei der für die Lagerung der radioaktiven Abfälle geeignete Bereich am größten. Opalinuston sei sehr dicht, binde radioaktives Material und "heile" sich bei Brüchen selber, sagte Nagra-Chef Braun.

    Wann soll das Endlager entstehen?

    Das Gesuch bei den Bundesbehörden wird die Nagra voraussichtlich Ende 2024 einreichen, die endgültige Entscheidung Berns dürfte erst 2029 fallen. Danach muss das Parlament grünes Licht geben - und vermutlich steht dann noch ein Referendum an. Der Baustart ist für das Jahr 2045 vorgesehen, die Einlagerung 2050.
    Der Standort des geplanten Atommüll-Endlagers in der Schweiz auf einer Landkarte
    Der Standort des geplanten Atommüll-Endlagers in der Schweiz (dpa / dpa-infografik GmbH)

    Mit welchen Strahlungswerten wird gerechnet?

    Das Bundesamt für Energie und das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) hatten als Rahmenbedingung für das Endlager festgelegt, dass die Strahlung höchstens 0,1 Millisievert im Jahr betragen darf. Bei dem geplanten Lager rechne das Ensi nach den bisher vorliegenden Daten aber nur mit höchstens 0,001 Millisievert Strahlung, hieß es vom Leiter des Aufsichtsbereichs Entsorgung, Altorfer. Im deutschen Strahlenschutzgesetz ist der Grenzwert für die effektive Dosis zum Schutz von Einzelpersonen auf 1 Millisievert im Jahr festgelegt. Zur Einordung: Ein Flug von Frankfurt am Main nach New York und zurück führt laut Bundesamt für Strahlenschutz zu einer durchschnittlichen effektiven Dosis von ca. 0,1 Millisievert.

    Was sagt die deutsche Bundesregierung zu der Entscheidung?

    Bundeskanzler Scholz (SPD) erklärte, seine Regierung werde die Standortentscheidung mit der Schweizer Regierung zu besprechen haben. Vizeregierungssprecherin Hoffmann sagte, die Bundesregierung habe die schweizerische Entscheidung "zur Kenntnis genommen" und werde sie nun prüfen. Bislang habe es eine gute Einbindung der deutschen Seite in den Auswahlprozess gegeben, und die Bundesregierung hoffe, dass dies auch fortgesetzt werde.
    Ein Sprecher des Bundesumweltministeriums verwies auf eine Plausibilitätsprüfung, die nun angegangen werde und an der Experten beider Staaten beteiligt seien. Hier werde die Entscheidung für den Standort noch einmal genau unter die Lupe genommen.

    Was bedeutet die Entscheidung für die angrenzenden Gemeinden in Baden-Württemberg?

    Die Bundesregierung hat bereits deutlich gemacht, dass sie eine finanzielle Unterstützung für die betroffen deutschen Gemeinden erwartet. Ein Sprecher des Bundesumweltministeriums sagte, die Anlage werde auch die Kommunen auf deutscher Seite stark belasten. Es gebe deshalb Gespräche mit dem Nachbarland über Ausgleichszahlungen. Die Schweiz habe bereits ihre Bereitschaft dazu signalisiert. Am Wochenende hatten die Landräte der Kreise Waldshut, Konstanz, Lörrach und Schwarzwald-Baar eine gemeinsame Stellungnahme veröffentlicht. Darin heißt es unter anderem: "Auf deutscher Seite besteht die Erwartung, dass wir als Nachbarn im Verfahren wie bei der Abgeltung in gleicher Weise wie schweizerische Kommunen und Kantone behandelt werden."

    Welche Sorgen haben die Menschen in den betroffenen Gemeinden?

    Der Bürgermeister der Gemeinde Hohentengen, Benz, sagte laut SWR, den Menschen vor Ort sei klar, dass der radioaktive Müll vorhanden ist und entsorgt werden müsse. Auch sie seien für die Lagerung am sichersten Ort. Aber nun müssten Fragen zur Sicherheit, etwa zu Störfall-Szenarien beantwortet werden.
    Dabei geht es etwa um die Trinkwasserversorgung, aber auch Erdbeben wie zuletzt am Wochenende bereiten den Menschen Sorge. Schäden hatte es keine gegeben. Ensi-Mitarbeiter Altorfer sagte dazu, die Gefahr von Schäden an der Oberfläche sei bei einem Erdbeben viel größer als in einem Tiefenlager. Gesetzlich sei zudem vorgeschrieben, dass die Gefahr durch Erdbeben überprüft und beim Plan der Anlage mit berücksichtigt werde, hieß es.
    Kritische Fragen gibt es zudem, da der jetzt ausgewählte Standort 2015 als zweite Wahl zurückgestellt worden war. Nach Angaben von Nagra-Chef Braun waren dafür damals Unsicherheitsfaktoren ausschlaggebend, weil die Opalinuston-Schicht dort so tief liege. Weitere Prüfungen hätten sie aber eines Besseren belehrt: Es habe sich herausgestellt, dass die Festigkeit des Gesteins etwa doppelt so gut sei wie das damals im vorsichtigen Szenario bewertet wurde, sagte er.

    Könnte Deutschland seinen Atommüll nicht auch in das schweizerische Endlager bringen?

    Eine gemeinsame Nutzung des Lagers durch Deutschland und die Schweiz sei nicht geplant, hieß es aus dem deutschen Umweltministerium. Zwar wäre dies "natürlich nicht unsinnig", sagte ein Sprecher. Allerdings habe sich Deutschland entschieden, ein eigenes Lager einzurichten. Er macht klar: "Wir sind für unseren Müll verantwortlich." Deutschland werde aber voraussichtlich erst 2031 den Lagerstandort festlegen.
    Die Schweiz sieht das ähnlich: Es sei ein anerkanntes Prinzip, dass jedes Land seine eigenen Abfälle bei sich selber entsorgen muss, hieß es dort vom Bundesamt für Energie.